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Sonntag, 19. November 2017 3

Kriegsende-Serie

Eine wunderbare Rettung in Mötzing

Als ein Todesmarsch aus dem KZ Flossenbürg in dem Dorf Halt machte, gelang am 25. April 1945 drei Häftlingen die Flucht.
von Christine Strasser, MZ

Zur Hochzeit von Hans Wörner (2.v.r.) waren sechs jüdische Männer eingeladen. Drei davon hatte er nach deren Flucht aus dem Todeszug in Mötzing umsorgt. Foto: Kiendl/Kraus

Mötzing.Janek Silberberg, Samuel Berger und Heinrich Chensinski waren 19, 20 und 21 Jahre alt, als ihnen am 25. April 1945 die Flucht aus einem Todeszug gelang. Da lag bereits ein jahrelanges Martyrium in mehreren Konzentrationslagern und ein kilometerlanger Fußmarsch hinter den drei polnischen Juden. In einer Scheune in Mötzing (Lkr. Regensburg), in der die Häftlinge aus dem KZ Flossenbürg von den NS-Schergen für die Nacht eingesperrt worden waren, setzten die drei jungen Männer an jenem Mittwochmorgen alles auf ein Karte und versteckten sich, als die Häftlinge weiter Richtung Dachau marschieren sollten, im Stroh. Wie durch ein Wunder wurden sie nicht entdeckt, als die Aufseher das Stroh mit langen Stangen durchstachen. Angela Kiendl vermutet, dass die Eile groß war, weil die Amerikaner heranrückten. Von der Donau her waren schwere Geschosse zu hören.

Nur ein Schlurfen war zu hören

Angela Kiendl und Josef Kraus haben Zeitzeugen befragt. Foto: Straßer

Die gebürtige Mötzingerin und langjährige Konrektorin der Grundschule Mintraching, Angela Kiendl, hat zusammen mit ihrem mittlerweile ebenfalls pensionierten Lehrerkollegen Josef Kraus zusammengetragen, was die noch verbliebenen Augenzeugen über den Todesmarsch durch Mötzing und die drei Geretteten erzählen können. Zum 70. Jahrestag der Ereignisse ist ihr Büchlein „Neuanfang dem Tode zum Trotz“ erschienen.

Das KZ Flossenbürg, das einen Großteil der Gefangenen aus anderen Lagern wie Auschwitz, Sachsenhausen und Buchenwald übernommen hatte, hatte am 16. April 1945 damit begonnen, Häftlinge in Richtung auf das KZ Dachau „in Marsch zu setzen“, vollkommen unvorbereitet und ohne ausreichende Ausrüstung und Nahrung. Am 24.April 1945 erreichten ausgemergelte, bis auf die Knochen abgemagerte Männer das Dorf Mötzing.

„Sie sind in einer gespenstischen Totenstille marschiert und man hat nur das Schlurfen ihrer geschundenen Füße gehört“, erzählt der Zeitzeuge Josef Gstettner aus dem Nachbarort Haimbuch. Mötzinger, die den ausgemergelten Gestalten Wasser, gekochte Kartoffeln und Brot reichen wollten, wurden von den Aufsehern rüde abgewiesen.

Sieben Häftlinge wurden ermordet

Im Müllerbauer-Hof wurden die drei Häftlinge aufgenommen. Foto: Kiendl/Kraus

Die Häftlinge übernachteten im Hofmeisterstadel, der frei stehend war und daher strengstens bewacht werden konnte. Den Aufzeichnungen aus der Gedenkstätte Flossenbürg zufolge kamen in Mötzing noch um die 500 Häftlinge an. Zeitzeugen sind sich sicher, dass es weit weniger waren. 200 höchstens. Beim Weiterzug nach Sünching fiel ein Häftling vor Erschöpfung zu Boden. Daraufhin richtete ein SS-Mann seine Pistole auf den Gestürzten und tötete ihn mit einem Kopfschuss. Alfred Schreier, damals ein Schuljunge, sah das mit an. Zwei Häftlinge mussten den Getöteten bis zum Dorfende mitschleifen. Am Ortsausgang wurden die Schwächsten nahe der Laaber erschossen und verscharrt.

Nachdem der Todesmarsch abgezogen war, veranlasste der damalige Pfarrer Alois Braun, die Leichen der Ermordeten am Nordwestende des Mötzinger Friedhofs zu begraben. Über Jahrzehnte waren nur die KZ-Nummern der sieben Männer bekannt. Angela Kiendl begab sich auf Spurensuche. Kiendl landete beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen. Dort konnten die Nummern zugeordnet und die sieben Ermordeten ihrer Anonymität entrissen werden. Kiendl erfuhr die Namen, Geburtsdaten, Geburtsorte, Berufe und mitunter sogar die frühere Anschrift der Eltern. Beispielsweise kann sie nun berichteten, dass der älteste der Getöteten Maurice Blumberg hieß und in Paris einmal Uhrmacher war. Vier Tage nach seinem gewaltsamen Tod wäre er 47 Jahre alt geworden. Zum Andenken soll nun neben dem Kriegerdenkmal in Mötzing ein Gedenkstein mit den Namen der sieben getöteten und der drei Überlebenden aufgestellt werden.

Nach dem Schrecken des durch den Ort ziehenden Todesmarsches keimte in Mötzing aber auch Hoffnung. Aus dem Hofmeisterstadel war Husten zu hören. Janek Silberberg, Samuel Berger und Heinrich Chensinski schlüpften aus ihrem Versteck. Die Mötzinger halfen ihnen – trotz der Angst vor zurückkehrenden SS-Leuten. Aufgenommen wurden die drei schließlich auf dem Müllerbauer-Hof. Dort war der Medizinstudent Hans Wörner zu Besuch. Er versorgte die Häftlinge und achtete darauf, dass sie sich durch die richtige Kost erholten.

Die Erinnerung wachhalten

  • Literatur

    Das Buch „Neuanfang dem Tode zum Trotz – KZ-Todesmarsch durch Mötzing“ von Angela Kiendl und Josef Kraus gibt Zeitzeugenberichte Mötzinger Bürger wieder und ist für den Schulunterricht gut geeignet. Es ist bei der Gemeinde Mötzing, VG Sünching, für fünf Euro erhältlich, Tel. (0 94 80) 93 80 15.

  • Gedenkmarsch

    Ein Gedenkmarsch findet am Freitag, 24. April, statt. Er führt von Schönach (an der B 8) über Hainbuch nach Mötzing. Zeitzeugen werden auf der Strecke von ihren Erinnerungen an den Todesmarsch berichten. Treffpunkt für den Gedenkmarsch ist in Schönach um 18.30 Uhr am Eichenweg/Schlossallee.

Die drei Gerettteten wurden in Mötzing heimisch

Heinrich Chensinski mit seiner „Muddl“. Foto: Kiendl/Kraus

Als schließlich die Amerikaner in den Ort kamen, hatten die Mötzinger bei den Soldaten sozusagen einen Stein im Brett. Denn sie hatten drei KZ-Häftlinge gerettet. Die drei jungen Männer blieben noch einige Jahre in Mötzing. Im Müllerbauer-Hof bekamen sie sogar ein eigenes Zimmer. Der Jüngste von ihnen, Heinrich Chensinski, der seine Eltern verloren hatte, nannte die Bäuerin „Muddl“.

Bald fuhren sie regelmäßig nach Regensburg und knüpften Kontakte zu Schicksalsgenossen. Zur Hochzeit von Hans Wörner und Berta Müllerbauer waren die drei jüdische Männer eingeladen und brachten drei Bekannte mit. Nach dem Elend in den Konzentrationslagern legten die jungen Männer großen Wert auf ihr Äußeres und trugen stets tipptopp gebügelte Hemden, wie es heißt. Sie organisierten auch den Silvestertanz 1945 in Mötzing mit. Alle drei wanderten schließlich nach Israel aus. Es gab aber in den 1950er und 1960er Jahren noch Besuche. Heinrich Chensinski eröffnete in Israel ein Obstgeschäft. Jahrelang schickte er seiner ehemalige Gastfamilie zu Weihnachten eine Kiste Orangen.

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