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Auf Albrecht Dürers Spuren nach Venedig

Der Nürnberger Maler fertigte 1494 beim Ritt über die Alpen Aquarellskizzen. Klaus Nickelkoppe hat die Reise wiederholt.
Von Helmut Wanner, MZ

Seinen Studenten-Traum hat er jetzt wahr gemacht: Klaus Nickelkoppe, Geschäftsführer a.D. der Stadtbau GmbH, mit den Skizzen aus seinen Blöcken. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Im Grunde reisen viele Leute heute, ohne irgendetwas zu sehen. Sie erlegen 1000 Objekte mit ihrer Digitalkamera und verlieren sie dadurch unwiederbringlich aus den Augen. Ihr Erinnerungsvermögen haben sie an einen Kasten abgetreten.

„Es geht nicht ums Nachmachen, es geht um Genuss und Respekt vor dem, was Dürer gemacht hat.

Klaus Nickelkoppe

Klaus Nickelkoppe ist den meditativen Weg gegangen. Mit Skizzenbuch und Aquarellstiften hat der Regensburger Architekt im Juni die Reise Albrecht Dürers über die Alpen nach Venedig „nachgezeichnet“. Er bewegte sich im Tempo des Mittelalters. Er ist geritten, wie Dürer auch. Statt eines Pferdes wählte der Architekt den Drahtesel. Er ist immer wieder „abgesessen“, hat sich in den Schatten gesetzt, hat geschaut, gezeichnet und geschaut.

Die Idee war schon 1972 da

Jetzt im Januar sitzt er zu Hause am Sallerner Berg vor den Früchten. Zwei volle Skizzenblöcke und ein Kalender 2017 mit der Quintessenz liegen auf dem Tisch. Seine Ausbeute scheint im Vergleich zu den MB, die ein Digitalfotograph auf seinem Chip hat, gering: 50 Skizzen hat er von seiner siebentägigen Sommerreise 2016 zurückgebracht. Aber jedes einzelne Bild erzählt ihm eine Geschichte. „Ich weiß, wo ich gesessen bin, was ich dabei dachte und was im Hintergrund passiert ist.“

Die Idee des Dürerwegs hatte genug Zeit zu reifen. Klaus Nickelkoppe, angehender Architekturstudent an der TU München, war 20, als er in Nürnberg die große Ausstellung zum 500. Geburtstag von Albrecht Dürer sah. Ein Jahr darauf war er im Haus der Kunst in München von Dürers Reiseaquarellen fasziniert, die der damals 23-Jährige von seiner ersten Venedig-Reise 1494 zurückbrachte. „Diese Aquarelle waren revolutionär. Sie ließen das Landschaftsbild in einem neuen Licht erscheinen.“

Als dann Nickelkoppe nach 37 Jahren bei der Stadtbau GmbH als Geschäftsführer in Rente ging, war die Zeit da, Dürers Spuren zu folgen. Der akribisch arbeitende Schreinersohn nahm lange Maß an der Route und rüstete sich. Das Crossrad, das er sich zulegte, war „mein erstes neues Rad nach der Firmung.“ Vorher hatte er nur gebrauchte Räder gefahren. Neun Kilo an Ausrüstung schlichtete er in die Packtaschen. Am leichtesten wog das Wichtigste: Drei Skizzenblöcke, ein Kasten mit Aquarellfarbstiften, ein Bleistift mit integriertem Spitzer, ein Schummerstift und ein Pinsel mit Silberkäppchen.

Dürer war vor 522 Jahren mit einer Handelsgesellschaft von Nürnberg aus geritten. Nickelkoppe startete Ende Juni alleine in Partenkirchen, um ihm nachzufolgen. Das Wort Nachfolge drückt das nicht aus, was er im Sinn hatte. „Nachreisen und nachskizzieren ist wahrscheinlich der richtige Ausdruck. Es geht nicht ums Nachmachen, es geht um Genuss und Respekt vor dem, was Dürer gemacht hat.“ Respekt hat er auch vor seinen Arbeitsbedingungen. Dürer hatte keine Aquarellstifte, er musste sich die Farben mühsam zusammenmischen.

Das langsame Reisen führte ihn ans Ziel. Nickelkoppe kannte ja die Vorlagen aus den entsprechenden Dürer-Bildbänden. Oft und oft hat er sie betrachtet. Sein Interesse galt der Veränderung der Landschaften und Stadtbilder. Innsbruck sei völlig anders, aber an Arco, das er auf der Rückfahrt besuchte, habe sich kaum etwas verändert. Die Stationen waren Mittenwald, die Römerstraße bei Klais, Seefeld, das Inntal bis Innsbruck, der Brenner, Klausen, Trient das Val Sugana. Vom Caldonazzosee bis Bassano del Grappa, mit dem bekannten Dürer-Bild von der Holzbrücke, geht ein wunderbarer Fahrradweg. Von dort ließ er sich von seiner Frau abholen. Mit ihr fuhr er die letzten Kilometer durch die Industrielandschaft nach Venedig.

Sein ursprüngliches Vorhaben, nach jeder Stunde einen Halt zum Zeichnen einzulegen, musste er wegen der Hitze fallen lassen. Er fuhr früh los, um in der Kühle des Morgens Kilometer zu machen. Dann genoss er die Sonne vom Schatten aus. Bei Trient kam er rechtzeitig zum Bürgerfest. Er bestellte sich an Dürers Malerwinkel einen Espresso, gab etwas davon ungezuckert in die Untertasse, um seine Skizze zu schattieren.

Auf seiner Sinnen-Reise auf Dürers Spuren ist er dem jungen Maler mehrmals begegnet. In Kollmann im Eisacktal stand er im 1483 von Herzog Sigismund erbauten Zollhaus am Anfang des Kuntnerweges, der mittelalterlichen Kaiserstraße gegen Bozen. „Da wusste ich mit 99-prozentiger Sicherheit, hier musste Albrecht Dürer 1494 durchgekommen sein. Sicher hat er sich über die Wegerleichterung gefreut.“ Ähnliches geschah ihm auf der Römerstraße in Klais und kurz vor Bozen, als rechts am Radweg das Schild auftauchte mit der Dürerskizze.

Kein Typ, der sich an den Strand legt

Er hat genau hingesehen. Dabei erkannte er, dass der junge Dürer seine Landschaften durchaus nicht 1:1 abbildete. „Er hat idealisiert. Er hat Eindrücke zusammengefasst, den Rahmen weitergewählt.“ Um eine Landschaft in ihrem Wesen zu erfassen, habe Dürer auch mal einen mächtigen Berg im Hintergrund einfach weggelassen. Mit der Reise ist seine Achtung vor dem Malergenie noch gewachsen. „Dürer war 23 Jahre alt bei seiner ersten Reise.“

„Ich bin kein Typ,“ bekennt Nickelkoppe, „der nach Italien fährt und sich 14 Tage an den Strand legt.“ Er liebt seine Form von Kreativ-Urlaub. Fortsetzung folgt. Mit 18 Jahren hat Klaus Nickelkoppe das Irische Tagebuch gelesen. Heinrich Böll hat es 1957 geschrieben. „Ich war fasziniert, wie man mit Worten malen kann.“ Bölls „Bildern“ will er auf einer weiteren Reise nachspüren, mit Bleistift und Aquarell. Auch seine Dürer-Reise wird ein Nachspiel haben. Zusammen mit seinen Fotos und Zeichnungen will Nickelkoppe eine Broschüre erstellen - vielleicht gleichzeitig zur Ausstellung.

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    1494 macht sich Albrecht Dürer (1471 bis 1528) auf den Weg nach Venedig. Eigentlich sollte er sich um seine frisch angetraute Frau Agnes kümmern und seinem Handwerk nachgehen. Aber in seiner Heimatstadt Nürnberg wütet die Pest. Dürers Frau ist zu Verwandten aufs Land geflüchtet. Im Spätsommer 1494 erreicht Dürer sein Ziel. In Venedig hat er viel gelernt. Zum Beispiel bei Gentile und Giani Bellini. Die Malerbrüder begründeten eine venezianische Malerschule der Frührenaissance.

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