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Regensburg
Samstag, 18. November 2017 5

Geschichte

Ein Prediger voller Vorurteile

Der Protestant Christian Gottlieb Dimpfel (1709-1781) beschreibt das Regensburg seiner Zeit. Katholiken waren ihm ein Graus.
Von Angelika Lukesch, MZ

Für Stadtarchivar Lorenz Baibl ist die Dimpfel-Chronik eine Fundgrube für Informationen über das Regensburg des 18. Jahrhunderts. Foto: Lukesch

Regensburg.Im Regensburger Stadtarchiv ruht eine Art Regensburger Almanach, der das Leben in Regensburg während des 18. Jahrhunderts beschreibt. Es wäre jedoch ein Fehler anzunehmen, dass der ehrenwerte Chronist Christian Gottlieb Dimpfel (1709- 1781), der dieses umfangreiche 14-teilige Werk verfasste, ein objektives Bild des Lebens in der Domstadt zeichnet, der er als „… meine werthe Vatterstadt, … mein gelieptes Regenspurg“ huldigt. Zwar schreibt er selbst, dass seine Ausführungen völlig „unparteiisch“ seien, doch in Wirklichkeit war Dimpfel nicht sehr objektiv, vor allem nicht, was die Religion respektive die Konfession angeht.

Zu Zeiten Dimpfels lebten in der Reichsstadt Regensburg römisch-katholische Menschen direkt neben protestantischen Einwohnern. Die Stadt war 1542 offiziell zum protestantischen Glauben übergetreten. Ab dem 17. Jahrhundert erhielten nur noch Protestanten die Bürgerrechte. Nach Stadtarchivar Lorenz Baibl waren jedoch im 18. Jahrhundert zwei Drittel der Regensburger (etwa 20000) römisch-katholischen Glaubens – das zahlenmäßige Verhältnis der Konfessionsgruppen hatte sich somit inzwischen mehr als umgekehrt.

Der Regensburger Theologe Professor Dr. Karl Hausberger schreibt dazu folgendes: „Der Ratsbeschluss vom Herbst 1542, der der wachsenden Zahl von Einwohnern, die sich zur lutherischen Konfession bekannten, obrigkeitlich Rechnung trug, gab daher nicht wie in anderen Reichsstädten das Signal zur Verdrängung oder Unterdrückung des katholischen Bekenntnisses.“ Vielmehr sei das katholische Bekenntnis in Regensburg auch nach 1542 kontinuierlich fortbestanden. Die Mehrzahl der Regensburger Kirchen seien katholisch geblieben. Dies lag an den katholischen Enklaven innerhalb der Stadtmauern, die unabhängige Reichsstände beziehungsweise Herrschaftsstände waren (Bistum, St. Emmeram, Damenstifte Ober- und Niedermünster).

Ein Mann mit Sendungsbewusstsein

Christian Gottlieb Dimpfel (1709-1781) war ein protestantischer Prediger, der in der Neupfarrkirche wirkte. Foto: Lukesch

Doch zurück zu Christian Gottlieb Dimpfel. Er war ein tiefgläubiger Protestant, der ab 1738 als Prediger an der Neupfarrkirche wirkte. Seine vorgebliche Unparteilichkeit beim Verfassen der Chronik fand vor allem dann ein jähes Ende, wenn es um katholische Menschen, katholische Angelegenheiten und katholische Dinge im Allgemeinen ging. Als Protestant mit Sendungsbewusstsein konnte Dimpfel wohl nicht anders, als gegen den Katholizismus zu predigen und anzuschreiben, um der seiner Meinung nach richtigen Konfession Gehör zu verschaffen.

Es nimmt nicht Wunder, dass in der Dimpfel-Chronik das Thema, was am Katholizismus „böse“ und am Protestantismus „gut“ sei, ein ganzes Kapitel einnimmt. Der Titel dieses Kapitels lautet „Unpassionirte Beschreibung des wenigen Guten wohl aber häufig Bösen der unter uns Evangelisch=Lutherischen lebenden Römisch=Catholischen in Ansehung nicht nur ihrer Stifter und Clöster, aber liestiger Intriguen, ärgerlichen Lebens=Wandel, politischen Staatstreichen, gefährlichen Anschlägen, intentirten Aufruhres, auch verstellten Räncke“.

Seine Chronik versah der Prediger mit vielen Aquarellen und illustrierenden Zeichnungen. In einer aquarellierten Tuschezeichnung stehen sich der Katholizismus und der Protestantismus gegenüber. Die katholische Geistlichkeit wird als Frau dargestellt, mit Pelzen behängt und von einem Pfauenrad beschirmt. Sie hält in ihrer linken Hand einen Kelch und in der rechten einen mit Fuchsschwänzen geschmückten Handspiegel. Des Weiteren werden auf diesem Bild dem Katholizismus die Symbole des Fuchses (Listigkeit), des Löwen (Machthunger), der Fledermaus und des Uhus (beide sind Symbole der Nacht und auch des Bösen) beigegeben. Dimpfel schreibt dazu: „Formidelosa Clero Ratisbona“, was so viel bedeutet wie „Regensburg ängstigt sich vor dem Klerus“.

Den Protestantismus stellt Dimpfel im Gegensatz dazu als überaus edel dar und stellt ihn unter dem Motto „Religiosa Celebris Ratisbona“ dar (gläubiges und berühmtes Regensburg). Abgebildet wird hier ein kräftiger, schöner Baum, vor dem eine einfach gekleidete Frau mit einem strahlenumkränzten Kopf und einer Sonne auf der Brust gezeigt wird. „Sie hält ein Buch in den Händen. Mit dem rechten Zeigefinger deutet sie auf die Buchstaben und führt mit dieser Geste die Hochschätzung des Wortes als die Grundlage des Protestantismus vor.

Eine Art privater Kirchenkampf

Die sogenannte Dimpfel-Chronik bestand aus 14 Bänden, die in fünf Bände zusammen gefasst wurden. Foto: Lukesch

Am linken Bildrand steht eine antike weibliche Figur. Einen Blumenkranz im Haar, die rechte Brust entblößt, hält sie mit der Linken ein mit Früchten und Blumen gefülltes Horn, in der Rechten den von zwei Schlangen umwundenen, geflügelten Stab des Merkurs. Mit diesen Attributen und dem vor ihr auf einem Kissen angebrachten Regensburger Stadtwappen versinnbildlicht sie den in der freien Reichsstadt blühenden Handel, die „florirenden commercien“, die unter dem „Regiment“ der protestantischen Religion anzutreffen sind. Edle Innerlichkeit soll hier – so sind diese beiden Allegorien wohl zu verstehen – gegen eitle Äußerlichkeit gestellt werden. In einer Art von privatem Kirchenkampf verwendet Dimpfel diese Bilder als „Mittel seiner Katechese“, beschreibt die Volkskundlerin Elisabeth Fendl in einem Aufsatz von 1993 dieses Bild.

Dimpfel deckt in seiner Chronik besonders gern Fehler, Vergehen und „Skandale“ bei den Katholiken auf. So schreibt er zum Beispiel die „Artikel“ mit den Schlagzeilen „Schwangere Nonne zu Niedermünster“, „Emmeramer Pater saufet sich zu todt“ oder auch „Esaniten Diebstahl an dreyen Kindern“. Gegen die Jesuiten hatte Dimpfel eine besondere Abneigung. Er berichtet aus dem Jahr 1756, als angeblich zwei Jesuitenbrüder eine Sterbende zum Konvertieren zwingen wollten und er sie im letzten Augenblick rettete: „…mußten die in Schaafes-Kleidern= angekommene reissende Wölfe mit Schanden abziehen, und … das Zimmer räumen.“

„Vögelein suchet die Freiheit“

Jeder Klosteraustritt wird von Dimpfel kommentiert, zum Beispiel als ein katholischer Ordensbruder den Karthäuser-Orden verließ: „Carthäußer Vögelein suchet die Freiheit“. Die Katholiken bezeichnet Dimpfel als „heidnische Christen“, die katholischen Pfarrer als „Seelenfänger“.

Der Autor und sein Werk

  • Urheber:

    Christian Gottlieb Dimpfel (1709 – 1781) besuchte das „Gymnasium poeticum“ in Regensburg und studierte später in Tübingen protestantische Theologie. Ab dem 28. November 1738 wirkte er als ordinierter Prediger an der Regensburger Neupfarrkirche.

  • Chronik:

    Ab 1740 schrieb er die Regensburger Chronik „Ratisbona nova antiqua“ in 14 Teilen. Diese sind in vier Folianten zusammengefasst und werden im Stadtarchiv aufbewahrt. Dimpfel beschreibt in sehr subjektiver Weise das Leben in Regensburg.

  • Inhalt:

    Neben der sehr wertenden Darstellung der Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken zu seinen Lebzeiten, schrieb Dimpfel über Regensburger Skandale, über Kriminalfälle, Unwetterkatastrophen und auch gesellschaftliche Veränderungen. (lla)

Als 1748 das Haus Thurn und Taxis nach Regensburg übersiedelte und höfischen Glanz in die Reichsstadt brachte, war dies Dimpfel ein Dorn im Auge, denn für ihn war das der Anfang vom Ende der Moral in Regensburg. Er schrieb: „Unsere lieben Nachkömmlinge werden sich kaum einige Begriefe von unseren dermaligen Zeiten machen können, in welchen alhier sehr übel unter Babels einfältigen Knechten zu leben ware.“

Für Stadtarchivar Lorenz Baibl ist die Chronik ein einmaliges Zeitdokument. „Sie ermöglicht eine Zeitreise in das frühneuzeitliche Regensburg aus der Perspektive eines protestantischen Geistlichen.“ Gerade die originellen, teils farbigen Abbildungen würden den Reiz des Werkes ausmachen.

Dimpfels Chronik stellt eine echte Fundgrube für viele weitere Forschungen dar, erklärt Baibl. Zur Kultur-, Kriminalitäts- oder Alltagsgeschichte biete sie reichhaltiges Material. „Aber gerade auch für das bislang kaum erforschte Verhältnis der Konfessionen in der Reichsstadt lassen sich daraus wertvolle Erkenntnisse gewinnen.“

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