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Regensburg
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Menschen

Ein Halleluja für den Rekordradler

Der Regensburger Alois Weger ist von der Radtour durch 23 Länder zurück. Jetzt nahm er über 200 Freunde mit auf die Strecken.
Von Helmut Wanner, MZ

Alois Weger (Mitte) rief und seine Weggefährten vom gerade zu Ende gegangenen Nordkap-Trail kamen: Claudia und Thomas, Marco und Petra (von rechts). Felix Zimmermann von der Neutraublinger Firma „Bikezeit“ (links) hatte ihm das Cube-Mountainbike zur Verfügung gestellt und gewartet. Foto: Wanner

Regensburg.Drei Monate brauchte der Regensburger Mountainbiker Alois Weger, um von Sevilla zum Nordkap zu radeln. Dieselbe Strecke schaffte Weger am Montag in drei Stunden hin und in einer halben Stunde zurück. Dies Unmögliche geschah im Saal des Röhrl von Eilsbrunn, der an sich schon ein Superlativ ist: das älteste Wirtshaus der Welt.

Der Röhrl in Eilsbrunn war bis zum letzten Platz gefüllt. Foto: Reisinger.

250 Plätze fasst der Saal, kein Stuhl blieb leer, keiner schlief ein. Weger hatte den letzten Winkel des fast 30 Meter tiefen Saales im Griff. Bis zum Schluss zeigte er sich als bayerischer Entertainer der Spitzenklasse. Radeln wird durch ihn erst schön.

Weggefährten in Eilsbrunn

Franz Mass und seine Freunde spielten auf. Foto: Reisinger

Der 58-jährige Marathonradler hatte sich vom 17. März bis 14. Oktober nur über seinen Blog gemeldet, der sensationelle 100 000 Clicks verzeichnete – und natürlich über seine Heimatzeitung, die Mittelbayerische. Auf Vermittlung der Geschäftsführung der Mittelbayerischen Zeitung traf er ausgewanderte Regensburger in Frankreich, Irland, England, Norwegen und Finnland. Nun wollten die alten Weggefährten die Bilder sehen. Und die Menschen: Weger schaffte es, fast alle Deutschen, die er auf seiner Radtour getroffen hatte, nach Eilsbrunn zu holen: Jupp und Andrea aus Fürstenfeldbruck, Thomas und Claudia aus Bochum und Marco und Petra aus Schwäbisch Gmünd. Mit Marco hatte er sich in der Mitternachtssonne gebräunt und ging Wal-Beobachten.

Es ist so eine Besonderheit des Röhrl in Eilsbrunn: Der Saal hat keinen Seiteneingang, man gelangt nur über die Showtreppe hinein und läuft dann gleich in die Arme von Alois. Wer zu spät kam, hatte Pech … Die Fahrt zum Nordkap war eine Preview für Freunde. Und das sind lauter Menschen wie du und ich, also Immobilienmakler, Großbauern, Schweinezüchter, Spediteure, Großmetzger, Lkw- und Landmaschinenhändler. Sein ältester Freund war der Lindner Max aus der Zeit aus dem Goethe-Gymnasium. Der Flugzeugingenieur bei Airbus verriet in so einer Lacher-Pause Alois Wegers Spitznamen am Goethe-Gymnasium: „Mir ham ihn nur den bladen Alois geheißen.“ Der „blade Alois“ ist allerdings eine Gestalt aus dem Song „Familie Pingitzer“ von Wolfgang Ambros und bezieht sich nur auf die Figur: „Und dann sogt da blade Alois, dass ihm de Hosn z’kla wordn is. Darauf er, da Oide: Na, dann friß hoit net so vü!“ Vor der Abreise habe er tatsächlich über 100 Kilo auf den Rippen gehabt, bekannte Weger. „Ich hatte nie so viel Gewicht als zum Zeitpunkt, als ich gestartet bin. Aber das macht nix beim Radlfahren: D’Wampn tut net weh, der A. tut weh.“ Es gab auch andere Anfangsschwierigkeiten zu meistern. Bereits beim Einchecken ins Flugzeug kam es zum Eklat: Terrorgefahr! In seinem Reisegepäck brummte es. Der Rasierer war eingeschaltet. Und 15 km hinter Sevilla machte Weger gleich seinen ersten Überschlag mit dem Radl.

Anton Eschenwecker und Alois Weger. Der Großmetzger war auf der gleichen Route unterwegs, allerdings im Wohnmobil. Foto: Reisinger

Sein Vortrag ließ keinen kalt, denn wie bei jeder guten Komödie schwingt bei Weger immer auch ein Stück Schwermut mit. Das ist die Verletzlichkeit, die allen Rampensäuen eigen ist. Umsonst macht man sich ja nicht untrainiert auf eine Höllentour durch 23 Länder, wenn man in seinem Leben nichts aufzuarbeiten hat. Weger streute nachdenkliche Passagen in seinen humorigen Vortrag ein. Die Reise war ein modernes Abenteuer. Er wusste morgens nicht, wo er abends sein Haupt betten werde. Er setzte sich kein Ziel außer dem, nicht aufzugeben. Selbst nach dem Tod seiner Mutter, die mit dem Sterben wartete, bis der Bub in Böhmen war, radelte er weiter.

Cohens Halleluja auf dem Olavsweg

Er ließ das Leben täglich auf sich zu rollen. Weil er so heranging, erlebte er Dinge, die Sportradler, die jeden Tag mit gesenktem Kopf 160 km runterradeln, gar nicht sehen können. Am ergreifendsten für ihn war das Halleluja von Leonhard Cohen. Er hörte es beim Sonnenaufgang, mit Inbrunst gesungen von einer Pilgerin am Olavsweg. Zum Ende des Vortrags griffen Frauen aus seinem Freundeskreis das bekannte Lied auf, stimmten es an und der ganze Saal fiel in den Refrain ein vom „broken Halleluja“.

Seine Freunde waren völlig aus dem Häuschen. Andreas Sczepan, sein Verkaufslehrer bei John Deere, sagte: „Wahnsinn. Der Mann ist unverwechselbar. Unverwechselbar will doch im Grunde jeder sein. Aber Alois Weger hat‘s erreicht.“

Der ehemalige Regensburger Sparkassendirektor Gerhard Steck, der in diesem Jahr selbst eine Thailand-Rundfahrt gemacht hatte, bewunderte Weger aus drei Gründen: Wegen der sportlichen Seite, „ein Wahnsinn“. Vom Organisatorischen her. „Ich bin mehr der Vollkasko-Typ. Ich lass organisieren und dann fahr ich mit.“ Und vom Schreiben drüber. „Jeden seiner Einträge hab ich gelesen.“

Anton Eschenwecker, der Großmetzger aus Kumpfmühl, hatte ihm in Norwegen einen Wurstsalat und ein Kneitinger spendiert. „Ich fuhr die Strecke in umgekehrter Richtung – mit dem Wohnmobil. Respekt vor seiner Leistung. Und das in einer Zeit, wo alles schnell, schnell gehen muss.“

Und sein ältester Freund, der Max Lindner aus dem Goethe-Gymnasium, habe zwar immer schon gewusst, dass der Weger ein Narrischer ist, aber das hätte er ihm nicht zugetraut. „Dafür war er mir doch immer zu bodenständig.“ Er erinnert sich an die Worte, als ihm Alois Weger seinen Plan mitteilte: „Mein erstes war: Alis, du spinnst.“

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