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Regensburg
Mittwoch, 17. Januar 2018 9

Menschen

Der Christengel von St. Peter

Im Winter 1943, als die Ostfront fiel, wurde für eine fünfjährige Regensburgerin das schönste Weihnachtsmärchen wahr.
Von Helmut Wanner

Eine junge Frau blickt 1940 von der Dom-Balustrade. Foto: Christoph Lang

Regensburg. Schon einige haben im Laufe der Jahrhunderte unsere Domtürme bestiegen, aber diese Besteigung im Kriegsjahr 1943 ist einzigartig. Domprediger Dr. Johann Maier führte sie an. Drei lokale Geschäftsleute und ein Schulmädchen erlebten mit ihm auf dem gotischen Bauwerk eine Sternstunde. Die damals achtjährige Johanna Andrä, geborene Wiedamann, spricht erstmals öffentlich drüber. Die literarische Aufarbeitung dieser Begehung könnte das Drehbuch für ein Weihnachtsmärchen abgeben.

„Eigentlich waren wir sechs“, meint Johanna Andrä, „denn damals war auch der Weihnachtsengel unterwegs. Diese Zeit, so kurz vor Kriegsende, war stark engelbedürftig. Deswegen hat die Geschichte einen so berührt.“ Die bekannte Regensburger Emaille-Künstlerin hat alles so erlebt, wie es der Regensburger Regierungsrat Hanns von Walther (1891 bis 1944) in deutscher Schrift aufgeschrieben hat.

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Damals im Advent 1943 hatte der von den Nazis ermordete Domprediger Dr. Johann Maier (1906 bis 1945) eine kleine Gruppe für eine exklusive Domführung zusammengestellt. Sie bestand aus dem Vater Johannas, dem Zinngießer Richard Wiedamann sen. (1905 bis 1969), dem Verleger und Buchhändler Joseph Habbel III. (1903 bis 1972) und einem namentlich nicht bekannten Hofrat aus Österreich.

Auch eine Geschichte vom Christkind

Zu verdanken hatten die Männer die exklusive Führung einem evangelischen Mädchen. Johanna Wiedamann besuchte die 2. Klasse der St. Klara-Schule. Als Protestantenkind musste sie zum Religionsunterricht zu Schwester Emma an den Prinzenweg. Wenn sie das Klassenzimmer verließ, stand da immer der Domprediger vor der Tür. „Dr. Maier hat mich als Mädchen total fasziniert, die Glatze und das schwarze Gewand. Ich hab ihn halt mit großen Augen angehimmelt“, erinnert sich Johanna Andrä.

Des Dompredigers Einladung

Dr. Johann Maier wohnte in der Dompräbende, das Hannerl in der Brückstraße. „Wir hatten den gleichen Heimweg. Einmal ging ich so neben ihm her und er fragte: Wem gehörst du eigentlich? Ich antwortete: Dem Wiedamann, dem Zinngießer.“ Das Hannerl weiß noch genau, dass Maier an der Porta Pretoria stehen blieb. Bevor er die Treppen hochstieg in Richtung Wohnung, fragte er: „Warst schon mal auf dem Dom?“ Das Hannerl verneinte. „Willst nauf?“ Das Hannerl nickte. „Ich ruf deinen Vater an.“ Stolz wie ein Spanier habe sie das anschließend gleich dem Vater erzählt. Der saß am Mittagessen und tat es als Kindermund ab. „Ja, ja, is scho recht. Da wird dir der Schnabel sauber bleiben. Da darf schon lang keiner mehr nauf.“ Ihr Vater sei sprachlos gewesen, als Dr. Johann Maier anrief und die Einladung bestätigte. Richard Wiedamann nahm den Mantel und sagte zu seinem Hannerl: Gehen wir. Hanns von Walther beschreibt das im Stil der Zeit: „Da stiegen eines schönen Mittags vier Männer mit einem kleinen Schulmädchen der Plattform unter dem maßwerkumflochtenen Helm des Südturms zu“. Für Hannerl war allein das schon ein Wunder: „Der Aufstieg über den Eselsturm, die großen Glocken und unten die Straßenbahn. Sie war so groß wie eine Spielzeugbahn, die Menschen waren wie für mein Puppenhaus gemacht.“

„In dichten Scharen“ flogen die Dohlen auf, als der Domprediger die Plattform betrat, schreibt von Walther. „Ein steifer Nordost blies von den leicht beschneiten Waldbergen her, die in der Ferne erglänzten. Trotzdem genoss die Gesellschaft lange den einzigartigen Rundblick in der fahlen winterlich-niederen Sonne“, bevor sie den Abstieg begann. „Und hier geschah es“, schreibt von Walther: „Da blieb der Blick des Buchhändlers an einer halb verwitterten Heiligenfigur haften und das Kind, welches ihr als Attribut beigegeben war, brachte ihn unwillkürlich auf seine ganz vergessene Weihnachtssorge.“ Verleger Habbel trug die kleine Sorge schon Tage in der Tasche herum.

Ein Püppchen namens „Aliserl“

Es war ein gliederloses Pupperl. Seine Tochter Agnes (5) hatte es ins Fenster gelegt, im festen Glauben, dass es das Christkind mitnimmt und wieder heil macht. Habbel fiel es über den Dächern der Stadt ganz heiß ein. „Da frug er unvermittelt den Kunstfreund, ob er denn nicht Rats wisse und zog zugleich aus der Tiefe seiner Tasche umständlich ein verknülltes und glieder]oses Spielpüppchen hervor, den ganz besonderen Liebling seines Mädchens.“ Dem Mann konnte geholfen werden. Man kam auf die alte Frau Wiedamann, die Puppendoktorin, die ihre Puppenklinik exakt da betrieb, wo heute in der Brückstraße der Engelladen „Halleluja“ ist.

Um die Sache kurz zu machen: Wiedamann nahm sich der Sache an. Frau Doktor hatte ein Püppchen, das dem Patienten aufs Haar glich. Das lag dann Tage später unterm Christbaum der Habbels. Und so hat ein Engel 1943, als die Ostfront zerbrach, der kleinen Agnes Weihnachten gerettet.

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Diese rührende Geschichte bekam Richard Wiedamann von seinem besten Freund Hans von Walter als letztes Weihnachtsgeschenk. Im Okrtober 1944 hat er sich erschossen. Wiedamann hat die Seiten getippt und gebunden seinem Hannerl zu Weihnachten 1953 geschenkt. Seitdem lag sie in ihrer Schublade. Heute ist auch die kleine Agnes Oma und freut sich wie ein Schneekönig über die unverhoffte Aufklärung: „Ja freilich, das war mein Aliserl-Pupperl. Ich habe es immer dabei gehabt. Ich hatte es damals fürs Christkind zwischen die Fenster gelegt.“ Sie kann es kaum glauben, dass Aliserl Geschichte macht. Gewundert hatte sie sich 1943 nicht, dass ihr Pupperl heil unterm Christbaum lag. „Der Christkindlglaube von uns Kindern war damals unerschütterlich.“

Lesen Sie hier eine Geschichte vom Christkind:

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Der Domprediger

  • Erst als

    erwachsene Frau hat Johanna Andrä erfahren, dass Dr. Johann Maier auf so dramatische Weise ums Leben kam. Die Regensburgerin hat das Geschehen in einem Kunstwerk verarbeitet. Es heißt „die Wurzel“.

  • Weihnachten

    1940 schrieb der Domprediger der protestantischen Zinngießer-Familie Wiedamann diesen Gruß: „Recht herzlich dankend wünsche auch ich: Frohe Weihnacht und glückseliges Neujahr.“

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