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Regensburg
Mittwoch, 24. Januar 2018 5

Gespräch

Das Diktat der Erwartungen

„Wir müssen Weihnachten nicht retten, es rettet uns“, sagt Rupert M. Scheule, Professor für Moraltheologie, im Interview.
Rupert M. Scheule, Professor für Moraltheologie

Rupert M. Scheule ist Professor für Moraltheologie. Foto: Scheule

Herr Prof. Scheule, so gut wie jeder kennt jemanden im Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft, der keine Angehörigen mehr hat und auch an Weihnachten alleine ist. Nun ist Weihnachten gleichzeitig ein Fest der Familie und der Nächstenliebe. Ist es moralisch ok, Weihnachten mit der Familie unter sich zu bleiben? Oder wäre man nicht verpflichtet, Menschen, von denen man weiß, dass sie einsam sind, einzuladen?

Der Gedanke, unsere weihnachtliche Familienfixiertheit aufzubrechen und Einsame zum Fest dazuzubitten, passt einerseits natürlich gut zu Weihnachten. Schließlich feiern wir ja, dass Gott uns Menschen nicht alleine lässt, sondern einer von uns wird.

Aber?

Andererseits ist das heikel. Weihnachten ist eine explosive Zone geworden, unsere Erwartungen liegen wie Tretminen in den Festtagen. Fatal wäre der Eindruck, dass jetzt noch eine weitere Erwartung hinzukommt: die, der perfekte Weihnachtsgutmensch zu sein. Niemandem ist gedient, wenn eine weihnachtliche Tretmine tatsächlich hochgeht und das Nervenkostüm der „Festgemeinde“ gründlich zerfetzt.

Die Einsamen also lieber nicht aus ihrer Einsamkeit holen?

Auch da wäre zu fragen, ob sie nicht ebenfalls zu sehr im Würgegriff ihrer Weihnachtserwartungen sind, wonach man Weihnachten bei Kerzenschein und Glöckchenklang in heiterer Gesellschaft verbringen muss. Das hat nichts mit dem Glauben der Heiligen Nacht zu tun, das ist Werbekitsch.

Das Problem sind also die Erwartungen, mit denen wir das Fest verbinden...

Ja, uns allen täte es gut, unsere Weihnachtserwartungen abzurüsten. Wir müssen Weihnachten nicht irgendwie retten, Weihnachten rettet uns! Wenn uns das klarer wäre und wir nicht atemlos all diesen Hochglanz-Weihnachtsvorstellungen hinterherhecheln würden, dann wären noch nicht mal Überraschungsgäste zu Weihnachten eine Überforderung. Aber auch Weihnachten alleine zu feiern nicht. Freiheit vom Diktat der Weihnachtserwartungen – das wäre eigentlich ein sehr schönes Weihnachtsgeschenk. Aber dieses Geschenk müssten wir uns schon selbst machen.

INTERVIEW

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