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Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Leben

Aus der Zeit gefallen: Der Hans im Glück

Der Bauer kam nie in die Stadt. Mit dem Bulldog war der Weg viel zu weit. Nun ist er auf 34 Fotos im Leeren Beutel präsent.
Von Heinz Klein, MZ

  • Alles wird runzlig und rau: Hände, die von Arbeit, Öl und Asche erzählen Foto: Stefan Winkelhöfer
  • Der Hans liebte seine Tiere. Foto: Stefan Winkelhöfer

Regensburg.„Ich bin gerührt.“ „Ich bin zutiefst berührt.“ „Die Bilder haben mich betroffen gemacht.“ Diese Sätze liest man dutzende Male in dem Gästebuch, das in der Ausstellung „Hans im Glück“ aufliegt. Dabei hat der Hans doch gar nicht so viele Menschen berühren können, kam ja kaum jemand in sein kleines „Sachl“, das Häusl in Frauenzell, in dem er sein Leben lang gewohnt hat. Das waren 82 Jahre. Und seit vielen Jahren schon war der Hans aus der Zeit gefallen. Er führte ein Leben, in das er eben hineingeraten war, wie es sich halt ergeben hat. Mit wenigen Sachen, die immer älter wurden, so, wie der Hans auch. Und als irgendwann seine alten Ohren nicht mehr recht hören wollten, brauchte er auch keinen Radio mehr. Drum hat der Hans das Radio hinauf in die Kammer gestellt, in die er selten kam. Die Schwalberln, die viel öfter als der Hans in die Kammer kamen, haben dann auf dem Radio und neben einem alten Hut ihr Nest gebaut.

Die Ausstellung bricht Rekorde

Einer kam öfter zum Hans. Fünf Jahre lang, immer wieder. Stefan Winkelhöfer hatte stets was dabei: seine Leica. Und der Hans hatte nichts dagegen, wenn die Spiegelreflexkamera klickte. Er hat sich und seine Welt fotografieren lassen, immer genau so, wie es halt war. Absolut authentisch, schwarz-weiß und bewusst grobkörnig brachte Stefan Winkelhöfer den Hans und seine Welt in den Leeren Beutel. Es ist eine Welt der absoluten Bescheidenheit, der weitestgehenden Anspruchslosigkeit.

„Brennholz und einen Ofen brauchst Du. Dann hast Du eine warme Stube. Ein bisserl was zu essen und ein paar Flaschl Bier. Leute, mit denen Du reden kannst. Tiere. Daheim sein können.“ Dr. Josef Paukner beschrieb verstehend, einfühlsam und zärtlich diese kleine Welt. Und beides, Fotos und Texte, erzeugen in ihrer Harmonie eine Poesie, die eine faszinierende Wirkung auf die Besucher der Ausstellung hat. An diesem Wochenende wird wohl die Zweitausendermarke geknackt. Keine Ausstellung im Leeren Beutel lockte heuer mehr Besucher. Am Sonntag sollte sie eigentlich zu Ende gehen. Doch der Erfolg macht den Hans zum Dauerbrenner. Nun wird bis 26. November verlängert. Dazu gibt es das Buch „Hans im Glück“. Der Hans hat es noch gesehen. Die Ausstellung nicht mehr. Am 6. August ist er gestorben.

Wie man keine 800 Euro braucht

„Man muss Armut bekämpfen, nicht beschönigen“, sagt Stefan Winkelhöfer. Doch Armut muss nicht zwangsläufig und immer arm machen. Der Hans war einer, den die Armut nicht arm gemacht hat. Er hat seinen Stolz und seine Würde behalten und er scheint mit so wenig glücklich gewesen sein. Genau das ist die Botschaft: Glücklich sein mit weniger.

Hans im Glück

„Die wichtigsten Sachen kannst Du eh’ nicht mit Geld kaufen“, sagt Josef Paukner: „Wenn ich einkaufen geh‘ und kauf mir dann nix, weil ich’s ned brauch’, get’s mir auch gut.“ Eine Einstellung, die in echtem Kontrast steht zu dem, was wir tun werden, wenn wir uns in den nächsten Wochen in den vorweihnachtlichen Konsumrausch stürzen.

Vom Hans gibt es dazu eine schöne Geschichte zu erzählen. Die handelt von einem alten Gwandkasten. Jemand, der das alte Stück sah, wollte ihn für 800 Euro kaufen. Der Hans hat zwar den Schrank nicht gebraucht. Aber was sollte er mit 800 Euro? Und weil er die auch nicht gebraucht hat, hat er den alten Kasten lieber behalten.

Der Hans lebte als „oaschichtiger“ Bauer 82 Jahre in einem kleinen „Sachl“ in Frauenzell. Foto: Stefan Winkelhöfer

Das Leben, in das der Hans so hineingeraten ist, ist das Leben eines Zweitgeborenen. Der ältere Bruder sollte den kleinen Hof übernehmen. Der zweite Sohn wurde dann eben nicht Bauer, sondern Knecht.

So verdingte sich der Hans vier Jahre als Rossknecht bei einem Bauern im Donautal, arbeitete dann einige Zeit im Kalkwerk und weil der ältere Bruder schließlich auf einen größeren Hof weggeheiratet hat, wurde der Hans doch noch Bauer auf dem kleinen „Sachl“ gleich an der Frauenzeller Klostermauer. Da gab es ein paar Kühe und ein paar Hühner und die alte Mutter, die versorgt werden musste.

Die Botschaft vom Wachsen oder Weichen in der Landwirtschaft hat der Hans irgendwie gründlich verpasst. Aber mit was hätte er auch wachsen sollen? So blieb die kleine Welt des Fischn Hans (so der Hansname) wie sie war und der Rest der Welt drehte sich weiter.

Als die Mutter 1984 starb, war der Hans allein. Welche Frau wäre schon auf so ein kleines Sachl gekommen? So blieb der Hans „oaschichtig“, lebte ohne Fernseher, ohne Radio und seine Waschmaschine war ein großer Blechtopf, in dem er am Holzofen die Wäsche auskochte.

Der Hans und der Hanomag: 63 Jahre hielten sie fest zusammen. Foto: Stefan Winkelhöfer

Seine Liebe bekam dafür die Muttergottes ab, der der Hans mit der Verehrung eines glühenden Marianers und der Kreativität eines Habenichts kleine Marienaltäre in Feld und Flur baute. Dazu nahm er, was er hatte. Die Marienfigur wohnte in einem Wurzelstock. Ein Stück altes Bulldog-Blech war ihr Dach, das den Regen abhielt, ein paar Wiesenblumen ihre Zierde, und weil der Hans keine Perlen und Edelsteine hatte, hat er als Schmuck ein paar Kronkorken vom Bierflaschl mit in das Wurzelholz geklopft.

Neben der Maria waren dem Hans seine Tiere und sein Bulldog heilig. Freilich kam der Hanomag Baujahr 1954 auch in die Jahre, obwohl so ein Maschinerl ja nicht umzubringen ist. Doch ein bisserl inkontinent ist er schon geworden, der alte Hanomag, und wenn der Hans mit seinem Bulldog nach Brennberg zum Einkaufen gefahren ist, dann sind immer ein paar Tröpferl Öl auf der Strecke geblieben. Auch mit dem Einparken hatte es der Hans nicht so. Einmal stand sein Bulldog mitten zwischen Rosenstöcken und Maiglöckerl in einem Vorgarten. Doch wer hätte dem Hans schon böse sein können?

Vor der Pillenflut: „Fünfe nimm i!“

Selbstbewusst und völlig unbefangen ging der Hans durch die Welt, die er sich aus lustig blinzelnden Augen immer neugierig ansah. „Der wurde von einer Welle getragen“, sagt Josef Paukner. Doch die Welle muss ständig nach rechts geschwappt sein, denn in dieser Richtung bekam der Fischn Hans von Jahr zu Jahr mehr Schlagseite. Ganz schief saß er schließlich auf seinem Hanomag, so dass man Angst haben musste, dass er runterfällt, wenn man hinter ihm herfuhr.

Freilich wurde der Hans nicht nur von einer Welle getragen, sondern auch von lieben Menschen um ihn herum. Fürsorgliche Nachbarn dachten an ihn, wenn am Sonntag vom Schweinebraten ein gutes Stück samt einem Knödl übrig blieb und brachten stets auch die Tageszeitung vom Vortag mit. Eine Bäuerin, die Res, kam jeden Tag, um die Kuh zu melken und manch anderer half mit, wenn Not am Mann war. Mit den Jahren zwickte und zwackte es natürlich immer mehr und die Tablettenschachteln stapelten sich auf dem abgewetzten Küchentisch. Wenn der Hans den Überblick verloren hatte, packte er den Tablettenberg in eine Rogl (Tüte) und schüttete die Pillenflut auf den Tisch einer befreundeten Ärztin. „Fünfe nimm i. Suachst mir halt de Wichtigsten aus“, bat er.

Mit wachsender Unterstützung seiner Umwelt kam der Hans schon über die Runden, auch wenn ihm das Leben immer beschwerlicher wurde. Und nun ist er zum Ende seiner Tage noch zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Ein bisserl war er das aber auch vorher schon mal. Der Fotograf Stefan Hanke hat den Fischn Hans bereits in seinem Fotoband Standbilder verewigt. Auch ein holländischer Fotograf entdeckte den Hans als lohnendes Motiv. Die Bilder wurden Teil einer Ausstellung, die sogar in China gezeigt wurde. So schaffte es der Fischn Hans aus Frauenzell bis nach Shanghai.
Für Stefan Winkelhöfer, der im Brotberuf Systemadministrator ist und in seiner Freizeit mit künstlerischem Anspruch fotografiert, ist der Hans zum Freund geworden. „Ich möchte dokumentieren, bewahren und festhalten, was verschwindet, Zeuge des Umbruchs und eines Neubeginns sein“, umschreibt Winkelhöfer das Ziel seines fotografischen Schaffens. Fünf Jahre begleitete er das Frauenzeller Original und hielt den Hans in rund 2000 Fotos fest. Der ist nun verschwunden. Was bleibt, ist das Zeugnis eines Lebens, das Betrachter staunend macht. Der Hans ließ sich völlig unverstellt und vorbehaltlos fotografieren – ins Leben hineinschauen. Doch Stefan Winkelhöfer hat aufgepasst. „Ich wollte kein Voyeur sein“, sagt er. Es ist ihm gelungen, den Hans in seiner Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit so zu fotografieren, dass bei aller Armut stets die Würde blieb.

In Würde nach einer Schraube bücken

Dr. Josef Paukner, Völkerkundler, Konzeptschmieder für Ausstellungen und als rühriger Naturschützer und Vorsitzender der Donau-Naab-Regen-Allianz in der Öffentlichkeit bekannt, ist selbst im Bayerischen Wald in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. So konnte er in Gesprächen mit viel Verständnis in das Leben des Frauenzeller Originals hineinschauen. Er versteht, dass man sich nach einer Schraube, die verlorenging und irgendwo auf der Straße liegt, in Würde bücken und sie dann in den Hosensack stecken kann. Wenn sich dann zuhause eine passende Mutter dazu findet, ist schon wieder ein Ersatzteil gewonnen. „Früher hat man alles aufgehoben“, schreibt Josef Paukner. „Ob man‘s wegwirft oder da lässt, bleibt sich gleich. Vielleicht ist es ja doch noch mal von Nutzen. Und hin wird‘s von selber.“

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Der Hans im Glück

  • Die Ausstellung „Hans im Glück“

    in der städtischen Galerie im Leeren Beutel wird aufgrund des großes Besucherinteresses verlängert. An diesem Wochenende wird wohl die Rekordmarke von 2000 Besuchern geknackt. Die 34 SW-Fotos von Stefan Winkelhöfer mit Textpassagen von Dr. Josef Paukner sind dann noch bis 26. November zu sehen. Danach geht die Ausstellung ins Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen.

  • Das Buch

    „Hans – eine kleine Geschichte vom Glück“ zeigt das einfache Leben des Fischn Hans in 34 künstlerisch fotografierten SW-Bildern von Stefan Winkelhöfer (im Bild links), in überaus einfühlsamen Texten beschrieben von Dr. Josef Paukner (rechts). Das Buch mit einem Vorwort von Caroline-Sophie Ebeling und Maria Lang ist im Dr. Peter Morsbach Verlag erschienen und kostet 20 Euro. ISBN 978-96018-028-9

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