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Donnerstag, 27. April 2017 7

Dialog

Flutpolder treffen auf zähen Widerstand

Am 9. Februar wagt sich Umweltministerin Ulrike Scharf in die Höhle des Löwen. In Barbing wird sie auf viele Gegner treffen.
Christof Seidl, MZ

Viele Anwohner lehnen die beiden geplanten Flutpolder im Landkreis Regensburg ab. Sie sollen dazu beitragen, ein extremes Hochwasser der Donau wie im Jahr 2013 in Passau (Bild) zu verhindern. Foto: dpa

Barbing.Es ist ein gigantisches Projekt. Der Freistaat plant, entlang der Donau eine „Perlenkette” aus zwölf großen Flutpoldern zu schaffen, um Hochwasserkatastrophen wie im Juni 2013 die Spitze zu nehmen. Die gesteuerten Polder sollen zum richtigen Zeitpunkt Wasser aufnehmen und so den Höchststand der Flut senken. Zwei dieser Polder sollen im südöstlichen Landkreis Regensburg entstehen, einer im Bereich Eltheim-Geisling (Gemeinde Pfatter), der zweite auf der anderen Donauseite bei Wörth zwischen Kiefenholz und Tiefenthal.

Für die Bevölkerung würde die Realisierung dieser Pläne den zweiten großen Eingriff in ihre Umwelt bedeuten. Denn in den 70er Jahren wurde die Donau zwischen Regensburg und Geisling zur modernen Schifffahrtsstraße ausgebaut. Bereits damals entstanden hohe Dämme, für deren Bau die Landwirte in der Region umfangreiche Flächen abgeben mussten.

Jetzt sollen wieder kilometerlange Dämme gebaut werden. Sie würden zwei riesige Becken bilden, die bei extremem Hochwasser geflutet werden. Gesteuerte Einlässe sollen dafür sorgen, dass die beiden Polder im richtigen Moment volllaufen und so der Hochwasserwelle die Spitze nehmen.

Den Kritikern unter den Anwohnern im südöstlichen Landkreis geht es aber nicht nur um die geplanten Dämme. Ihre große Befürchtung ist, dass sich durch die Polder die Grundwassersituation in der Region weiter verschlechtern wird. Schon beim Ausbau der Donau sollten 17 Meter tiefe Spundwände dafür sorgen, dass der aufgestaute Fluss keine Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel hat.

„Spundwände sind wirkungslos“

Genau das habe aber nicht funktioniert, sagen viele Anwohner heute. Markus Hörner, Vorsitzender der Interessengemeinschaft gegen Flutpolder, erklärte erst dieser Tage bei einem Gespräch mit dem Regierungspräsidenten der Oberpfalz, Axel Bartelt, dass entgegen der Aussage der damaligen Planer eine extreme Verschlechterung eingetreten sei. „Keller und Fluren standen seither mehrmals unter Wasser. Die Spundwände sind wirkungslos, weil die Gesteinsschicht dort unten porös und wasserdurchlässig ist. Somit wird das Wasser unter den Dämmen durchgedrückt.“ Die Verantwortlichen hätten diese Erkenntnis lange abgelehnt. Erst nachdem bewiesen worden sei, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Pegelstand der Donau und dem Grundwasserstand gibt, sei ein Grabensystem angelegt worden, damit das Wasser abfließen könne. Seitdem hätten die Menschen im Donauraum das Vertrauen in die Behörden verloren. Die Diskussion um den Grundwasserspiegel dauert bis heute an und sie wird auch am Montag bei der Veranstaltung mit der Umweltministerin in Barbing das zentrale Thema sein.

Dass die Grundwasserprobleme in der Region mit dem Donauaufstau zusammenhängen, hat Professor Andreas Malcherek von der Bundeswehruniversität München bestätigt. Der Landkreis hatte den Wasserbau-Experten beauftragt, die Grundwassersituation im Bereich der geplanten Polder zu untersuchen. Malcherek hat bisher vor allem die Grundwassersituation im Bereich Geisling/Pfatter (Polder Eltheim) untersucht und entscheidende Entdeckungen gemacht.

Grundwasser steigt seit zehn Jahren

Der Grundwasserspiegel in diesem Bereich steigt seit zehn Jahren an – trotz Entwässerungskanälen hinter den Deichen. Der Freistaat hatte dies bisher immer mit hohen Niederschlägen begründet. Malcherek kann dies nicht bestätigen. Wie er anhand von Grafiken darlegte, gibt es über die Jahre hinweg keinen schlüssigen Zusammenhang zwischen Niederschlagsmengen und Grundwasserspiegel. Anschließend verglich der Experte die Grundwasserentwicklung mit dem Wasserstand der Donau – und stellte einen engen Zusammenhang fest. Malcherek: „Der Grundwasserspiegel verfolgt die Bewegung in der Donau. Das sollte nicht sein.”

Dass es grundsätzlich technische Möglichkeiten gibt, die Grundwassersituation bei der Einrichtung von Flutpoldern zu beherrschen, bezweifelt Malcherek nicht. Er sprach in Pfatter von einer „Brunnengalerie” rund um die Polder. Er bezweifelte aber, ob dies wirtschaftlich darstellbar ist. Der Wasserbauexperte spielt damit auf Aussagen des bayerischen Umweltministeriums an, das immer wieder betont, Grundwasserprobleme, die durch einen Polderbau entstehen, könnten technisch gelöst werden.

Die Poldergegner bezweifeln, dass technische Lösungen funktionieren werden. Sie fürchten, dass im Ernstfall das Grundwasser noch weiter nach oben gedrückt wird. Barbings Bürgermeister Hans Thiel verwies bei einer Informationsveranstaltung des Landkreises zum Polderbau im Herbst darauf, dass bereits beim Hochwasser 2013 das Grundwasser nur mehr 20 Zentimeter unter den Kellern gewesen sei. Wenn das Ministerium behaupte, die Grundwassersituation sei beherrschbar, frage er sich, was in den vergangenen 50 Jahren geschehen sei, denn der Anstieg sei ja nachweisbar. Landrätin Tanja Schweiger brachte die Sorgen der Anwohner auf den Punkt: „Wir sind sehr skeptisch. Wenn die Donau voller wird, steigt unser Grundwasser und wir haben es in unseren Kellern. Wenn weitere Wassermassen bei uns geparkt werden, würde das Grundwasser bis ins Erdgeschoss vordringen.“

Als Alternative zu Flutpoldern schlagen deren Gegner eine deutliche Absenkung des Wasserstands in der Donau zwischen Regensburg und Pfatter vor. Das Grundwasserproblem wäre dann stark verringert und die Donau hätte bei Hochwasser zusätzlichen Rückstauraum, lautet ihre Argumentation. Der hohe Wasserstand nutze nur dem Wasserkraftwerk an der Staustufe Geisling, die dadurch eine optimale Stromausbeute erzielen würde.

Debatte um Staustufenmanagement

Der Freistaat hält diesen Weg für nicht zielführend. Immerhin haben aber die Nachfragen der Poldergegner und des Landkreises dazu geführt, dass das Ministerium Zahlen zu diesem Punkt bekanntgab. In einem Schreiben an Landrätin Tanja Schweiger räumte Umweltministerin Ulrike Scharf ein, dass ein optimiertes Staustufenmanagement ein Mittel der Hochwasserrückhaltung sein kann. Die bisher ermittelten Daten – bei einem hundertjährlichen Hochwasser wären es bei Geisling beispielsweise zwei Millionen Kubikmeter Wasser – sind aber nach Ansicht des Ministeriums im Vergleich zum geplanten Volumen der beiden Polder im Landkreis (32 Millionen Kubikmeter) viel zu gering. Die Landrätin ist anderer Ansicht: „Wenn im Bereich jeder der 56 Staustufen beispielsweise nur eine Million Kubikmeter Wasser zurückgehalten werden könnten, wäre das ein Mehrfaches der geplanten Polder Wörthhof und Eltheim, womit sich unsere Position bestätigt hätte.“ Außerdem biete auch der Rückhalt in der Fläche an den Zuflüssen noch Potenzial.

Schützenhilfe erhält der Landkreis von Umweltverbänden wie dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Er begrüßt zwar das im Herbst von der Umweltministerkonferenz verabschiedete nationale Hochwasserschutzprogramm als „gutes Signal für ein grundsätzliches Umdenken im Hochwasserschutz“. BUND-Sprecher Winfried Lücking forderte aber zugleich, das Programm stärker ökologisch auszurichten, statt die Prioritäten auf den technischen Hochwasserschutz zu legen. Beispielhaft nannte er die im Programm genannten Pläne, bundesweit 57 Flutungspolder zu errichten, die ab einem bestimmten Wasserstand im Fluss geflutet würden. Demgegenüber seien aber nur 29 Projekte zur Rückverlegung von Deichen geplant. Natürliche Wasserrückhalteräume für die Flüsse zu schaffen, sei jedoch ökologisch sinnvoller und oft sogar kostengünstiger als der Bau von Poldern, betont Lücking.

Die Landrätin hofft, dass die Ministerin bei ihrer Veranstaltung zum Flutpolderprogramm am Montag ein klares Bild von den Problemen erhält, die die beiden Polder im südlichen Landkreis bereiten würden. Darum sei es wichtig, „dass möglichst viele Bürger kommen, um geschlossen zeigen zu können, dass unsere Argumente stichhaltig sind“.

Als positiv bewertet Schweiger die Ankündigung des Umweltministeriums, ein großflächiges Grundwassermodell von Regensburg bis Straubing erstellen zu wollen. Damit sei eine Forderung des Landkreises erfüllt. In dem Verfahren dürften aber nicht Rechenergebnisse eine Rolle spielen, sondern auch die Erfahrungen der Anwohner vor Ort

Fakten zu Flutpoldern

  • Dimensionen:

    Die beiden gesteuerten Flutpolder Eltheim und Wörthhof sollen eine Fläche von 590 und 760 Hektar umfassen und jeweils rund 16 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen können. Insgesamt sollen die zwölf geplanten Polder entlang der Donau bei einem extremen Hochwasser 136 Millionen Kubikmeter Wasser zwischenspeichern können. Der Scheitel eines solchen Hochwassers soll dadurch um zehn Prozent sinken.

  • Alternative:

    Die Poldergegner fordern, den Wasserspiegel im Bereich der Donau-Staustufen vor einem Hochwasser abzusenken und so im Fluss selbst Retentionsraum zu gewinnen. In Kombination mit einem verbesserten Rückhalt von Hochwasser in der Fläche würde so viel Stauraum entstehen, dass große gesteuerte Flutpolder nicht mehr notwendig wären. Das bayerische Umweltministerium hält diesen Weg für unzureichend. Nach Berechnungen der TU München wäre der gewonnene Stauraum viel zu gering.

  • Untersuchungsergebnisse:

    Im Dezember hat das Ministerium in einem Schreiben an das Landratsamt Regensburg dazu erstmals Zahlen für die Staustufe Geisling bekanntgegeben. Bei einem fünfjährlichen Hochwasser würde eine Absenkung der Donau vor der Staustaufe Geisling rund sieben Millionen Kubikmeter Stauraum ermöglichen. Bei einem zwanzigjährlichem Hochwasser wären es noch 4,5 Millionen Kubikmeter Stauraum und bei einem hundertjährlichem Hochwasser nur mehr zwei Millionen Kubikmeter. An der Staustufe Straubing würde bei einem hundertjährlichem Hochwasser nach Ministeriumsangaben praktisch kein zusätzlicher Stauraum übrigbleiben,

  • Weitere Maßnahmen:

    Zum natürlichen Rückhalt in der Fläche hat das Umweltministerium zwei neue Untersuchungen in Auftrag gegeben: ein „Auenprogramm Bayern“ sowie ein neues Projekt bei der TU München, das die Wirkungen des natürlichen Hochwasserrückhalts durchrechnet.

  • Verfahrensstand:

    Am Standort Riedensheim (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) besteht Baurecht, an den Standorten Katzau (Landkreise Eichstätt und Pfaffenhofen a. d. Ilm) und Öberauer Schleife (Stadt Straubing und Landkreis Straubing-Bogen) wurden bereits Raumordnungsverfahren durchgeführt.

  • Vorläufige Sicherung:

    Für sechs Standorte wird die vorläufige Sicherung beantragt. Dadurch soll nach Ministeriumsangaben verhindert werden, dass diese Flächen bebaut oder in anderer Weise unbrauchbar gemacht werden. Das Wasserwirtschaftsamt Regensburg hat die Karten für die vorläufige Sicherung der Polderflächen als Überschwemmungsgebiet bereits an das Landratsamt Regensburg weitergegeben. Die Frist für die öffentliche Bekanntmachung beträgt drei Monate.

  • Erweiterung:

    Ein 13. Flutpolder – mit rund 21 Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen der größte – soll oberhalb Deggendorfs bei Steinkirchen entstehen.

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