mz_logo

Regensburg
Donnerstag, 14. Dezember 2017 7

Kino

Ein Luther-Film made in Regensburg

Amerikaner drehten hier 1952 Szenen eines Films über Martin Luther. Stadtarchivar Baibl hat die Geschichte ausgegraben.
Von Angelika Lukesch, MZ

Lutherische und Katholiken disputierten im Film im Regensburger Reichssaal. Mit ihrem Jubel verdienten sich Arbeitslose als Statisten ein kleines Zubrot. Foto: Baibl/Stadtarchiv

Regensburg.Für die Domstadt war es eine Sensation, dass amerikanische Filmemacher in Regensburg, gerade mal sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, einen Film über das Leben von Martin Luther drehen wollten. Die MZ titelte im August 1952: „Geiselgasteiger Luft noch bis zum Donnerstag in Regensburg – mittelalterliches Gepräge im Alten Rathaus / Der amerikanische Lutherfilm entsteht“.

Die Geschichte ist im Laufe von 65 Jahren völlig in Vergessenheit geraten, bis Stadtarchivar Lorenz Baibl bei Recherchearbeiten auf ein kleines Fotoalbum stieß, das Standfotos dieses Filmdrehs enthielt. Dem Text auf der ersten Seite des Albums ist zu entnehmen, dass dieses Album ein Dankeschön für die Unterstützung der Regensburger bei den Dreharbeiten zum Film „Martin Luther“ gewesen war. Der damalige Produktionsleiter, Kurt Hartmann, bedankte sich damit beim Regensburger Kulturreferenten Dr. Walter Boll.

Drehbuch zwölfmal umgeschrieben

Stadtarchivar Baibl hat herausgefunden, dass für diesen Film in Deutschland eigens eine Luther-Filmgesellschaft gegründet worden war. Finanziert wurde der Film von den lutherischen Kirchen in Amerika, die, wie der „Spiegel“ 1952 schrieb, mit diesem Spielfilm „die verschwommenen Vorstellungen der amerikanischen Lutheraner von dem großen deutschen Reformator korrigieren wollen“.

Der Echtheitsfanatismus der amerikanischen Filmleute, heißt es weiter, hätte auch dazu geführt, dass das Drehbuch von Allan Sloane zwölfmal umgeschrieben werden musste. Historische Detailtreue war ungemein wichtig, denn es ging den Produzenten nicht darum, Geld zu verdienen, „sondern eine Idee zu verbreiten“.

Die Dreharbeiten fanden großes Interesse bei den Regensburgern. Foto: Baibl/Stadtarchiv

Bei der möglichst authentischen Umsetzung des Filmstoffs ergab sich jedoch eine Reihe von Problemen. An den in der damaligen Ostzone gelegenen Luther-Stätten konnte nicht gedreht werden, also musste Ersatz im Westen gefunden werden. So wurde das Wirkungsfeld des Augustinermönchs Martin Luther von Erfurt in das Kloster Maulbronn in Baden-Württemberg verlegt, ein Teil der Wittenberger Schlosskirche in das Mittelschiff des bei Wiesbaden gelegenen Klosters Eberbach.

In Regensburg sollten die wichtigen Szenen des Augsburger Reichstags von 1530 gedreht werden, da die historische Szenerie in Augsburg selbst nicht mehr vorhanden war. Im historischen Reichssaal wurde unter anderem die wichtige Szene der Übergabe der Confessio Augustana an Kaiser Karl V. gefilmt.

Vor dem Alten Rathaus wurden Massenszenen gedreht, bei denen die Regensburger als Statisten mitwirken konnten. Der damalige Oberbürgermeister Hans Herrmann achtete darauf, dass die Arbeitslosen hier zum Zuge kamen und sich ein bisschen Geld verdienen konnten. Der Luther-Filmgesellschaft mangelte es auch an einigen Requisiten, die sie ebenfalls aus den Regensburger Museumsbeständen entliehen, wie zum Beispiel der Kaisersessel, eine Monstranz, ein Teppich.

Regensburg diente als Kulisse für den Augsburger Reichstag von 1530. Foto: Baibl/Stadtarchiv

Stadtarchivar Baibl fand in den Beständen des Stadtarchivs auch den entsprechenden Briefverkehr zur Entstehung des Films. In einem Schreiben an OB Hans Herrmann bat Produktionsleiter Kurt Hartmann darum, „in einigen Räumen des Regensburger Rathauses“ drehen zu dürfen. Natürlich wurde in diesem Zusammenhang auch das Geschäftliche geklärt, wie zum Beispiel die Hinterlegung einer Kaution (20 000 Deutsche Mark), eine Benutzungsgebühr (1000 Deutsche Mark pro Drehtag), die Kosten für eine vom Oberbürgermeister abgestellte Vertrauensperson für die Bewachung der vom Filmteam entliehenen Gegenstände und die Versicherungsfrage. Außerdem bat Hartmann noch darum, dass Kulturreferent Dr. Walter Boll „für die Vorbereitung der Aufnahmen in Regensburg und bei den Aufnahmen selbst uns beratend zur Seite stehen dürfte“.

Die Dreharbeiten zum Film „Martin Luther“ dauerten von 9. bis 14. August 1952, die erste Massenszene wurde bereits am 10. August 1952 gedreht. Alle Komparsen stammten aus Regensburg. Als Standfotograf für den Film war der renommierte Fotograf Rolf Lantin verpflichtet, der eng mit Leni Riefenstahl zusammengearbeitet hatte und unter anderem auch die Fotografien für deren berühmten Film „Triumph des Willens“ geschossen hatte.

Für den Oscar reichte es nicht

1000 Mark kostete die Benutzung des Reichssaals täglich. Foto: Baibl/Stadtarchiv

Nur drei deutsche Schauspieler wirkten mit: Jasper von Oertzen, Paul Höfer und Heinz Piper, der hierzulande die größte Berühmtheit als einführender Sprecher bei „Dinner for one“ erlangte. Piper spielte den Kanzler Johannes Eck. Auch der Regisseur des Lutherfilms, Irving Pichel (Amerika), spielte als Kanzler Brück mit.

Der Film, berichtet Lorenz Baibl, sei seinerzeit nicht unumstritten gewesen. „Er hat einige Kontroversen in Amerika und Kanada ausgelöst. In Quebec war er sogar zensiert worden, allerdings muss man dazu sagen, dass in der Zensurbehörde nur Katholiken saßen.“ Bis in die achtziger Jahre ist der Streifen in den Schulen als Lehrfilm eingesetzt worden und hat lange Zeit das filmische Bild Luthers geprägt. 1954 wurde er im Bereich Kamera sowie Szenenbild für den Oscar nominiert. Den Oscar gewann jedoch in der Kategorie „Kamera“ der Film „Verdammt in alle Ewigkeit“ und im Bereich „Szenenbild“ der Film „Julius Cäsar“.

Mehr Nachrichten aus Regensburg lesen Sie hier.

Der Film ist erneut zu sehen

  • Vorführung:

    Am Freitag um 20 Uhr wird der Film „Martin Luther“ im Thon-Dittmer-Palais gezeigt. Die Veranstaltung des Stadtarchivs findet in Kooperation mit dem Historischen Verein statt. Stadtarchivar Lorenz Baibl wird in den Film einführen. Der Eintritt ist frei.

  • 1952 gedreht:

    Der Film „Martin Luther“ wurde im Jahr 1952 zum Teil in Regensburg gedreht. Er behandelt das Leben Luthers von 1505 bis ins Jahr 1530, als der lutherische Glaube auf Reichsebene anerkannt wurde. Regisseur war Irving Pichel. Martin Luther wurde vom irischen Schauspieler Niall MacGinnis dargestellt. Angeblich konvertierte er nach dem Dreh zum Protestantismus.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht