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Montag, 20. November 2017 5

Interview

Kinder sollen ungestört spielen können

Hedwig Jackermeier möchte, dass Kinder ungestört spielen können. Kinder sind heute großem Stress ausgesetzt, findet sie.
Von Resi Beiderbeck, MZ

Nichtvirtuelle, praktische, lebensnahe Lern- und Spielanreize finden sich tagtäglich überall – dazu braucht es im Herbst nicht mehr als eine Schubkarre und ein paar Rechen. Foto: Beiderbeck

Brennberg.War früher alles besser?

Manches schon. Früher gab ein strukturierter Tagesablauf mit gleichbleibenden Bezugspersonen den Kindern Sicherheit und Orientierung. Ein für die Kinder nachvollziehbarer Alltag mit wiederkehrenden Ritualen war normal. Lebenspraktische Tätigkeiten lernten die Kinder frühzeitig. Von Anfang an wurden die Kinder in die Aufgaben des Familienalltages mit einbezogen und lernten so frühzeitig Verantwortung und Pflichtbewusstsein.

Kindergartenleiterin Hedwig Jackermeier Foto: Beiderbeck

Erwachsene Bezugspersonen vermittelten dabei klare Regeln und Grenzen. Ihre Umwelt konnten sich die Kinder allmählich und selbstständig aneignen. Sie konnten sich frei bewegen, ihre Umgebung erkunden und so automatisch lernen aus erster Hand. Erfolg und Misserfolg waren dabei an der Tagesordnung. Konflikte mussten eigenständig gelöst und Probleme gemeistert werden.

Warum wäre das auch heute wichtig?

Wenn Kleinkinder grundlegende Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale entwickelt haben, können sie auch den Anforderungen in Schule, Beruf und Gesellschaft gerecht werden. Was im Elternhaus nicht grundgelegt wird, kann in der Kinderkrippe und im Kindergarten nicht weitergeführt werden. Dabei geht es nicht um das Vermitteln von schulischem oder kognitivem Wissen, sondern um das Einüben von grundlegenden Fähigkeiten wie „Warten, bis ich an der Reihe bin“, „Ein Nein akzeptieren“, „Mich auch mal anstrengen“, „Regeln und Grenzen einhalten“, „Mich in eine Gruppe einordnen“.

Tun sich die Kinder damit heutzutage schwer?

Die Freizeit unserer Kinder wird heute durch viele Aktionen und Termine zerstückelt und begrenzt. Von sogenannten „Inselkindern“ ist hier die Rede. Viele Kinder werden vom Kinderturnen zum Ballett gefahren und vom Yoga zum Fußball. Eigenständiges, ausdauerndes, zweckfreies, ungestörtes Spielen und das Sammeln von Sinneserfahrungen ist oft nicht mehr möglich. Akustische und optische Reizüberflutung, Hektik, Medienkonsum und frühzeitiger Umgang mit medialen Spielsachen führen dazu, dass auch kleine Kinder heute schon großem Stress ausgesetzt sind.

Dies hat zur Folge, dass sie nur sehr schwer zur inneren Ruhe und Ausgeglichenheit finden. Das Spiel als ein Grundbedürfnis der kindlichen Entwicklung wird dadurch sehr stark eingeengt. Die dazu nötige zusammenhängende Zeit und Ruhe fehlen meistens.

Außerdem wachsen unsere Kinder heute sehr oft in der Erwachsenenwelt auf. Einerseits werden sie sehr beschützt und umsorgt, andererseits werden ihnen Dinge zugemutet, die sie überfordern. Alles wird den Kindern erklärt und mit ihnen besprochen. Das Vermitteln von kognitivem Wissen und somit auch das Lernen aus zweiter Hand stehen im Vordergrund. Entscheidungen werden oftmals den Kindern überlassen, obwohl sie dazu noch nicht in der Lage sind. Die Kindheit unserer Kinder ist begrenzt und beginnt bei der Geburt. Alles was in dieser Zeit versäumt wird kann nicht mehr nachgeholt werden. Kinder im Alter bis zur Einschulung lernen in dieser Zeit alles was sie für das spätere Leben und für die Schule brauchen.

Was hilft Kindern, sich gesund zu
entwickeln und wie können wir ihnen
Kindheit ermöglichen?

Kinder brauchen einen geregelten, strukturierten Tagesablauf, starke Eltern und Erzieher, viel Zeit zum Spielen, feste Bezugspersonen, klare Regeln und Grenzen. Wichtig sind nichtvirtuelle Lern- und Spielanreize, das Vorleben von Werten, soziale Kontakte und Freunde zum Spielen, altersgerechte Spielsachen, die die Kreativität und das Spiel anregen. Gut ist es, auch mal Langeweile zu haben, um selbst aktiv zu werden, dazu kleine Aufgaben und Pflichten, die das Selbstbewusstsein stärken und schließlich braucht es Erwachsene, die den Kindern etwas zumuten – Stichwort „Resilienz“. Meiden sollte man mediale Spielsachen und zu viel Medienkonsum.

Ist ein Umdenken notwendig?

Die Veränderungen im Lebensumfeld der Kinder haben dazu geführt, dass unsere Kinder ihrer Kindheit beraubt werden. Deshalb fordern wir im Namen der Kinder: „Ich bin ein Kind – lasst mich bitte auch Kind sein!“ (lbi)

Weitere Geschichten aus dem Landkreis Regensburg lesen Sie hier.

Der Kindergarten St. Raphael

  • Belegung:

    Den Kindergarten „St. Raphael“ besuchen zurzeit 58 Kinder – vier weitere Kinder kommen bis Februar noch dazu. 27 Kinder nehmen am Mittagessen teil, das im Kindergarten täglich frisch zubereitet wird. Die Kinderkrippe besuchen zurzeit zehn Kinder – bis März steigt die Zahl auf 15. In der Kinderkrippe nehmen alle Kinder am Mittagessen teil.

  • Das Team:

    Im Kindergarten arbeiten drei Erzieherinnen, vier Kinderpflegerinnen und eine Berufspraktikantin. Zwei Praktikantinnen sind jeweils einmal wöchentlich in der Einrichtung. Neu im Kindergarten sind Kinderpflegerin Gerda Heubeck und Berufspraktikantin Julia Soje. Die Kinderkrippe ist mit einer Sozialpädagogin und zwei Kinderpflegerinnen besetzt. (lbi)

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