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Geschichte

13 neue Gründe, auf den Boden zu blicken

Erinnerung an NS-Opfer: Zu den 197 Stolpersteinen in Stadt und Landkreis Regensburg kommen ab Montag 13 weitere hinzu.
Von Angelika Lukesch und Ulrich Fritsch, MZ

Die Stolpersteine in Regensburg sollen an die früheren Bewohner der Stadt erinnern. Foto: dpa

Regensburg.Seit 2006 kämpft die Arbeitsgruppe Stolpersteine Regensburg im Evangelischen Bildungswerk gegen das Vergessen. In der NS-Zeit wurden hunderttausende Menschen aus ihren Wohnungen deportiert, zur Zwangsarbeit eingesetzt und in Konzentrationslagern ermordet. Auch aus Regensburg wurden viele Menschen verschleppt. Von mehr als 220 Personen weiß man sicher, dass sie von hier aus deportiert wurden. Doch gibt es auch viele Fälle, deren Schicksal gänzlich im Dunkeln liegt, wo man jedoch Deportationen vermuten kann. Die Stolpersteine in Regensburg sollen an die früheren Bewohner der Stadt erinnern und „ihre Namen gewissermaßen wieder zurückholen aus der Vergessenheit“, sagt Ulrich Fritsch.

Fritsch gehört seit 2013 zur Arbeitsgruppe und recherchiert solche Fälle. „Da oft ganze Familien ausgelöscht wurden, verschwanden im Laufe der Zeit die Erinnerungen an Personen, Tätigkeiten, dann auch an ihre Namen. Das ist das, was der Nationalsozialismus hatte erreichen wollen: nicht nur die körperliche Ausmerzung dieser Menschen, sondern auch ihrer Spuren“, sagt er.

Idee stammt aus Köln

Mit den Stolpersteinen werden die Namen und Lebensdaten dieser Personen wieder in die Erinnerung zurückgeholt. Die Idee dazu stammt vom Kölner Künstler Gunter Demnig. Zehn mal zehn Zentimeter große, mit einer gravierten Messingplatte versehene und ins Pflaster eingelegte Steine erinnern an die deportierten und ermordeten Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, politisch Verfolgte, Homosexuelle und Euthanasieopfer.

Bislang wurden 196 Steine in Regensburg sowie eine Stolperschwelle verlegt, außerdem ein Stein in Schierling. Dreizehn neue Steine kommen am Montagvormittag hinzu.

Stolpersteine in der Region finden Sie auf Mittelbayerische Maps:

Fritsch hat bis jetzt das Schicksal von 17 Personen recherchiert. Wie geht man an eine solche Recherche heran? Erste, aber nur sehr knappe Informationen (Name, Geburtsdatum, Wohnung) seien in den Deportations-listen enthalten, die bei den Verschleppungen ab April 1942 in Regensburg entstanden und veröffentlicht worden sind, erklärt Fritsch. Damit könne man beginnen, im Stadtarchiv und in Adressbüchern nach weiteren Informationen zu suchen. Manchmal werde man fündig, gelegentlich bleibe ein Ergebnis aber ganz aus. „Alle Unterlagen der jüdischen Gemeinde waren beim Novemberpogrom 1938 vernichtet worden“, sagt Fritsch. „Sie fehlen nicht nur für die Recherchearbeit.“

Steuerakten sind Fundgruben

Meist ist eine hartnäckige Recherche nötig, etwa in Büchern, Archiven oder in den unvollständigen Namenslisten der Konzentrationslager. Neben dem Regensburger Stadtarchiv können oft auch Archive anderer Städte weiterhelfen. In Amberg etwa liegen vielfach Finanzakten. Für Fritsch es ist verblüffend, wie viel Informationen er schon aus Steuerakten lesen konnte – etwa dass ein Lebensmittelladen 1926 schon ein Telefon besaß, man Waren bestellen konnte oder dass ein um 1930 gebautes Haus bereits separate Toiletten in den Wohnungen besaß. Fritsch erzählt etwa von einer Todesanzeige, die 1945 in einer jüdischen Zeitung in den USA erschienen ist. Darunter hatte ein bis dahin Verschollener unterschrieben. Dadurch wusste man jetzt, dass er sich vor den Nationalsozialisten retten konnte. Zufällig ergeben sich auch Kontakte mit unmittelbaren oder entfernt verwandten Nachkommen der NS-Opfer.

Die Informationen, die die Mitglieder der Arbeitsgruppe zu Regensburgern NS-Opfern zusammengetragen haben, können auf www.stolpersteine-regensburg.de abgerufen werden.

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13 neue Stolpersteine werden verlegt

  • Montag, 8.30 Uhr:

    Am Watmarkt 4 (zwei Steine)

  • 9.10 Uhr:

    Wahlenstraße 18

  • 9.30 Uhr:

    Malergasse 9

  • 10.25 Uhr:

    Roritzerstraße 2a (vier Steine)

  • 10.55 Uhr:

    Adolf-Schmetzer-Straße 16 (zwei Steine)

  • 11.25 Uhr:

    Greflinger Straße 5

  • 11.55 Uhr:

    Galgenbergstraße 7

  • Kontakt

    per Mail an stolpersteine@ebw-regensburg.de oder telefonisch im Evangelischen Bildungswerk in Regensburg

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