mz_logo

Gemeinden
Montag, 26. Juni 2017 27° 5

Sanierung

Besuch im Schlösschen des Asketen

Der Kallmünzer Künstler L. Wigg Bäuml hat ein verhunztes Haus in ein Schmuckstück verwandelt. Dafür erhält er einen Preis.
Von Marianne Sperb, MZ

Wigg Bäuml vor dem Eingang zur Galerie in der Vilsgasse: 27 Jahre lang hat er das Anwesen saniert. Foto: Sperb

Kallmünz.Das war so ein Bauchgefühl.“ L. Wigg Bäuml sitzt in seiner dicht umwucherten Laube im Felsengarten und erinnert sich an 1987. Er war mit seiner Frau Katharina auf Besichtigungstour. Ein Zuhause in Kallmünz wollten sie. In der Vilsgasse 24 öffnete ihnen Familie Özdemir die Tür. Zehn Menschen lebten unter allerbescheidensten Umständen in einem unfreundlichen, hantigen Kasten von Haus. Als die Bäumls aus der Hintertür traten und die hoch aufragenden Jurafelsen hinaufschauten, war ihnen klar: Das hier ist es.

Die Preis war niedrig, die Arbeit hart. „Im Schweiße deines Angesichts“: Wigg Bäuml weiß, was das heißt. 27 Jahre lang hat er das Haus saniert, Stein für Stein. Den Sand für den Mörtel trug er eimerweise von der Straße nach oben ins Haus. Er hat Betontreppen weggestemmt, Räume geöffnet, Stufen aus dem Felsen geschlagen, Gewölbe gefestigt. Keller wurden ausgebaut, Bruchsteine eingepasst, Rundbögen gemauert, Pflaster verlegt, das Dachgeschoss in Wohnraum verwandelt. Bäuml arbeitete ohne einen Architekten, aber mit viel handwerklicher Erfahrung, auch als Kirchenmaler-Meister.

Der 62-Jährige ist langjähriger Vorsitzender des Berufsverbands Bildender Künstler Niederbayern/Oberpfalz und vielfach preisgekrönter Künstler. Zuletzt gewann er den Wettbewerb der Stadt Regensburg für Kunst am nördlichsten Punkt der Donau. Am Flussufer zwischen dem Areal von Freiem TuS und Ruderklub entsteht eine Landmarke mit Schiff. Bevor die Barke an der Donau Gestalt gewinnt, nimmt Bäuml in München eine andere Auszeichnung entgegen: den Denkmalpreis der Hypo-Kulturstiftung.

Ein „Edelsitz“ an seinem Tiefpunkt

Die Sanierung des Bertholzhofener Schlösschens wird am 13. Oktober in der Heiliggeistkirche München mit einem der drei Denkmalpreise 2016 gewürdigt. „Eine Ehre“, sagt der Bauherr – und eine, die mit 20 000 Euro auch signifikant dotiert ist. Rund 40 Vorschläge gingen heuer ein; Bäumls Schmuckstück hatte Dr. Georg Haber, Handwerkskammer-Präsident und Vorsitzender des Kunst- und Gewerbevereins, in München empfohlen.

Im Schlösschen des Asketen: bei Wigg Bäuml

Das Schamml-Haus, wie das Schlösschen auch heißt, einstiger „Edelsitz“ und 1514 erstmals erwähnt, befand sich 1987 an einem Tiefpunkt: heruntergekommen, durch Einbauten verhunzt. Das Dach hing unter der Last der Jahre gefährlich durch. Generationen hatten die Räume zugerichtet, wie sie sie gerade brauchten, mit dem, was gerade da war. Heute liegen Deckenbalken und Fachwerk wieder frei, die Fensterlaibungen zeigen ihre Buckel wieder. Nachträglich eingezogene Zwischenwände sind abgetragen, zugemauerte Fenster geöffnet, Linoleumböden durch Solnhofer Platten und Holzdielen ersetzt. „Wenn ich die alten Fotos anschaue, glaub’ ich es selbst kaum, wie es hier mal ausgesehen hat.“ Eine Zeitlang, während der Dachsanierung, konnte man vom Sofa im Wohnzimmer direkt in den Himmel schauen.

Das Verachtete gewinnt an Wert

Die Kallmünzer staunten über die „immerwährende Baustelle“, fünf Häuser entfernt vom „Geistreiter-Haus“ und dem Raitenbucher Schloss der Lubers, das 2013 ebenfalls einen Denkmalpreis der Hypo-Kulturstiftung erhielt. Bäuml, der zugezogene Nordoberpfälzer, hörte häufig die Frage: „Bist nicht bald fertig?“ Heute staunen die Passanten und fragen: „Wann haben Sie denn die Galerie geöffnet?“ In der Kunstschaunacht 2016 hatte das Haus an die 1000 Gäste, der Besucherstrom riss nicht ab.

„Gut, dass so wenig Geld da war.“ Wigg Bäuml ist heute froh, dass schnelle Lösungen bei der Sanierung nicht möglich waren. Während sich das Paar in seinem provisorischen Baustellen-Zuhause einrichtete, entwickelte sich nach und nach die Vorstellung davon, was dem Haus angemessen wäre. Der Bauherr tat, was er auch als Künstler tut: Er schaut sich das Alte und Verachtete an, legt es frei und macht sein Wesen sichtbar. Er bringt die vergessene Bedeutung von ärmlichem Material in Erinnerung und lädt es mit neuen Zuschreibungen auf.

Bäuml hört in weggeworfenen Dingen das Echo existenzieller Werte. Mit der „Arche im Raum“, einem Schiffsrumpf aus Altholz (2002 in der Minoritenkirche realisiert, unter anderem mit Sergio Sommavilla und Günther Kempf), untersuchte er das Spannungsfeld von Ausgesetztsein und Geborgenheit. In „mare nostrum“ (2015), einer Installation auf Nagelbrett, erinnerte er an das Schicksal von Bootsflüchtlingen. Die Natur und die Kreatur sind weitere Leitthemen in Bäumls Werk: etwa in der Installation „natura sacra“ (1995) in Schloss Wörth, oder in der „Hasenklage“ (2005 im Kunst- und Gewerbehaus), einer Installation mit lebenden Tieren und einer toten Kuh.

Eine Tür stammt aus der Toskana

Das Haus in der Vilsgasse hat viele von Bäumls Fundstücken in sich aufgenommen. Der Bauherr ergänzte die Substanz zum Beispiel mit Bruchsteinen aus einem alten Stall bei Kallmünz oder mit einer Holztür aus der Toskana. Aus dem geschundenen Schamml-Haus wurde wieder ein Schlösschen. Das ist alles sparsam und stimmig gestaltet, mit erstaunlicher Konsequenz bis in jede Nische, Klinke und Stufe. Eine asketische Haltung wird spürbar, der bewusste Verzicht auf Entbehrliches, zugunsten eines Reichtums an Unverzichtbarem.

Wigg Bäuml vor einem der Felsenkellerräume in seiner Galerie im Bertholzhofener Schlösschen: Der historische „Edelsitz“ ist heute ein Schauplatz für Kunst. Foto: Sperb

Vom untersten Keller im Haus bis zur obersten Terrasse im Felsengarten durchmisst das Schlösschen zehn Levels. Im Erdgeschoss zur Vilsgasse zeigt eine Galerie Werke des Hausherrn aus 30 Jahren. Abstrakte Gemälde, Stelen und Modelle finden sich neben Arbeiten wie den „Erdkrümeligen Spitzmaulrüsslern“. „Sie sind sehr selten“, sagt Bäuml über seine Kunstwesen aus Holz und Drahtpelz. „Manchmal kann man sie in den Flussauen von Kallmünz beobachten, meist nach Vollmond und Hochwasser.“

Die Haustür zur Gasse hat einen Bronzegriff, der ein Stück Olivenbaum nachformt. Die Sitzbänke haben Polster, die mit dem Stoff alter Mehlsäcke aus Bäumls Elternhaus bezogen sind. „Theres Kick“, der Mädchenname seiner Mutter, steht darauf. In den oberen Stockwerken liegen Privaträume, Atelier, Büro, noch ein Atelier.

Ein paar exzentrische Details hat sich Bäuml gestattet. Exotische Masken hängen über der Garderobe. In einer der Dielen hängt einen Kristalllüster. Im Terrassengarten steht eine sibirische Kugelkirsche.