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Samstag, 16. Dezember 2017 5

Bildung

Solarparks fehlt oft die Steckdose

Regensburger Energiegenossen würden mehr Anlagen errichten. Sie kritisieren fehlende Anschlussmöglichkeiten ans Stromnetz.
Von Christof Seidl, MZ

Sie kostete zwei Millionen Euro und kann 350 Haushalte mit Strom versorgen: Die Bürgerenergiegenossenschaft BERR hat bei Bergstetten eine große Photovoltaikanlage in Betrieb genommen. Foto: MZ-Archiv/BERR

Regensburg.Was lange währt, liefert endlich Strom. Seit Anfang Juli läuft die Freiflächen-Photovoltaikanlage (PV-Anlage) der Bürger Energie Region Regensburg eG (BERR) bei Bergstetten (Markt Laaber) mit einem Megawatt Leistung. Knapp fünf Jahre sind seit den ersten Überlegungen der Bürgergenossenschaft vergangen, eine solche Anlage zu errichten. Die Energiegenossen aus dem Raum Regensburg mussten immer neue Vorgaben der Bundesregierung berücksichtigen, sich an Ausschreibungen beteiligen und zahllose Formulare ausfüllen. Zuletzt hatten Terminprobleme bei der Inbetriebnahme des Übergabepunkts für Verzögerungen gesorgt.

Gut zwei Millionen Euro hat BERR in das Projekt bei Bergstetten investiert – für eine kleine Bürgergenossenschaft eine Menge Geld. Trotzdem würde BERR-Vorstandsvorsitzender Joachim Scherrer, er ist zugleich Geschäftsführer der eG, gerne mehr Anlagen in dieser Größenordnung errichten. Aktuell hat er zwei geeignete Flächen ins Visier genommen. Die Hürden liegen allerdings auch in diesem Fall hoch.

Anlage entlang Bahnlinie

Im „Haus mit Zukunft“ in Burgweinting hat BERR erstmals ein Mieterstromprojekt realisiert.Fotos: NaBau/ContemPlan

Die Regensburger Energiegenossen hätten nach seinen Angaben die Möglichkeit, zwei Photovoltaikanlagen mit knapp 750 Kilowatt peak (kWp) Leistung entlang einer Autobahn bzw. Bahnlinie zu errichten. Der Vorteil einer solchen Anlage: Sie muss nicht an der Ausschreibung der Bundesnetzagentur teilnehmen, bei der nur die Bewerber mit den günstigsten Strompreisangeboten zum Zug kommen. Das Problem: Es gibt für die beiden anvisierten Flächen laut Scherrer keinen geeigneten Anschlusspunkt an das Mittelspannungsnetz in wirtschaftlich vertretbarer Entfernung. Es fehlt – vereinfacht gesagt – die passende „Steckdose“ in der Nähe. Im Gespräch mit unserem Medienhaus beklagte Scherrer, dass es extrem schwierig sei, im Zuständigkeitsbereich der Bayernwerk AG einen solchen Anschluss an das Mittelspannungsnetz für eine Photovoltaikanlage zu erhalten. Das Unternehmen sei nicht bereit, zusätzliche „Steckdosen“ für BERR bereitzustellen. Dabei würden sich derartige Investitionen ja durch die Netzgebühren finanzieren.

Diese Darstellung ist nach Angaben von Bayernwerk-Pressesprecher Maximilian Zängl nicht korrekt. Jeder Anlage werde ein Netzverknüpfungspunkt zugewiesen. Das sei gesetzliche Vorgabe. Das Gesetz gebe aber auch vor, bei der Berechnung der jeweiligen Netzanbindung den gesamtwirtschaftlich günstigsten Verknüpfungspunkt zu wählen. Das könne dazu führen, dass je nach Netzsituation längere Anschlussstrecken notwendig sind. Die Kosten für den Anschluss müsse der Anlagenbetreiber entrichten. Ein Netz habe aber auch Kapazitätsgrenzen. Wenn in einem Gebiet bereits viele regenerative Energieanlagen angeschlossen seien oder andere Betreiber ihre Anlage eher angemeldet hätten, könne es sein, dass für ein neues Projekt ein entfernterer Netzverknüpfungspunkt zustande kommt. Zängl: „So verhält es sich leider auch bei einer Anlage der BERR.“

Der Pressesprecher weist auch Scherrers Finanzierungsargument zurück. Die Regelung mit dem gesamtwirtschaftlich günstigsten Netzverknüpfungspunkt sei ja entstanden, um den Druck auf Netzentgelte und damit die Kostenbelastung der Allgemeinheit zu verringern. Zängl: „Daran sind wir auch gebunden. Sämtliche 265000 PV-Anlagen in unserem Netzgebiet haben wir nach dieser Vorgabe angeschlossen.“

Scherrer: Viele geben auf

Landrätin Tanja Schweiger, seit Jahren überzeugte Verfechterin regionaler umweltfreundlicher Energieerzeugung, kam persönlich zur Inbetriebnahme der BERR-PV-Anlage bei Bergstetten. Foto: BERR

Scherrer hält dagegen, dass solche Regelungen kleinere Anlagenbetreiber benachteiligen würden. Tatsache sei, dass seit dem Bergstettener Solarpark keine Energiegenossenschaft mehr bei einem Ausschreibungsverfahren der Bundesnetzagentur zum Zug gekommen ist. Der BERR-Vorsitzende bedauert, dass die vielen Hürden bei der Realisierung den meisten Bürgerenergiegenossenschaften den Mut genommen haben, eigene Projekte zu realisieren. Er kenne Genossenschaften, die ihr Geld in Anteile an Solarparks in Brandenburg investieren. Der ursprünglich angestrebte regionale Aspekt der Energiewende gehe dabei völlig verloren.

Die Energiegenossenschaft

  • Die nächsten BERR-Projekte stehen kurz vor der Fertigstellung: zwei Mieterstromprojekte, eines in Burgweinting und eines in Landshut.

  • Geld:

    BERR hat aktuell rund 260 Mitglieder und 800 000 Euro Eigenkapital.

  • Projekte:

    Die Energiegenossenschaft hat seit 2012 mehr als 20 Anlagen realisiert. Bisher installierte Leistung: mehr als 2000 Kilowatt.

  • Ertrag:

    Der durchschnittliche Stromertrag der BERR-Anlagen liegt bei zwei Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Die dadurch realisierte jährliche CO-Einsparung beträgt etwa 1400 Tonnen.

  • Region:

    Im Zuständigkeitsbereich des Bayernwerks im Landkreis speisen knapp 8000 PV-Anlagen mit gut 144 Megawatt Leistung Strom ins Netz. Im Bereich der Regensburg Netz GmbH (Stadt Regensburg, Teile des Landkreises) sind PV-Anlagen mit knapp 70 Megawatt Leistung installiert. Diese Anlagen produzierten 2016 zusammen rund 200 Millionen Kilowattstunden Strom.

  • Strompreis:

    BERR erhält bei ihrem neuen Solarpark pro Kilowattstunde (kWh) Strom 8,8 Cent. Zum Vergleich: Zu Beginn der Photovoltaikförderung 2004 gab es pro kWh bis zu 54 Cent.

Ein „fremdes“ Projekt gibt es allerdings, an dem sich BERR gerne beteiligen würde: die drei ebenfalls seit Jahren geplanten Windräder bei Sinzing. Für die Bürger in der Region wäre das der Idealfall, sagt Scherrer. „Sie würden zweimal profitieren, vom Ökostrom und von der Rendite.“

Bei ihren eigenen bestehenden Anlagen verzichten die Energiegenossen bisher allerdings auf eine Auszahlung, obwohl BERR laut Scherrer Gewinne macht. Er sieht den Grund dafür in der Ausrichtung der Genossenschaft. „Viele sagen, es reicht, wenn ihr Geld in vernünftige Projekte investiert wird.“

Die Arbeit wird den Energiegenossen auch abseits von Freiflächen-Photovoltaik nicht ausgehen. Die nächsten BERR-Projekte stehen kurz vor der Fertigstellung: zwei Mieterstromprojekte, eines in Burgweinting und eines in Landshut. Aktuell hat BERR rund 260 Mitglieder und 800000 Euro Eigenkapital.

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