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Regensburg
Montag, 18. Dezember 2017 1

Menschen

Alice mit ihrem Zen-Mops im Wunderland

Rudolf-Hinse spürte fast physischen Hunger nach Farbe. Da begann die Psychologin zu malen. Ihre Bilder nähren die Seele.
Von Helmut Wanner. MZ

Alice Rudolf-Hinse und der blaue Stuhl: Ein Traum brachte die Psychologin im Jahr 2000 zum Malen. Foto: Dieter Nübler

Regensburg.Es war der ehemalige Regensburger MZ-Fotograf Dieter Nübler, ein sachverständiger Kunstsammler, der Alice Rudolf-Hinse bei einer Einladung zufällig entdeckt hat. Er sah die Bilder an den Wänden, war begeistert und hat sie an ihrer Staffelei fotografiert – darauf legte sie das Gemälde mit dem blauen Stuhl im Garten. Das Foto schickte Nübler mit folgender Notiz an die Zeitung. „Schulpsychologin Alice. Malerei. Ab 13 Uhr psychologische Dinge. Mann Gründer der Stadtmaus.“

Ihr Mann heißt Hubertus Hinse. Der gelernte Theaterpädagoge ist Mitbegründer und Gesellschafter der Stadtmaus. Die meisten Kreativ-Konzepte für historische Stadtführungen stammen aus seiner Feder. 2011 veröffentlichte er mit „Roter Herzfleck, Blauer Hecht und eine Fürstenhochzeit“ eine bunte Sammlung von Geschichten und Anekdoten. Jetzt im Oktober folgt sein Roman-Erstling „Drudenherz“. Seine Frau besorgte das Erstlektorat. Die beiden sind ein eingespieltes Kreativ-Ehepaar. Und jetzt kommt die öffentliche Anerkennung.

„Mein absoluter Liebling. So völlig losgelöst im Hier und Jetzt. Die Fliege auf der Nase stört ihn nicht. Er ist mein Zen-Mops.“

Alice Rudolf-Hinse

Die Schönheit in den Alltag bringen

Ihre Wohnung ist wie eine Botschaft. Wenn Alice Rudolf-Hinse beim Frühstückstee sitzt, ist es, als sitze sie am Strand: Sie blickt in Farbenmeere. Sie hat sich ihre Gärten, Tiere, Landschaften selbst gemalt. In allen Ecken der geräumigen Jugendstil-Wohnung herrschen Klarheit und Ruhe „made by Alice“. Frei nach Pippi Langstrumpf, malt sie sich ihre Welt so wie sie ihr gefällt.

Öffnet sie morgens die Augen, schaut sie ihr blauer Mops an. Kein lebendiger Mops. Der würde sich im dritten Stock eines Altstadthauses auch nicht wohlfühlen. „Mein absoluter Liebling. So völlig losgelöst im Hier und Jetzt. Die Fliege auf der Nase stört ihn nicht. Er ist mein Zen-Mops.“ Sie spricht das Wort Zen mit einem weichen, aber betonten „s“ aus – wie das Wort „Sendung“.

Die nährende Kraft der Farben

Sie hat eine Mission, die keinen behelligt. „Ich bringe die Schönheit in meinen Alltag. Ich nehme mir den Raum für Dinge, die mir guttun.“ Fernreisen unternimmt sie nicht, hört aber gerne zu, wenn Freundinnen von fernen Ländern berichten. „Ich brauche meine Ferien zum Malen“, sagt sie nur. Ihr Hunger nach Farbe sei physisch, schreibt sie. Ihr Homepage nannte sie „Alice Rudolf – Atelier im Garten“. Denn ihre Vermieterin dürfte einen der schönsten Gärten am Alleengürtel haben. Alice Rudolf hat sich die Essenz aus ihren acht Sommern an der Ostenallee an die Wand gehängt. Das wärmt das Herz an klammen Herbstmorgen.

Für viele Regensburger begann diese Woche ja ziemlich farblos. Nie war ein Morgen grauer als an diesem Dienstag. Die schöne Ferienzeit war zu Ende. Alice Rudolf-Hinse dagegen hat keine Angst vorm Wechsel der Jahreszeiten. „Mir geht’s wirklich gut“, sagt sie. Am vergangenen Sonntag sei sie die gewienerten Holztreppen in den dritten Stock der Von-der-Tann-Straße hoch, und beim Knarzen der Stufen sei in ihr plötzlich Freude hochgestiegen. „Ach, in dieser Woche sehe ich wieder meine Kiddies. Mit Kindern zu arbeiten ist cool“, sagt die Freiberuflerin. Eigene hat sie nicht. Sie lebt ihre zwei Berufungen. Die Nacht gehört der Kunst, am Nachmittag stehen wie gesagt die psychologischen Dinge an. Sie arbeitet mit jugendlichen Legasthenikern. „Wenn ich diesen frustrierten Kindern das erste Lächeln aufs Gesicht zaubere, das plötzlich sagt: Ich kann ja doch was, das ist für mich der Höhepunkt. Darauf arbeite ich hin.“

Den Herbst mag Alice Rudolf-Hinse. Er ist wie sie ein Maler. Er hat warme, erdige Farben und lädt zu besinnlichen Stunden am Kamin. Als Kind saß sie stundenlang mit Buntstiften in einem Eck und zeichnete. Das Talent hat sie von ihrer verstorbenen Mutter, einer Landshuterin. Deren Porträt ist das einzige farblose Bild im Raum. Es steht wie vorläufig am Boden neben einem Glasschrank mit historischen Chronometern. Mutter ist immer bei ihr. Die Erinnerung an sie ist ihr heilig.

Die Kraft der Farben

  • Blumenkatze:

    Farbe ist die motivierende Kraft bei Alice Rudolf-Hinse. Was als Suche nach dem perfekten Blau begann, als fast physischer Hunger nach Farbe, fand seine Nahrung in der Malerei. Farbe, die durch die Augen in die Seele dringt, in jede Pore und jede Zelle, die Risse und Brüche füllt, die kein anderes Medium zu heilen vermag.

  • Zen-Mops:

    Der blaue Mops lässt sich nicht stören von der Fliege auf seiner Augenbraue. In einem ihrer ersten Bilder versuchte Alice Rudolf-Hinse dieses Gefühl zu beschreiben. Sie nennt es auf ihrer Homepage „http://www.alice-rudolf.de „das große Glück, mich an Farbe satt trinken zu können, sie in mich fließen zu lassen und ganz zu werden.“

Die gebürtige Lippstädterin hat in Regensburg Psychologie studiert. Sie wollte sich ursprünglich als psychologische Psychotherapeutin niederlassen. „Aber das war es nicht.“ Jetzt sprechen ihre Bilder in die Seele der Menschen – ganz ohne Krankenschein.

Ihren Hunger nach Farbe hatte sie zu Hause zunächst durch bunte Kissenbezüge gestillt. Bis ihr ein Traum vor 17 Jahren den Weg zu ihrer inneren Schatzkammer zeigte. Als Kind war sie drin gewesen, als junge Erwachsene hatte sie den Schlüssel verlegt. „Ich sah mich im Traum in einem dunklen Gang. Es war an der Uni beim Audimax. Da war eine Tür. Und als ich sie öffnete, war da ein Raum voll mit Pinseln und Farben.“ Es war ihre lebensverändernde Millenniums-Erfahrung. Gleich am andern Tag ist sie zu Farben Eckert und hat eingekauft: Eine kleine Staffelei, Leinwand, Pinsel und Acrylfarben. „Bei meinem ersten Bild, ein Selbstporträt mit orangen Orchideen, habe ich das Gefühl gehabt, meine Person habe Risse und die würden durch die Farbe vollständig ausgefüllt.“ Danach waren die Träume weg.

„Was, das hast du gemalt?“

Das Erstlings-Bild ist nur auf ihrer Homepage zu sehen. Ihre Werke konnte sie bis jetzt nur wenigen Menschen zeigen. Versuche mit Vernissagen floppten. „An einem Tag war Deutschland im WM-Halbfinale.“ Ihre Zeit war noch nicht da. „Seitdem male ich nur für mich, nicht für einen vermuteten Geschmack. Es ist eine Freude, nicht abhängig zu sein.“

In den letzten Tagen und Wochen, sagt sie, komme es immer häufiger vor, dass sie ermuntert werde, nach außen zu gehen. „Was, das hast du gemalt?“, fragen Besucher und Besucherinnen ungläubig, wenn sie vor den vielen, vielen Bildern in ihrer Wohnung stehen. „Und das da auch?“ – „Ja, das auch.“ Jedes Bild ist ihr aus der Seele geflossen. Das merken die Betrachter und sagen dann: „Deine Bilder sprechen.“ Diese Worte machen sie glücklich, weil das, was sie tut, auch anderen Menschen in der Seele guttut.

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