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Sonntag, 21. Januar 2018 5

Schwimmen

Neutraubling verbietet den Burkini

Im Hallenbad hatte der muslimische Ganzkörperbadeanzug für Protest gesorgt. Andere Bäder im Landkreis sehen kein Problem.
Von Christof Seidl, MZ

Baden gehen im Burkini: Im Neutraublinger Hallenbad ist das seit einiger Zeit verboten. Foto: dpa

Regensburg.Die Stadt Neutraubling untersagt in ihrem Hallenbad das Tragen eines sogenannten Burkinis. Dabei handelt es sich um einen zweiteiligen Schwimmanzug für muslimische Frauen. Er ist aus Elastan gefertigt, hat eine integrierte Kopfbedeckung und erfüllt so die Anforderungen der muslimischen Kleiderordnung. Auslöser für die Entscheidung der Stadtverwaltung war nach Informationen unserer Zeitung eine junge Araberin, die in einem Burkini im Hallenbad während des Frauenbadetags zum Schwimmen ging und sich auch an der Wassergymnastik beteiligte. Dies hatte nach Angaben einer Augenzeugin zu heftigen Protesten – „teilweise unter der Gürtellinie“ – einiger anderer weiblicher Badegäste geführt, die sich durch die Burkiniträgerin in ihrem Badevergnügen eingeschränkt sahen.

Diese Proteste erreichten auch die Neutraublinger Stadtverwaltung und führten dazu, dass im Eingangsbereich des Hallenbads ein Burkini-Verbotsschild angebracht wurde. Die arabische Frau, die als gute Schwimmerin beschrieben wird, kam daraufhin nicht mehr in das Bad.

„Dies widerspricht auch dem Grundgedanken der Integration und der gegenseitigen Anerkennung, was auch immer wieder in vielen Bürgergesprächen deutlich wird.“

Heinz Kiechle

Der Neutraublinger Bürgermeister Heinz Kiechle hatte den Stadtrat im Informationsteil zweier Ausschusssitzungen über den Fall informiert. Gegenüber unserer Zeitung erklärte er auf Anfrage schriftlich, dass die Benutzung der Schwimmhalle laut Satzung „nur in allgemein üblicher Bekleidung gestattet ist“. Es gebe keine besonderen Angebote für muslimische Frauen.

Das Hallenbad werde aus öffentlichen Mitteln finanziert und stehe somit für alle Bürger zur Verfügung. Demnach mache es keinen Sinn, Sonderregelungen für einzelne Religionen zu treffen, die zulasten der Allgemeinheit gehen. Kiechle: „Dies widerspricht auch dem Grundgedanken der Integration und der gegenseitigen Anerkennung, was auch immer wieder in vielen Bürgergesprächen deutlich wird.“

Nur Badeanzug oder Bikini

Das angenähte Kopfteil ist für den Burkini charakteristisch. Foto: dpa

Zum konkreten Fall der jungen Araberin schreibt Kiechle, das Personal des Hallenbads habe zunächst ein Betreten mit Burkini dulden sollen. Nach Einzug von Erkundigungen und Abwägen der Benutzungssatzung habe er später im Hallenbad den oben genannten Hinweis bezüglich allgemeinüblicher Badekleidung (Badehose, Badeanzug, Bikini) anbringen lassen. Das Personal sei angewiesen worden, nur dies zu akzeptieren. Ein Grund dafür war nach Angaben des Bürgermeisters auch, dass angeblich Flüchtlinge nur mit Unterhose und nicht in Badehose erschienen seien. Die Bademeister hätten dies allerdings nicht bestätigt.

„Das ist schon schade, es wäre doch schön, wenn sich alle gegenseitig so akzeptieren könnten, wie sie sind.“

Muslimin aus Neutraubling

Eine praktizierende Muslimin aus Neutraubling, die anonym bleiben will, bestätigt gegenüber unserer Zeitung den Vorfall. Sie hat für beide Seiten Verständnis. Bei den Frauen, die den Frauenbadetag im Neutraublinger Hallenbad nutzen, handle es sich meist um ältere Damen, bei denen ein Burkini vermutlich Unbehagen auslöse. „Solche Menschen haben Ängste, die sie wohl nicht mehr ablegen werden.“ Für praktizierende Musliminnen bedeute das Burkini-Verbot andererseits einen Verzicht. Auch sie selbst werde das Hallenbad unter diesen Vorzeichen nicht mehr nutzen. „Das ist schon schade, es wäre doch schön, wenn sich alle gegenseitig so akzeptieren könnten, wie sie sind.“ Sie betont zugleich, dass dies ihre ganz persönliche Meinung ist.

Die Muslimin steht mit dieser Haltung nicht alleine da. So stuft Wörths Bürgermeister Anton Rotfischer Burkinis im Wörther Hallenbad als „durchaus zulässig“ ein. Er sieht die Ganzkörperbadeanzüge als Möglichkeit, sich an die in Deutschland geltenden Badegepflogenheiten zu gewöhnen. „Bei uns hat Badekleidung früher ja auch ganz anders ausgesehen.“ Einen Frauenbadetag oder optisch abgetrennte Badebereiche werde es im Wörther Hallenbad dagegen nicht geben. Das würde auch nach Rothfischers Ansicht dem Integrationsgedanken widersprechen. Er unterscheidet auch zwischen einem körpernah geschnittenen Burkini und wallenden, kleidartigen Gewändern. Letztere sind nach seiner Auffassung keine Badebekleidung.

Eistaucher sehen ähnlich aus

Das Bild zeigt einen typischen zweiteiligen Burkini. Foto: dpa

Die Gemeinde Pettendorf sieht für den Schwetzendorfer Weiher keinen besonderen Regelungsbedarf. Untersagt ist Baden „ohne übliche Badebekleidung“. „Mit Badebekleidung ist nichts geregelt und das ist auch nicht erforderlich“, sagt Bürgermeister Eduard Obermeier dazu. So seien beispielsweise gelegentlich auch Eisschwimmer oder Taucher mit Neoprenanzügen da. „Mit Schwimmbrille kommt das einem Burkini schon ziemlich nah.“

Burkinis gibt es inzwischen in verschiedenen Farben und Formen. Das Material verhindert, dass der Badeanzug an der Haut anklebt.Foto: dpa

Für den Sarchinger, den Guggenberger und den Roither See ist der Naherholungsverein Regensburg zuständig. Auch dort gibt es keine spezielle Regelung, nur „übliche Badebekleidung“ und den Hinweis, dass die Benutzer alles zu unterlassen haben, „was den guten Sitten, der Ruhe und Sauberkeit zuwiderläuft“. Laut Landratsamt gab es bisher keine Anfragen, aus denen sich ein Regelungsbedarf ergeben könnte.

Ein ganz ähnliches Bild ergab sich auf Anfrage für das Waldbad Hemau, das Freibad Beratzhausen oder das Strandbad am Pielmühler Wehr. Keinen besonderen Regelungsbedarf sehen auch die Dr. Robert Eckert Schulen, die in Regenstauf ein Hallen- und ein Freibad, den Eckert-Beach, betreiben. „Bei uns darf jeder so baden, wie er will“, lautet die Antwort auf unsere Anfrage.

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Ein tragbarer Kompromiss

  • Entstehung:

    Die Öffnung des australischen Rettungsschwimmwesens für Muslime und insbesondere muslimische Frauen inspirierte die libanesisch-australische Designerin Aheda Zanetti im Jahr 2004 dazu, eine schariakonforme Schwimmbekleidung zu entwerfen.

  • Form:

    Der Schnitt des Burkini gleicht dem eines Anzugs mit integrierter Haube, wie sie Eisschnellläufer tragen. Außer Füßen, Händen und dem Gesicht wird der ganze Körper der Trägerin bedeckt. Es gibt inzwischen Varianten des Burkini für Läuferinnen, Judoka etc.

  • Material:

    Ein Burkini besteht aus Polyester, das auch nass nicht am Körperanliegt.

  • Urteil:

    Im September 2013 kommt das Bundesverwaltungsgericht Leipzig zu dem Schluss, dass muslimische Schülerinnen grundsätzlich am Schwimmunterricht teilnehmen müssen.

  • Begründung:

    Um ihren religiösen Bekleidungsvorschriften gerecht zu werden, könnten die Schülerinnen einen Burkini tragen. In dem Verfahren ging es um die Frage, wann das Grundrecht auf Glaubensfreiheit eine Befreiung vom Schulunterricht begründen kann.

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  • HS
    Helmut Süttner
    04.06.2016 00:06

    Nun, Integration hin, Toleranz her: Die Frage wäre, was ist aus hygienischer Sicht gegen einen solchen Anzug aus Elastan mit 85 % Polyurethan einzuwenden? Vermutlich genauso wenig wie gegen Neopren. Würden sich die badenden Einheimischen auch gegen einen Schwimmgast im Neoprenanzug beschweren? Hygienische Gründe würden hier wohl kaum eine Rolle spielen, zumal bekannt ist, dass sich ca. 50% der Einheimischen vor dem Baden gar nicht duschen. Wo bleibt hier die Empörung der besorgten Bürger? http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg/stadtteile/westenviertel/haelfte-der-gaeste-traegt-dreck-ins-westbad-21359-art1322825.html

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