mz_logo

Gemeinden
Montag, 27. Juni 2016 23° 1

Engagement

Polio: Ein Leidensweg auch im Alter

Betroffenen treffe sich in Regenstauf einmal im Monat und unterstützen sich. Rotraud Korte initiierte die Gruppe 2014.
Von Sabine Norgall, MZ

Die 71-jährige Rotraud Korte leidet unter den Spätfolgen Polioerkrankung. Vor genau zwei Jahren gründete sie in Regenstauf eine Kontaktstelle. Betroffene treffen sich einmal im Monat zum Gespräch. Foto: Norgall

Regenstauf.Völlig ruhig, so als wäre es eine ganz „normale“ Lebensgeschichte, erzählt die Regenstauferin Rotraud Korte von ihrer Polio-Erkrankung. Wie schlimm es gewesen sein muss, das kann man nur ansatzweise nachvollziehen, wenn man versucht, sich in das zehnjährige Mädchen hineinzuversetzen, das 1955 in Oberfranken aufwuchs. Ohne Vorwarnung war von einem Tag auf den anderen ihr ganzer Körper gelähmt. Nur die große Zehe des linken Fußes konnte sie noch bewegen. Die flächendeckende Impfung gegen Kinderlähmung wurde in Deutschland erst zu Beginn der 60er-Jahre Standard. „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“, lautete damals der Werbeslogan.

„Andere liegen in der Leichenhalle“

Rotraud Korte war mit der Schwere ihrer Erkrankung selbst unter anderen Polio-Erkrankten ein Extremfall. „Andere, die es ähnlich schwer erwischt hat, liegen längst in der Leichenhalle“, beschreibt sie ihre Situation von damals völlig realistisch. Ein Jahr lang wurde das Mädchen im Krakenhaus behandelt, es folgten zwei weitere Jahre in einer orthopädischen Kinderklinik. Doch Rotraud Korte kämpfte sich zurück ins Leben. Der linke Arm und das rechte Bein blieben total gelähmt, Rücken und Rumpf sind nur sehr eingeschränkt bewegbar. Trotzdem, erzählt die heute 71-Jährige, folgten für sie knapp 40 Jahre, in denen sie „relativ beschwerdefrei“ leben konnte.

Spätfolgen im Alter

1973 begann sie bei den Eckert-Schulen als Sozialberaterin für Umschüler, 1976 zogen sie und ihr Mann nach Regenstauf. Bis 2005 hat sie gearbeitet. Obwohl die Krankheit sich immer wieder zurückmeldete, ging sie erst mit 60 Jahren als Schwerbehinderte in Rente. Seit etwa 15 Jahren machen sich die Spätfolgen der Polioerkrankung bei ihr nun drastisch bemerkbar. Rotraud Korte sitzt im Rollstuhl, ohne Unterstützung ihrer Familie kann sie die Wohnung in der Schneitweger Straße nicht mehr alleine verlassen. Die kleine Espressotasse, die beim Gespräch mit unserer Zeitung vor ihr steht, kann sie nur zum Mund führen, wenn sie ihren rechten Arm ruckartig nach oben reißt.

Mit Betroffenen austauschen

  • Einmal im Monat

  • Treffpunkt für die Kontaktgruppe ist jeweils am 4. Donnerstag jeden Monats um 15 Uhr in der Elis-Pflegeresidenz in Regenstauf. Die Pflegeresidenz stellt kostenlos einen Raum für das Treffen zu Verfügung.

  • Acht Teilnehmer aus dem Landkreis

  • Aktuell nutzen acht Betroffene, unter ihnen zwei Rollstuhlfahrer, das monatliche Angebot. Die Teilnehmer kommen aus dem ganzen Landkreis, auch aus Nittenau.

  • Interesse wäre größer

  • Das Interesse an den Treffen wäre größer. Einige Betroffene haben aber keine Möglichkeit selbst zu fahren, beziehungsweise sie haben keinen Fahrer.

  • Infos weitergeben

  • Rotraud Korte selbst fährt zu vielen Informationsveranstaltungen und gibt Informationen, die sie dort bekommt, bei den regelmäßigen Treffen weiter. Oft geht es dabei um die Bewältigung der Spätfolgen der Krankheit, das sogenannte Postpoliosyndrom.

  • Das Gespräch hilft

  • Viele Teilnehmer suchen aber vor allem das Gespräch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben oder erleben und die sie verstehen.

  • Keine feste Poliogruppe

  • Weitere Informationen gibt Rotraud Korte unter der Telefonnummer (09402) 8167. Bei der Kontaktgruppe handelt es sich um keine feste Poliogruppe, den organisatorische Aufwand dafür, sagt Rotraud Korte, könne sie nicht mehr leisten.

Ein Grund, sich zurückzuziehen und nur auf sich selbst zu besinnen, ist die Krankheit für Rotraud Korte nicht. Sie selbst ist Mitglied im Bundesverband Poliomyelitis e.V. und als Mitglied in einer Poliogruppe in Bayreuth aktiv. Solche Gruppen gibt es in einigen anderen Regionen Bayerns. Im Raum Regensburg gab es bis vor zwei Jahren nichts Vergleichbares. Deshalb initiierte sie 2014 die Gründung einer Kontaktgruppe in Regenstauf. Deren Mitglieder treffen sich alle vier Wochen. Dabei gibt Rotraud Korte, wenn gewünscht, gerne ihr Wissen weiter, das sie sich über die Jahre hinweg angeeignet hat.

„Bei den gefürchteten Spätfolgen gehen die Nervenzellen, die noch aktiv sind, nach und nach durch die ständige Überforderung kaputt.“

Rotraud Korte

Über die Spätfolgen der Kinderlähmung, das sogenannte Post-Polio-Syndrom, wisse man erst seit den 80er Jahren Bescheid, erzählt sie. Bei den gefürchteten Spätfolgen gehen die Nervenzellen, die noch aktiv sind, nach und nach durch die ständige Überforderung kaputt. Diese Spätfolgen, stellt sie klar, können mit einem mehr oder minder schweren Verlauf eintreten. Das könne, müsse aber längst nicht bei allen Erkrankten der Fall sein. Wie unbekannt die Spätfolgen der Virusinfektion sein können, weiß auch Rotraud Kortes Ehemann Wolfgang. Als er vor Jahren im Krankenhaus behandelt wurde, sprach sein Arzt seine Ehefrau, die im Rollstuhl neben seinem Bett saß, auf ihre Erkrankung an.“Post-Polio-Syndrom“ antwortete diese. Der Arzt nickte, ging bis zur Tür, drehte sich um und fragte nach: „Was ist das genau?“

Vor zwei Jahren gegründet

Im April besteht die Polio-Kontaktgruppe in Regenstauf seit zwei Jahren. Aktuell hat sie acht Mitglieder, die sich jeweils am letzten Donnerstag im Monat in der Elia-Pflegeresidenz treffen. Eine Regionalgruppe, so wie in Bayreuth, wollte Rotraud Korte vor Ort ganz bewusst nicht aufbauen. Eine Regionalgruppe hätte einen ähnlichen rechtlichen Status wie ein Verein, mit allen Rechte und Pflichten. Diese Aufgabe wollte sie nicht mehr anpacken.

In der Kontaktgruppe gibt sie gerne all die Informationen weiter, die sie selbst von ihren Besuchen aus Bayreuth mitbringt. Ganz oft aber, weiß sie aus der Erfahrung der vergangenen zwei Jahre, wollen sich die Betroffenen ganz einfach mit Menschen unterhalten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie sie selbst und die deshalb die Fragen, Probleme oder auch Ängste der anderen ganz genau verstehen können.

Unter den Teilnehmern der Kontaktgruppe in Regenstauf hat Rotraud Korte das mit Abstand schwerste Handicap, die meisten anderen sind vor allem gehbehindert. Themen die immer wieder angesprochen werden sind die Informationen über Spezialkliniken, Schmerztherapie oder der Hinweis auf Behandlungsmethoden, die eine Linderung versprechen.

Engagement für Barrierefreiheit

Aus dem Engagement für Menschen, die die gleiche Erkrankung wie sie auch haben, ergibt sich für Rotraud Korte auch eine weitere Aufgabe. Im Rahmen der Erneuerung des Regenstaufer Ortskerns engagiert sie sich bei der Neuplanung für die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum. Zusammen mit ihrem Mann Wolfgang, der ihren Rollstuhl schob, war sie dabei, als die Stadtplaner zum Jahresende 2015 den Ist-Zustand in der Ortsdurchfahrt erhoben. Über die Tatsache, dass viele Fotos der damaligen Ortsbegehung sie mit einem eher unwilligen Gesichtsausdruck zeigen, kann sie heute nur lächeln. Grund dafür war eines der größten Probleme der Ortsdurchfahrt, wenn es um das Thema Barrierefreiheit geht: Das Kopfsteinpflaster.

Wenn Wolfgang Korte sich mit einem anderen Teilnehmer der Ortsbegehung unterhielt, achtete er beim Rollstuhlschieben weniger auf den Straßenbelag vor ihm. Rutschten die Reifen des Rollstuhls in eine Lücke zwischen dem Pflaster kam dieser Ruck als sehr schmerzhaftes Durchschütteln bei Rotraud Korte an. Besonders schlimm ist es, wenn der Rollstuhl richtig hängen bleibt. Unvermittelt wird die Rollstuhlfahrerin dann nach vorne katapultiert und muss sich krampfhaft auf ihrem Sitz festhalten. Aber nicht nur das Pflaster macht ihr die Wege durch den Ortskern schwer. Die Kirche mit ihrem hohen Bordstein zur Straße hin ist für sie kaum erreichbar. Die Regenstaufer Geschäfte in der Ortsdurchfahrt würde sie gerne nutzen, müsste sie dafür nicht steile Treppen überwinden. Da weicht sie dann notgedrungen auf die Einkaufszentren in Regensburg aus.

Toiletten für Behinderte

Auch eine weitere Anregung für mehr Rücksicht auf Behinderte im Ortskern kam von ihr.: Bei den öffentlichen Toiletten, wie etwa beim Parkplatz am Masurenweg, sollte eine Kabine Menschen mit Behinderung vorbehalten bleiben, die diese mit einem Spezialschlüssel öffnen könnten. Rollstuhlfahrer, erklärt sie, seien darauf angewiesen, Toiletten im Sitzen zu benutzen. Allerdings seien WC-Anlagen, die von allen genutzt würden, oft so verschmutzt, dass die fast unmöglich sei.

„Wäre ich geimpft gewesen, mein Leben wäre ganz anders verlaufen.“

Rotraud Korte

Es sind auch die ganz allgemeinen Alttagsprobleme wie diese, die bei den Treffen der Kontaktgruppe immer wieder thematisiert werden. Die meisten Mitglieder der Gruppe sind übrigens älter als Rotraud Korte, das jüngste Mitglied ist 63. Dank der Schutzimpfung gibt es keine jüngeren Erkrankten mehr. Die Erkrankung galt in Deutschland schon als ausgerottet. Angesichts der vielen Asylsuchenden, die oftmals nicht geimpft sind, rät Rotraud Korte dringend auf den Impfschutz zu achten und vor allem Kinder impfen zu lassen: „Wäre ich geimpft gewesen, mein Leben wäre ganz anders verlaufen.“

Weitere Informationen über die Krankheit, zu Regionalgruppen und Kontaktstellen in Bayern gibt es im Internet unter www.polio-lv-bayern.deoder unter www.polio-selbsthilfe.de

Kommentare (0) Regeln Unsere Community Regeln

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht