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Vermisst

Foto als letzte verzweifelte Hoffnung

Das Rotkreuzmuseum in Regenstauf bietet erschütternde Einblicke in die Geschichte des internationalen Suchdienstes.
Von Andrea Graf, MZ

  • Über 199 Bände mit 1,4 Millionen Suchanfragen zu vermissten Soldaten und 26 Bände über Zivilverschollene verfügt Gerhard Hofbauer. Fotos: Graf
  • Nur von sich selbst dürfen Suchende Fotos veröffentlichen.
  • Mit der Schreibmaschine wurden früher Suchanfragen dokumentiert.
  • Mit Fotos und kurzen Beschreibungen suchen Eltern nach ihren Kindern.

Regenstauf.Der Soldat Fritz Unruh, geboren am 17. August 1907 in Kaidjenen, sucht seine Frau Martha Unruh aus dem Kreis Heiligenbeil. Vielleicht gehörte er zu den 16 Millionen Menschen, die seit der Gründung des Suchdienstes des Roten Kreuzes weltweit ihre Angehörigen wieder fanden – dank dieser unscheinbaren, über die deutschen Radiosender verbreiteten Kurznachricht.

Fast zwölf Stunden lang gehört ab Oktober 1947 jede Woche der nächtliche Sendeschluss den Meldungen der fast zwölf Millionen Vermissten. Jeder vierte sucht oder wird gesucht, in einem Land, in dem 14 Millionen Menschen über eisige Flüsse in den Westen flohen. Kinder ohne Namen sind darunter: 500 000 mal finden sie mit dem Suchdienst zu ihren Eltern zurück.

In der zermürbenden Verzweiflung und Ungewissheit über den Verbleib der Angehörigen war ein Foto von sich selbst der letzte Hoffnungsschimmer - nach dem Zweiten Weltkrieg wie heute. Kamen sie 1945 über Oder und Neiße, verlieren sie sich heute auf den Migrationsrouten nach Europa oder kentern im Mittelmeer. Mit 60 Millionen ist die Zahl der Flüchtlinge weltweit so hoch wie nie seit dem Ende des zweiten Weltkriegs.

Ein Foto von sich ins Netz stellen

„Trace the Face“ heißt das Online-Tool der 23 international organisierten Rotkreuzgesellschaften, mit dem jeder Suchende ein Foto von sich ins Netz stellen kann. Auf Plakate drucken BRK und DRK die bereits bei Beginn der Aktion im August 300 aktuellen Anfragen. Wo besonders viele Flüchtlinge ankommen, dort hängen auch die Bilder der Hoffnung auf den großen Zufall des Wiederfindens.

Allein 700 Familien sind es , die seit Mitte des Jahres mit „Trace the Face“ ein Kind suchen. Mag das alles heute auf den ersten Blick modern wirken, unterscheidet sich die Methode aber lediglich durch die Nutzung des Internet von der bisherigen Arbeit der Suchdienste. „Es sind 199 Bände mit fast einer Million Bildern und 1,4 Millionen Suchanfragen über vermisste Soldaten, dazu 26 Bände mit den Angaben zu Zivilverschollenen, die wir hier ausstellen“, erzählt Gerhard Hofbauer. Zwei komplette Sätze der Sammlungen stehen dem Leiter des Regenstaufer Rotkreuzmuseum seit 2008 zur Verfügung. „Als das Rote Kreuz 1955 die Listen vom Verband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen übernahm, gingen sie in Druck und an alle Suchdienststellen in Deutschland“, erklärt Hofbauer.

Sie sind aktuell wie damals: allein 2014 seien 4300 Auskünfte möglich gewesen, 14000 mal fragten Angehörige nach. „Auch 70 Jahre nach Kriegsende versuchen oft Urenkel die quälende Ungewissheit loszuwerden, die den Alltag von Familien noch immer überdeckt“, weiß der erfahrene Rotkreuzler. Die Öffnung der Staaten Osteuropas und der erst allmähliche Zugang zu dortigen Archiven und Dokumenten mache Suche in vielen Fällen jetzt möglich und sinnvoll.

Empfinden von Ohnmacht

Ein Blick in die Bücher steigert das Empfinden von Ohnmacht gegenüber der sinnlosen zerstörerischen Kraft des Krieges: junge Männer, Väter, Söhne, Brüder blicken lächelnd in irgendeine Kamera. Und auch die realistisch nachgestellten Szenen in Hofbauers kleinem aber feinem Museum am Regenufer machen ein mulmiges, hilfloses Gefühl. Gesichtslose Kinderpuppen, ein nachgestelltes Soldatengrab am Boden und authentische Plakate an den Wänden schnüren die Kehle zu.

Hofbauer selbst hat zwei Suchanfragen laufen. „Anders ist heute, dass in diesen Büchern die Angehörigen suchen – mit Trace the Face kann aus Datenschutzgründen ein Suchender nur sein eigenes Bild einstellen“, so Hofbauer.

Heute wie damals

Dennoch, kein Zweifel: recht viel anders als in Hofbauers nachgestellter Amtsstube sieht es auch an Weihnachten 2015 nicht aus, wenn ein junger Mann aus Afghanistan in Regensburg, Schwandorf oder München vor überlasteten Mitarbeitern des Suchdienstes sitzt und seinen Bruder vermisst oder wenn eine erschöpfte syrische Mutter verzweifelt ihren jüngsten Sohn sucht.

Der BRK-Suchdienst

  • Beginn:

    Der Suchdienst des roten Kreuzes beginnt mit der Rückkehr des verwundeten Helmut Schelsky in den letzten Kriegstagen. Akribisch sammelt der Professor für Soziologie in Schleswig-Holstein Karteikarten mit den Daten Vermisster.

  • Gründung

    Zusammen mit dem Mathematiker Kurt Wagner gründet er unmittelbar nach Kriegsende 1945 in Flensburg offiziell den Suchdienst. Seit 1949 ist die Genfer Konvention und seit 1977 das Zusatzprotokoll der Genfer Konvention Grundlage einer der wichtigsten Aufgaben des Deutschen Roten Kreuzes.

  • Verpflichtung

    Die Verpflichtung zur Suche nach vermissten Angehörigen infolge bewaffneter Konflikte, Katastrophen, Flucht und Vertreibung und die Familienzusammenführung griff zuletzt bei der Reaktorkatastrohe von Fukushima und 2004 im südostasiatischen Tsunamigebiet.

  • Flüchtlinge

    Derzeit sind weltweit 60 Millionen Flüchtlinge und davon 34 Millionen Binnenflüchtlinge im eigenen Land Opfer von bewaffneten Konflikten. Im September 2014 startete ein Gemeinschaftsprojekt des ICRC mit 23 Partnern europaweit die online-gestützte Suche nach Angehörigen.

  • Kontakt

    Hilfe und Infos dazu bietet http://familylinks.icrc.org/europe oder die Seite www.suchdienst.brk.de. In Regensburg und Schwandorf sind bei den Kreisverbänden Suchdienste eingerichtet. (lac)

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