mz_logo

Regensburg
Mittwoch, 20. September 2017 17° 3

Tourismus

Der Städtetourismus und seine Grenzen

Immer mehr Tagesgäste strömen in Ostbayerns Städte – und es sollen immer noch mehr werden. Das sorgt auch für Frust.
Von Pascal Durain, MZ

Geschäftsleute in Regensburg beklagen oft: Touristengruppen schauen viel und kaufen wenig. Eine Händlerin brachte vor kurzem gar Eintritt für Läden ins Gespräch. Foto: RTG/Archiv

Regensburg.Manchmal kommt sich Marc Hausladen wie eine zweite Touristen-Info vor. Dabei gibt es in seinem Laden keine Ansichtskarten, Angestellter der Stadt ist er auch nicht. Hausladen ist Geschäftsführer des Modegeschäfts „Beatnuts“. Die Lage des Geschäfts im Herzen der Stadt, direkt am Domplatz, ist für ihn Fluch und Segen zugleich. Denn gerade jetzt in den Sommermonaten, der Zeit, in der die meisten Touristen in die Welterbestadt und zum Wahrzeichen vor Hausladens Tür strömen, fällt es ihm schwer, nicht genervt zu sein. Immer wieder stünden Reisegruppen direkt vor seiner Ladentür und staunten Richtung Dom. Eine Blockade für Kunden. Hausladen: „Und jeden Tag dieselben Fragen: Wo fährt der Bus zur Stadtrundfahrt los? Wo ist die Donau? Wo geht es zurück zum Schiff?“

Klar, sagt er, auch er profitiere von Touristen. Welcher Händler beschwert sich schon über immer neue Massen an Laufkundschaft. „Ein bisschen was greifen wir schon ab.“ Die Mehrheit aber schaue nur viel und kaufe wenig. Er will niemanden von einem Besuch der Stadt abhalten, die Kehrseite sei nur, dass die Altstadt teils so „verstopft“ von Touristen sei, dass viele sich den Trubel nicht mehr antun wollen.

Mehr Besucher, mehr Hotels

Regensburg ist Weltkulturerbe; der Fremdenverkehr boomt seit Jahren – und 2016 ganz besonders. Deutschland gehörte im ersten Halbjahr weiter zu den Lieblingsreisezielen der Deutschen, stellte der Tourismusverband fest. Und die Domstadt liegt im bayernweiten Städtevergleich auf dem dritten Platz hinter München und Nürnberg. Kein Wunder also, dass es bis 2018 ein Viertel mehr Hotel-Betten in Regensburg geben soll.

Auch der Tourismusverband Ostbayern merkt eine Zunahme im Städtetourismus. Die ostbayerischen Städte liegen heuer wieder deutlich über dem Bayern-Durchschnitt, sagt Sprecherin Monika Mirosavljevic. Beliebter seien nur der Bayerische Wald und das „Golf- und Thermenland“ zwischen der Donau im Norden und Inn im Süden. Auch Ambergs Tourismus-Chefin Martina Meixner kann eine Zunahme vermelden. Von einem „Zuviel“ sei man noch sehr weit entfernt.

Sabine Thiele, Geschäftsführerin der Regensburg Tourismus GmbH (RTG), war schon vor Monaten überzeugt: „Wir schaffen im Jahr 2016 über eine Million Übernachtungen.“ Die Sorgen der Einzelhändler kennt sie: „Dem einen ist es zu viel, dem anderen zu wenig.“ Thiele ist davon überzeugt, dass weder Regensburg noch andere Städte in der Oberpfalz aus den Nähten platzen. Dass man die Millionenmarke knacken will, bedeute nicht, dass man auch eine Million Übernachtungsgäste haben will. Der Weltkulturerbe-Titel sei aber auch eine Verpflichtung, sich zu zeigen. Thiele: „Wir machen qualitativ hochwertigen Tourismus.“ Das heißt: „Wir wollen nicht unbedingt jeden.“ Die RTG biete Angebote nur für eine Nacht nicht mehr an. Die Gäste sollen länger bleiben – und mehr ausgeben. Grundsätzlich lasse jeder Gast Geld in Regensburg. Vor allem diejenigen, die mit einem Kreuzfahrtschiff angelegt hätten, würden deutlich hochpreisiger einkaufen – und wieder kommen. Vor allem bei US-Amerikanern werde Regensburg immer beliebter. Mit knapp zehn Prozent stellen US-Amerikaner bereits die zweitgrößte Gruppe aller Übernachtungs-Touristen dar. Zu 80 Prozent kommen Regensburg-Besucher aber aus Deutschland. Nur sorgten zuletzt gerade die Kreuzfahrtdampfer für Kritik – die sorgen zwar für ein deutliches Plus an Tages-Touristen, nerven aber die Anwohner, wenn vor lauter Schiffen der Fluss nicht sichtbar ist. Die Stadt hat bereits versprochen, die Zahl der Schiffe künftig zu begrenzen.

Einer Erhebung der IHK für Oberpfalz/Kelheim zufolge ist der Tagestourismus das mit „Abstand quantitativ größte touristische Marktsegment für die Region“. Im Durchschnitt gebe jeder Tourist täglich 42,20Euro aus. Fast die Hälfte des Umsatzes in der Region entfalle auf Ausgaben von Tagesbesuchern und -geschäftsreisenden. Die durch den Tourismus erzielten Einkommenseffekte beziffert man auf über zwei Milliarden Euro.

„Wir werden kein Venedig“

Dass der Fremdenverkehrs-Boom auch Schattenseiten haben kann, beweisen Städte wie Venedig oder Barcelona, die der Massen kaum noch Herr werden und in denen Besucher immer öfter angefeindet werden. In Regensburg werde die touristische Ausrichtung daher koordiniert, sagt Michael Vogl, Sprecher der RTG. „Ein Venedig Ostbayerns wollen wir nicht werden – und werden wir auch nicht.“ Mit dem Titel der Unesco-Kommission habe man sich ja verpflichtet, die Stadt zu bewahren. Und in den vergangenen elf Jahren sei die Steigerung der Übernachtungszahlen um jeweils zwei Prozent auch immer moderat gewesen. Vogl glaubt, dass das auch so bleiben wird. Mit einer Ausnahme: Der Kongress-Tourismus werde noch deutlich zunehmen.

Marc Hausladen, der Einzelhändler vom Domplatz, blickt derweil schon optimistisch auf den Winter: „Viele Touristen verschätzen sich oft mit dem Wetter und frieren dann während der Stadtführung. Und die kaufen dann hier die Mützen weg.“

Warum Städte wie Regensburg aufpassen müssen, vor lauter Besuchern ihren Charme nicht zu verlieren, kommentiert MZ-Redakteur Pascal Durain hier:

Kommentar

Vorsicht!

Der Urlaub Zuhause wird immer beliebter. Warum auch nicht? In der Region gibt es immer noch mehr zu entdecken als in einem überfüllten Hotelbunker irgendwo...

Weitere Nachrichten aus Bayern finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht