mz_logo

Regensburg
Mittwoch, 18. Oktober 2017 20° 2

Medizin

Ein Professor der ersten Stunde

Dietrich Birnbaum baute die Herzchirurgie am Regensburger Universitätsklinikum auf. Er starb im Alter von 74 Jahren.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Professor Dr. Dietrich Birnbaum: Der Herzspezialist engagierte sich international für verbesserte medizinische Versorgung. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv
  • Dietrich Birnbaum starb im Alter von 74 Jahren. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Regensburg. Auf einem der letzten Fotos umarmt Dietrich Birnbaum einen silbrig glänzenden Luftballon-Stern und strahlt in die Kamera. Das Foto entstand an Silvester in Hongkong. Der Herzspezialist verbrachte den Jahreswechsel 10 000 Kilometer von Bayern entfernt. Er hielt sich beruflich in Asien auf: Im Auftrag der chinesischen Kantons-Regierung in Shenzhen war der Regensburger Professor Berater bei der Entwicklung und Einrichtung der Herz- und Thorax-Chirurgie am dortigen Groß-Klinikum. Im Februar wollte er über sein weiteres Engagement in China entscheiden. Das wäre Zehn Jahre nach seinem Abschied vom Universitätsklinikum Regensburg gewesen.

Lernen, das eigene Wissen weitergeben, Menschen helfen: Für Dietrich Birnbaum blieb das der Antrieb bis zuletzt, auch nach seiner Emeritierung 2007. In Regensburg baute der Mediziner ab 1991 die Herzchirurgie auf. Es entstand eine Klinik der kurzen Wege, in der Organ-Spender und -Empfänger Tür an Tür liegen. In der Nacht auf den 28. Juli 1994 leitete der Chirurg dann die erste Herzverpflanzung in Regensburg; sie schenkte einem 54 Jahre alten Regensburger ein zweites Leben.

„Professor Birnbaum war am UKR ein Mann der ersten Stunde, der sich mit Erfahrung, Kompetenz und unermüdlicher Begeisterung für sein Fach engagierte und in Zusammenarbeit mit den anderen Fachbereichen den Aufbau der universitären stationären Krankenversorgung am UKR zum Erfolg führte“, erinnert sich Professor Dr. Oliver Kölbl, Ärztlicher Direktor des UKR. „Wir haben ihm als Arzt und als Mensch viel zu verdanken.“

Eine revolutionäre Maschine

Birnbaum, der erste Direktor der Regensburger Klinik und Poliklinik für Herz-, Thorax- und herznahe Gefäßchirurgie, „trug mit seiner klinischen und wissenschaftlichen Expertise wesentlich dazu bei, die Transplantationsmedizin in Regensburg zu etablieren“, heißt es in der Würdigung des UKR und der Fakultät für Medizin.

Birnbaum war mit Hingabe ein Professor, der sein Wissen an die Studierenden vermittelte, und ein hochmotivierter Wissenschaftler, der an innovativen Klappen- und Gefäßprothesen forschte. Vor allem wurde unter seiner Federführung eine revolutionäre Herz-Lungen-Maschine entwickelt, nicht größer als ein Koffer. Das tragbare Gerät erlaubt, das Herz-Kreislauf-System von Patienten nicht erst stationär, sondern bereits auf dem Weg zur Klinik zu entlasten – ein Meilenstein.

Konzentriert und 100-prozentig zugewandt: So erlebten Patienten und Kollegen den bedeutenden Mediziner. Andererseits konnten ihn eine Gesellschaft, die er als oft oberflächlich und kalt empfand, und ein Bürokratismus, der zum Selbstzweck wurde, auch auf die Palme bringen. Der schmale, agile Professor war kein Mainstream-Mann. Außergewöhnlich war dann auch der Weg, den er nach seinem Abschied von Regensburg einschlug. Nach 40 Berufsjahren in Deutschland wechselte er nach Äthiopien, um sich ab 2009, unter schwierigen und ausgesprochen dürftigen Bedingungen, für eine bessere Gesundheitsversorgung einzusetzen. Im Rahmen des Emeriti-Programms des DAAD baute er ehrenamtlich eine medizinische Fakultät an der Universität Asella auf. Um Hilfe zur Selbsthilfe ging es ihm als dortigem Gründungsdekan, um Kooperation auf Augenhöhe, mit äthiopischen und deutschen Ärzten Seite an Seite.

Für die Einrichtung der Poliklinik in Asella mobilisierte der Netzwerker auch große Unterstützung aus der Oberpfalz. Das Krankenhaus St. Josef spendete zum Beispiel Betten und Geräte, und dank der Stiftung „Wasser für die Welt“ von Margit und Heribert Wirth konnte eine Wasserversorgung mit Solarwärme installiert werden. „Wir haben einen guten Freund und einen wunderbaren Menschen verloren“, reagierte das Paar aus Wiesent auf die Todesnachricht.

Ein neuer Auftrag in China

Aufbauhilfe: Darum ging es auch beim letzten Auftrag von Dietrich Birnbaum. Im Februar wollte er über die Unterzeichnung eines Fünf-Jahres-Vertrags als Berater in Shenzhen entscheiden. Die Entwicklung einer Klinik voranzutreiben, das hätte ihn gereizt. Und trotz einer Leber-Transplantation, der er sich vor rund 20 Jahren hatte unterziehen müssen, fühlte er sich fit genug für den Einsatz in China.

Am 1. Januar brach Dietrich Birnbaum nach einer Herzattacke zusammen. Er wurde 74 Jahre alt.

Zahlreiche Aufgaben

  • In Regensburg:

    Dietrich Birnbaum, am 16. Februar 1942 in Chemnitz geboren, wurde 1980 an der FU Berlin promoviert. 1991 wurde er auf den Lehrstuhl für Herz-, Thorax- und herznahe Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Regensburg berufen, 2007 wurde er emeritiert.

  • In Fachverbänden:

    Der Mediziner war einer der bedeutendsten deutschen Herzspezialisten. Er war für zahlreiche Fachverbände und Fachpublikationen tätig. Von 1996 bis 1997 war er Prodekan an der Fakultät für Medizin der Universität Regensburg. Ab 2000 war er Vorsitzender des European Board of Cardiovascular Perfusion (EBCP) und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie.

  • In Äthiopien:

    Von 2010 bis 2016 war Dietrich Birnbaum Prodekan an der Universität Asella. Er baute ab Ende 2009 eine medizinische Fakultät auf.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

  • JG
    Jutta Göller
    03.01.2017 14:56

    Ja, liebe Frau Sperb, so hab' ich Prof. Birnbaum auch erlebt, bei der Behandlung von Angehörigen. Und er war einer der wenigen Mediziner, die auch Fehler zugeben können... RIP.

    Missbrauch melden

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht