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Samstag, 18. November 2017 5

Soziales

Eine Oase für pflegebedürftige Senioren

In Neutraubling setzt eine Tagespflege Maßstäbe im Pflegesektor – und entlastet Schichtarbeiter, die Angehörige versorgen.
Von Kerstin Hafner, MZ

  • Die Senioren sinnvoll in das Leben in der Betreuungseinrichtung einbinden – das ist ein Ziel der „Oase Neutraubling“. Fotos: Hafner
  • Beim Kochen können die Senioren mithelfen, wenn sie möchten.

Neutraubling.Eigentlich sieht es in der „Oase Neutraubling“ aus wie in einer hell eingerichteten Großfamilienwohnung. Alle Tische sind überdimensioniert, im Ruheraum warten 15 bequeme Sessel und die Garderobe nimmt eine ganze Wandseite ein. Vier behindertengerechte Toiletten stehen zur Verfügung. Nur die Küche ist normal groß ausgefallen. Hier helfen die noch rüstigen Senior(inn)en beim Kochen, schnippeln das Gemüse, wenden unter Aufsicht das Fleisch oder gehen raus zum Hochbeet, um ein bisschen frische Petersilie abzuschneiden.

Wer nicht mehr ganz so fit ist oder keine Lust auf Kochen hat, sitzt in gemütlicher Runde draußen auf der Terrasse. „Wenn man sich betätigen möchte, darf man das bei uns gerne tun. Wir pflegen nach Erwin Böhm und erziehen unsere Betreuten nicht zur Unselbständigkeit. Bei uns dürfen sie sein, wie sie sind, müssen sich nicht einem unflexiblen System anpassen“, betonen Pflegedienstleiterin Nicole Grathwohl und ihre Stellvertreterin Romilde „Romy“ Göhlert.

Neue Maßstäbe im Pflegesektor

Mit der „Oase Neutraubling“ setzt das Bayerische Rote Kreuz, Kreisverband Regensburg, im Pflegesektor ganz neue Maßstäbe. Seit 1. Juli bietet das BRK in der Zwickauer Straße 1 Tagesbetreuung für pflegebedürftige Angehörige von Schichtarbeitern. Von 6 Uhr früh bis 21 Uhr abends steht die Einrichtung zur Verfügung. We lange die Senioren jeweils bleiben, ist nach Bedarf regelbar. „Wir sind noch ganz neu und unser Angebot ist noch nicht so angekommen in den Köpfen der Menschen, obwohl wir schon viele Flyer verteilt haben“, sagt Nicole Grathwohl. „Deswegen wollen wir die Öffentlichkeit nochmals auf uns aufmerksam machen.“ In zwei Schichten betreuen jeweils drei Pflegekräfte die Senioren – eine examinierte Fachkraft und zwei Betreuungsassistent(inn)en.

Mit diesem Betriebsmodell schlägt das BRK ganz neue Wege ein, um Schichtarbeiter/innen, die zuhause ein Familienmitglied pflegen, zu entlasten. „Unseres Wissens nach sind wir bundesweit die ersten, die so ein fortschrittliches und innovatives Projekt gestartet haben“, erklärt Karl-Heinz Grathwohl vom BRK-Kreisverband.

Bei den Schichtarbeitern in der Umgebung, die schon Kenntnis von der neuen Institution besitzen, herrsche allerdings noch Skepsis, sagt Nicole Grathwohl. „Ich kann meine Mutter doch nicht um 5 Uhr aufwecken, damit ich sie vor Schichtantritt zu euch fahren kann“, lauteten die meisten Aussagen. Die Alternative jedoch ist Grathwohl zufolge, dass man pflegebedürftige Angehörige bis zum Eintreffen des BRK-Fahrdienstes (frühestens 8 Uhr) alleine lassen oder sich etwas anderes überlegen muss. Der Fahrdienst deckt (momentan) nur die bekannten Kernzeiten ab.

Entlastung für Angehörige

13 Plätze kann die Tagespflege-Oase Neutraubling anbieten, bei Bedarf können auch noch vier zusätzliche Plätze gestellt werden. Zwei Wochen nach Beginn sind 75 Prozent belegt, mit Menschen aus Neu-/Obertraubling, Donaustauf oder Eltheim, aber bisher nur in der Kernzeit. Ab 1. August wird die Tagespflege mit der Neutraublinger BRK-Sozialstation verknüpft. Herbert Brunner wird neuer Leiter.

Angeregt wurde die Idee durch Familie Kronseder. Hermann Kronseders Ehefrau Inge nutzt regelmäßig die BRK-Tagespflege in Wiesent. Bei Krones, BMW und im Neutraublinger Fachmarktzentrum ist Schichtarbeit unabdingbar. Die Nachfrage nach Entlastung für pflegende Angehörige ist grundsätzlich gegeben. Das Gebäude in der Zwickauer Straße wurde von Krones gemietet, die Tagespflege steht also in unmittelbarer Nähe zu den Werkshallen.

Durch das Pflegestärkungsgesetz 2 unterstützen Politik und Pflegekassen die Nutzung teilstationärer Angebote wie Tagespflege. Demenzerkrankte erhalten mehr Zuwendungen, bis zum monatlichen Höchstbetrag pro Pflegegrad. „Tagespflege ist günstiger als ein Heim. Wir bieten gerne Beratung zur Pflegestufe“, betonen Grathwohl und Göhlert. Pflegende Angehörige erhalten dadurch mehr Freiräume für sich selbst, ihre Kinder und die alltäglichen Erledigungen – und wissen ihre Senioren gut betreut. „Wir bieten einen sinnvollen Tagesablauf und individuelle Beschäftigung je nach Neigung und Hobbies der Senioren, außerdem angepasste Therapien, Sitzgymnastik, Sturzprophylaxe, gemeinschaftliche Veranstaltungen, auch Ausflüge in andere Senioreneinrichtungen, in den Tiergarten oder zu Konzerten“, so die Verantwortlichen.

In Wiesent – Vorbild für die Neutraublinger Einrichtung – besuchen Kindergärten die Tagespflege. Auch Haustiere sind erlaubt. „Wir bekommen oft positives Feedback von den Angehörigen. Viele sagen, durch ein, zwei oder drei Tage bei uns sind ihre älteren Herrschaften wie verwandelt“, freuen sich die Betreuerinnen. „Alte Menschen sollte man wertschätzen, sie verfügen über einen reichen Erfahrungsschatz. Auch wenn sie gebrechlich werden, darf man sie nicht isolieren, sondern sollte sie sinnvoll einbinden. Davon profitieren beide Seiten.“

Offiziell eingeweiht wurde die neue Tagespflege mit Schichtbetrieb am Sonntag, 16. Juli. Ab dem 7. August wird es einen Angehörigenstammtisch geben.

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