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Regensburg
Mittwoch, 13. Dezember 2017 11

Auszeichnung

Der Handlanger des Zufalls

Daniel Spoerri erhielt in Regensburg den Lovis-Corinth-Preis 2016. Eine Ausstellung führt in sein bizarres Universum.
Von Marianne Sperb, MZ

Daniel Spoerri am Samstagabend im Kunstforum Ostdeutsche Galerie: Der Kunst-Erneuerer wurde mit dem Lovis-Corinth-Preis geehrt. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Daniel Spoerri spricht nicht gern zu großem Publikum bei Festakten. Deshalb sprechen am Samstagabend im Kunstforum Ostdeutsche Galerie andere über den Meister. Dem großen Fallensteller der Kunst wird der Lovis-Corinth-Preis überreicht. Der Geehrte sitzt sehr präsent und heiter gestimmt in der ersten Reihe.

Oberbürgermeister Joachim Wolbergs geht das Leben des 86-Jährigen durch, der in Rumänien geboren wird, als Zwölfjähriger – die Faschisten hatten seinen Vater ermordet – mit Mutter und Geschwistern in die Schweiz flieht und fortan als Erneuerer der Kunst durch Europa zieht, zu keinem anderen Zweck als das Leben zu tränken mit der Kunst.

Dr. Gerhard Leistner, Kurator der Retrospektive für den Preisträger 2016, führt in die Wunderkammer von Daniel Spoerri ein, die sich mit mehr als 100 Arbeiten im Kunstforum auftut. Assemblagen und Multiples, Bronzen und Fallenbilder führen in das bizarre Universum eines Grenzgängers. Der „Handlanger des Zufalls“ schreibt – immer noch – Kunstgeschichte. In seinen Fallenbildern, in denen er die Reste eines Mahls fixiert, gerinnt der Moment zu Dauer. Mit seinen Multiples, vervielfältigten Objekten also, schafft er aus Kunst Volkskunst, habbar für jedermann. In seinen Wortfallen – wie dem Kuhhorn auf Metallkugel, das er „Verballhornen“ nennt – macht er Sprache sichtbar.

Daniel Spoerri legt vor der Preisverleihung im KOG Hand an eines seiner Werke: „Auf die hohe Kante legen und immer flüssig sein“ heißt sein Münzkasten mit Wasserhahn. Spoerri wirft Geld ein.Foto: altrofoto.de

Spoerri holt die hohe Kunst von ihrem beengendem Sockel und gibt ihr Auslauf. Umgekehrt erhebt er Abfall zum Fetisch und fasst ihn in einen Schrein. Er stellt die Dinge vom Kopf auf die Füße und von den Füßen auf den Kopf und kennt dabei kein Halten. Nach dem Fallenbildern, die einen zufälligen Moment bannen, entstehen auch falsche, sorgsam arrangierte Fallenbilder. Und aus Tromp-l’oeils (Augentäuschern) werden Détromp-l’oiels, die die Tarnung bloßlegen.

„Ich weite mich aus“

Der „Regisseur des Zufalls“ zeigt „nicht nur die schön gepützelte Welt“, zitiert Gerhard Leistner. Und keinesfalls lässt er sich auf eine Sichtweise festlegen. „Das offene Kunstwerk“ heißt die Regensburger Ausstellung. Ein Fazit seines Schaffens mag der Künstler nicht ziehen. „Ich resümiere mich nicht. Ich fasse mich nicht zusammen, ich weite mich aus“, sagt der 86-Jährige dem Kurator in einem Interview, das im Katalog zur Ausstellung abgedruckt ist.

Ausstellung bis Februar

  • Die Ausstellung

    „Daniel Spoerri – Das offene Kunstwerk“ ist bis zum 26. Februar im Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu sehen. Ein breites Rahmenprogramm begleitet die Retrospektive.

  • Der Lovis-Corinth-Preis

    Die Auszeichnung, 1974 begründet, würdigt Künstler von internationalem Rang. Bisherige Preisträger waren unter anderem Oskar Kokoschka (1976), Markus Lüpertz (1990), Sigmar Polke (1993), Katharina Sieverding (1996) und Magdalena Jetelová (2006).

Professor Dr. Wulf Herzogenrath kennt Daniel Spoerri seit mehr als 40 Jahren. Der Laudator packt am Samstag einen Schatz von Geschichten aus – über Erlebtes, das nachwirkt. „Ein Augenblick für die Ewigkeit“ überschreibt er seine Rede. Dieses Motto, speist auch die Kunst von Spoerri. Herzogenrath erinnert an Momente im Leben des Tänzers, des Regisseurs, des Erfinders und Objektkünstlers. Vor allem die Bankette, bei denen Spoerri Essgewohnheiten und Sinneswahrnehmungen hinterfragt, blieben aus den vielen Begegnungen haften.

Dr. Wilhelm Weidinger (links) und Dr. Agnes Tieze überreichen Daniel Spoerri den Lovis-Corinth-Preis 2016. Foto: altrofoto.de

Herzogenrath schildert einen „Revolutionär mit Humor“, der in einem „Falschmarkt“ Kunstwerke nach individuellem emotionalen Wert tauschen ließ. Und er schildert den gewitzten Ausstellungsmacher, der in Köln in einem „Musée Sentimental“ ein verblüffendes, sinnliches Stadt-Porträt schuf – unter anderem mit der leicht angerosteten Rosenschere von Adenauer und mit einer ominösen Erbse.

Herzogenrath greift auch das Bankett heraus, bei dem der Würfel entschied, wo die 80 Gäste platziert wurden: auf der Seite von Arm oder Reich. Den Reichen wurde formvollendet Gänseleber serviert, die Armen saßen unkompliziert vor Matjes am Tisch. Gegen Ende wurde den Reichen klar: Bei den Armen wäre es lustiger gewesen. Solche Augenblicke von magischer Veränderung: „Das bleibt für die Ewigkeit haften“, so Herzogenrath.

Als Dreingabe: ein Bordeaux

Dr. Agnes Tieze, die Direktorin des Kunstforums, und Dr. Wilhelm Weidinger, Vorstandsvorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des KOG, überreichten Spoerri schließlich den Lovis-Corinth-Preis. Als Dreingabe gab es einen schönen Bordeaux von 2011. „Der wird ihm schmecken“, meinte Spoerris langjähriger Galerist Thomas Levy. Das ist, als Dreingabe an den Meister der Eat-Art, keinesfalls Nebensache.

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