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Regensburg
Donnerstag, 18. Januar 2018 9

Menschen

„Das Elend spielt sich am Mietmarkt ab“

Reinhard Kellner macht sich stark für Schwache. Er spricht über teures Wohnen, Kindernot, die Ehe und spendable Hausbesitzer.
Von Marion Koller, MZ

Reinhard Kellner an der Wasserzapfstelle des Nordheims. Obdachlose holten dort bis 1984 ihr Wasser. Er wickelte die Unterkunft mit ab. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Der Chef der Sozialen Initiativen empfängt in einem prächtigen Altstadthaus in der Ostengasse 22. An einer langen Tafel frühstücken Obdachlose, seelisch Kranke, Gestrandete. Ein Musiker bläst die Mundharmonika. Kellner sitzt im hinteren Raum und zeigt erst einmal die schwarzen, modernen Toiletten. „Die Obdachlosen sollen in schöner Umgebung sein“, sagt er. Ein typischer Kellner-Satz. Während des Interviews bleibt einer der Frühstücksgäste neben dem 67-Jährigen und fängt an, ihn zu loben. „Mane, jetzt lass uns weiterreden, ich habe noch einen Termin!“, ruft Kellner.

Herr Kellner, wie sind die Sozialen Initiativen an diese wunderbaren Räume gekommen?

Es gibt in Regensburg genug Menschen mit sozialer Ader. Viele jammern auf hohem Niveau, aber man muss auch die sehen, die positiv gestalten. Dazu gehört der Bauunternehmer, der einen Zettel ins Fenster hängt mit der Frage „Wer kann helfen, aus dem ehemaligen Wirtshaus einen Ort der Begegnung zu schaffen?“. Das machte Reiner Hummel beim Ostengassenfest 2012. Ein Jahr später haben wir den Frühstückstreff eröffnet.

Auch der Arbeitskreis ausländischer Arbeitnehmer hat von einem Privatbesitzer günstige Altstadträume erhalten.

Das ist auch so ein Beispiel für das Herz der Regensburger. Ein Privatvermieter hat uns die Räume in der Erhardigasse gegeben.

2000 Regensburger beziehen Wohngeld, Tausende Namen stehen auf den Wartelisten von Stadtbau und Genossenschaften. Sie werden ein Bürgerbegehren für sozialen Wohnraum starten.

Wir wollen, dass mehr bezahlbare Wohnungen geschaffen werden. Das ist möglich, indem der Stadtrat die Sozialquote für Neubauvorhaben auf 40 Prozent erhöht. München hat 30. Dann müssen wir die Genossenschaften bei der Grundstücksvergabe stärker berücksichtigen. Die Stadtbau soll finanziell so ausgestattet werden, dass sie eigene Projekte im Sozialen Wohnungsbau stemmen kann – nicht nur 150 Wohnungen wie zurzeit, sondern 500. Auch städtische Töchter wie Theater und RVV erhalten Millionenzuschüsse.

Braucht die Stadt eine Zweckentfremdungsverordnung?

Ja, auch das wird unser Bürgerbegehren enthalten. Wir wollen, dass keine Wohnungen leer stehen oder in Ferienapartments und Büros umgewandelt werden. Ab März oder April werden wir die 6000 Unterschriften sammeln, die wir für den Bürgerentscheid brauchen.

Der Junge aus der Wollwirkergasse

  • Der Pädagoge:

    Reinhard Kellner (67) wuchs in einer Handwerkerfamilie in der Wollwirkergasse auf. Nach dem Besuch des Albertus-Magnus-Gymnasiums studierte er Pädagogik. Kellner stieg in die Obdachlosenhilfe beim Jugendamt ein.

  • Der Engagierte:

    1974 schuf er mit Rückenwind der Studentenbewegung den Dachverband Soziale Initiativen, dem heute 25 Hilfen angehören. 1984 bis 1990 saß er für die Grünen im Stadtrat. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn.

Sie denken fortschrittlich. Zehn Jahre lang haben Sie sich als Hausmann um Julia und Moritz gekümmert. Das Geld hat Ihre Frau als Lehrerin verdient. Würden Sie das wieder machen?

Ich würde es sofort wieder machen. Ich habe es nie bereut und es hat mich bereichert. Es ist völlig egal, wer der Hauptverdiener ist. Wichtig war für mich: Es muss jemand bei den Kindern zuhause sein. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass beide Eltern voll berufstätig sind. Ich glaube, da machen sich manche Leute etwas vor.

Wie haben die Kinder profitiert?

Der Moritz hat halt als erstes „Papa“ gesagt. Ich habe ihn mit drei Monaten übernommen und war recht unsicher. Die beiden sagen heute noch, dass sie so viele Erlebnisse und Abwechslung hatten. Am liebsten sind wir in den Herzogspark gegangen und Rad gefahren.

Heute beziehen Sie eine kleine Rente, weil Sie halbtags und viel ehrenamtlich gearbeitet haben.

Ja, sehr klein. Aber wir kommen klar. Bei uns gibt es nur eine Kasse. Wenn man heiratet, trifft man schließlich eine Vereinbarung: in guten wie in schlechten Tagen. Hoffentlich bis zum Ende. Wir kennen uns seit 1978.

Ihre Tochter ist 28 und der Sohn 25, beide sind ausgezogen. Wie haben Sie das als Paar bewältigt?

Reinhard Kellner im Bus der Sozialen Initiativen. Foto: altrofoto.de

Das war eine einschneidende Erfahrung, ein neues Kennenlernen. Wir waren nicht optimal darauf vorbereitet.

Sie sagen, Sie hätten Eu-Stress. Was ist das?

Das kommt aus dem Altgriechischen und heißt „guter Stress“.

Was ist guter Stress für Sie?

Sinnvolle Arbeit, die mir Freude macht. Ich berufe mich auf den Psychotherapeuten Viktor E. Frankl, der gesagt hat, Arbeit macht Sinn. Heute haben wir zum Beispiel hier Weihnachtsgeschenke verteilt, anderen eine Freude gemacht. Der Stromableser oder die Verkäuferin können das nicht. Am Wochenende bin ich drei Tage lang auf dem Weihnachtsmarkt der Sozialen Initiativen am Bismarckplatz gestanden. Hinterher fühle ich mich nicht kaputt, weil etwas Schönes entstanden ist.

Sie reisen häufig mit einem Freund nach Wien. Was fasziniert Sie an der Donaumetropole?

Hauptsächlich die Gebäude. Die Wiener haben es geschafft, viel Genossenschaftsbau hochzuziehen. Das Mietpreisniveau ist das niedrigste in europäischen Großstädten. Wir gehen jeden Tag in ein anderes Museum und jeden Abend in ein anderes Theater. Am liebsten schaue ich mir griechische Tragödien an. Am AMG hatte ich Altgriechisch, das hat mich sehr beeinflusst.

Besuchen Sie das Regensburger Stadttheater?

Die Benefizvorstellung am 24. Dezember sehe ich immer. Der Erlös fließt ans Frauenhaus oder die Obdachlosenzeitung „Donaustrudl“.

Mit dem Bürgerbegehren zum Stadtpass waren Sie erfolgreich.

Wir haben es nicht nur angekündigt, sondern 6000 Unterschriften gesammelt. Dann hat sich die Stadt bewegt. Jetzt nutzen 5000 Einkommensarme den Pass. Sie erhalten 50 Prozent Ermäßigung im Bus, Theater, in Bädern und Freizeiteinrichtungen. 50 Prozent, das ist bundesweit einmalig.

Wie viele mögliche Nutzer leben in Regensburg?

13 000 Stadtbewohner gelten als einkommensarm. Jedes siebte Kind wächst in Armut auf. Die Arbeitslosigkeit ist erfreulicherweise gering, das Elend spielt sich auf dem Wohnungsmarkt ab, weil ein zu großer Anteil des Verdienstes in die Miete fließen muss.

Trotzdem sehen Sie den Bauboom kritisch.

So etwas wie den verdreifachten Geschosswohnungsbau am Brandlberg darf es nicht geben. Schade, dass die Welterbestadt umgeben wird von Schuhschachtelarchitektur. Ich fürchte, das sind die Slums von morgen. Die Verdichtung ist ein Investorenproblem. Die Planer müssten sich mehr Gedanken machen über Familien- und Jugendzentren.

Sie haben die Kirche verlassen.

Ich bin Agnostiker. Der Plan Gottes hat sich mir noch nicht erschlossen. Es gibt so viele Ungerechtigkeiten, für die vor allem Kinder nichts können. Ich bin gespannt, was passiert, wenn man einmal die Augen zumacht. Angst vor dem Tod habe ich nicht, ich stelle ihn mir als Übergang in eine andere Existenz vor.

Weitere Artikel aus der Interviewserie „Reden über Gott und die Welt“ finden Sie hier.

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