mz_logo

Gemeinden
Montag, 25. Juli 2016 30° 4

Gesellschaft

Wissen gibt Radikalen keine Chance

Ausstellung „Rechtsradikalismus in Bayern“ in Regenstauf. Zeugen des Naziterrors und Aussteiger der rechten Szene berichten.
Von Sabine Norgall, MZ

Fred Wiegand hat die Ausstellung bereits zum dritten Mal nach Regenstauf geholt und ein interessantes Rahmenprogramm organisiert. Foto: Norgall

Regenstauf.„“Rechtsradikalismus fängt oft sehr langsam an. Der Bedarf, aufzuklären, ist groß“, sagt der Regenstaufer Fred Wiegand. Wiegand gehört im Markt zum politischen SPD-Urgestein. Seine zweite große Leidenschaft ist die örtliche Geschichtsforschung. Und unter anderem deshalb, weil er die genau studiert hat, weiß er, wie wichtig es ist, den Anfängen zu wehren. Nach 2009 und 2011 holte Wiegand jetzt zum dritten Mal, in Zusammenarbeit mit der Max-Ulrich-von-Drechsel-Realschule, die Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung „Rechtsradikalismus in Bayern“ in einer aktualisierten Version in den Markt. Die Wanderausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung ergänzt der Hobbyhistoriker Wiegand für Regenstauf mit eigenem Material, das die Geschichte des Markts in den Jahren zwischen 1930 und 1946 beleuchtet.

„Wer Bescheid weiß, wer es gelernt hat, Fragen zu stellen, der lässt sich nicht so leicht radikalisieren.“

Fred Wiegand

„Wer Bescheid weiß, wer es gelernt hat, Fragen zu stellen, der lässt sich nicht so leicht radikalisieren“, ist Wiegand überzeugt. Deshalb ist ihm bei der Organisation der örtlichen Ausstellung „Rechtsradikalismus in Bayern“ die Zusammenarbeit mit den Schulen am Ort besonders wichtig. Die vom Bayernforum der Friedrich-Ebert-Stiftung konzipierte Wanderausstellung wirft einen genauen Blick auf aktuelle Entwicklungen rechtsextremer Tendenzen in der Gesellschaft. Sie zeigt Schaubilder rechtsextremer Jugend, Propaganda, Symbole, rechte Agitation im Internet oder macht auf die Merkmale von Rechtsextremismus aufmerksam. Die Diskussionsrunden rund um die Ausstellung thematisieren, was man dagegen tun kann.

Auch in Regenstauf, sagt Wiegand, gebe es rechte Grundstrukturen. Rund 100 Bürger hätten bei den letzten Bundes- beziehungsweise Europawahlen die NPD gewählt, auch die AfD sei bereits bei der Europawahl deutlich jenseits der Fünf-Prozent-Marke gelandet. Es sei wichtig, sagt Wiegand, dass besonders die Jugend nicht anfällig würden für rechte Propaganda. Durch das Internet funktioniere deren Verbreitung heute leider sehr leicht. Jugendliche, sagt Wiegand, sollten lernen, Behauptungen im Internet zu hinterfragen, bevor sie Inhalte liken und weiterverbreiten. Dazu sei es wichtig, mehr als nur die Überschriften oder verkürzte Zusammenfassungen zu lesen. Wer sich informieren wolle, müsse bereit sein, auch mal tiefer in Inhalte hineinzugehen.

Für vertiefte Information sollen vor allem auch die drei Veranstaltungen sorgen, die Wiegand rund um die Ausstellung organisiert hat.

Ausstellung und Diskussionen

  • Start am 15. Februar

    Ausstellungseröffnung im Kultur- und Mehrgenerationenhaus ist am Montag, 15. Februar, um 19.30 Uhr. Eine Einführung gibt Thomas Witzgall von „Endstation Rechts.Bayern“. Grußworte sprechen Bürgermeister Siegfried Böhringer und Markus Hartl, Rektor der Max-Ulrich-von-Drechsel-Realschule. Die Ausstellung ist bis zum 26. Februar zu sehen.

  • Bericht eines Zeitzeugen

    Max Mannheimer, jüdischer Überlebender des Holocaust, will durch seine Vorträge über seine Erlebnisse im Konzentrationslager Jugendliche wie Erwachsene über die Schrecken des Dritten Reichs aufklären. Er spricht am Dienstag, 16. Februar, um 11 Uhr in der Max-Ulrich-von- Drechsel-Realschule. Anschließend besteht

  • Gelegenheit zur Diskussion

    Mannheimer sagt selbst über seine Vorträge: „Ich komme als Zeuge jener Zeit in die Schulen, nicht als Richter oder Ankläger.“

  • Ein Aussteiger berichtet

    Felix Benneckenstein, Aussteiger aus der rechten Szene, diskutiert am Dienstag, 23. Februar, um 10.45 Uhr in der Realschule über Rechtsextremismus und berichtet darüber, wie leicht es ist, in die Szene abzurutschen.

  • Podiumsdiskussion zum Abschluss

    Mit einer Podiumsdiskussion am Donnerstag, 25. Februar, um 19.30 Uhr im Kultur- und Mehrgenerationenhaus enden die Veranstaltungen rund um die Ausstellung in Regenstauf. Noch steht die Diskussionsrunde nicht ganz fest. Teilnehmen werden aber auf jede Fall Ilse Danziger von der jüdischen Gemeinde Regensburg, Thomas Witzgall von „Endstation Rechts.Bayern“, Gotthold Streitberger von der BI Asyl Regensburg, der Chef der PI Regenstauf, Klaus Baumer und Schüler der Realschule Regenstauf.

Ein bisschen stolz ist Wiegand darauf, dass er für eine Informationsveranstaltung in der Realschule spontan eine Zusage von Max Mannheimer bekam.

Max Mannheimer spricht am 16. Februar in Regenstauf. Foto: Lukesch

Mannheimer ist ein jüdischer Überlebender des Holocaust, der es sich seit vielen Jahrzehnten zur Aufgabe gemacht hat, immer wieder Zeugnis abzulegen von den Schreckensjahren der Nazi-Diktatur. „96 Jahre und topfit, so beschreibt Wiegand einen der letzten Zeitzeugen, der noch in der Lage ist, darüber zu berichten. Um ihn als Referent am Ort zu haben, nimmt Wiegand es gerne in Kauf, ihn vor der Veranstaltung in München abzuholen und anschließend wieder zurückzubringen.

„Die Herren in Schlips und Kragen geben bei den Rechtsradikalen die Richtung vor.“

Fred Wiegand

Ebenso wichtig wie der geschichtliche Rückblick ist im Rahmen der Ausstellung aber auch der Blick auf gefährliche gesellschaftliche Tendenzen in der Gegenwart. Felix Benneckenstein, selbst ein Aussteiger aus der rechten Szene, wird mit den Regenstaufe Schülern über Rechtsradikalismus diskutieren. Darüber, wie leicht es ist, in die Szene hineinzurutschen und wie schwer es sein kann, den Absprung daraus zu schaffen. Längst hätten sich die Strukturen in der rechten Szene geändert, kommentiert Wiegand einen Slogan auf dem Werbeplakat für die Ausstellung: „Der Schlips denkt, der Stiefel sprengt.“ Heute, sagt Wiegand, seien es „die Herren in Schlips und Kragen“, die bei den Rechtsradikalen die Richtung vorgäben, „und die machen sich die Hände vor Ort nicht schmutzig“. Fürs Grobe gäbe es dann diejenigen mit den Springerstiefeln, die landläufig das Bild der Rechtsradikalen prägten. Die Diskussionsrunden rund um die Ausstellung finanziert Wiegand mit einem Zuschuss der Ebert-Stiftung und örtlichen Sponsoren.

„Rechtsradikalismus fängt immer langsam an. So viel Hass auf andere, auf das Fremde, ist ja nicht auf einmal da, das wächst Stück für Stück.“

Fred Wiegand

Aus früheren Ausstellungen am Ort weiß Wiegand, dass die Schulklassen, die die Ausstellung besuchen, oft besonders dann anfangen, sich zu interessieren, wenn sie in dem historischen Material den örtlichen Bezug erkennen. Bei jeder Führung von Schulklassen weist Wiegand auch auf die örtliche Geschichte hin, erzählt die Geschichten dazu, wie es kam, dass auch in Regenstauf, das zum Ende der Weimarer Republik eher als „Kommunistennest“ bekannt war, schließlich die Saat des Nationalsozialismus aufging. Wiegand dazu: „Rechtsradikalismus fängt immer langsam an. So viel Hass auf andere, auf das Fremde, ist ja nicht auf einmal da, das wächst Stück für Stück.“ Deshalb sei es so wichtig, darauf hinzuweisen, dass viele Ängste manchmal auch nur unbegründete Vorurteile seien.

Für viele Jugendliche werde die Geschichte erst dann lebendig, sagt Wiegand, wenn sie persönlich greifbar sei. Deshalb hat er in den örtlichen Teil der Ausstellung auch die Namen der Regenstaufer Gefallenen aus beiden Weltkriegen integriert. Wenn da plötzlich der Name des eigenen Urgroßvaters auftaucht, weiß er, dann merke doch so mancher Besucher, dass die vermeintlich trockenen Geschichtsfakten auch ihn ganz persönlich etwas angehen.

Kommentare (0) Regeln Unsere Community Regeln

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht