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Regensburg
Mittwoch, 23. August 2017 27° 1

Jugendclub-Zelt

Eine Ohrfeige für rastlose Generation

Nachdenklich, ernst und witzig thematisiert der Jugendclub am Theater Ideen und Thesen zum Thema Zeit, die aus den Fugen ist.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Dass aus seiner Sicht die Zeit aus den Fugen ist, stellt das Ensemble des Jugendclubs am Theater Regensburg überzeugend dar. Foto: Schreiner
  • Mit dem Skateboard auf Zeitreisende geht Marty McFly. Foto: Schreiner

Regensburg.„I’m just sittin‘ on the dock of the baym – Wastin‘ time“ – Zeit verschwenden, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, wie im Text von „The Dock of the Bay“ des großen Soulsängers Otis Redding, ist nicht mehr angesagt. Optimierung, Zeitmanagement und Multitasking heißen heutzutage die Stoßgebete, welche altbackene Formeln wie „Zeit ist Geld“ längst abgelöst haben. Für seine Stückentwicklung hat sich der Jugendclub am Theater Regensburg in diesem Jahr das Thema Zeit ausgesucht und mit Claudia Erl (Leitung) und Ludwig Hohl (Mitarbeit) unter die Lupe genommen. Auf unterschiedliche Art und Weise befragen die Jugendlichen den Zeitbegriff auf den Hintergrund des aktuellen Geschehens. Als Ausgangspunkt dient ihnen das Zitat aus William Shakespeares Hamlet „Die Zeit ist aus den Fugen“.

Bild ist einfach, aber wirkungsvoll

Kaum öffnen sich die Türen zum karg möblierten Theaterraum, stehen die Besucher bereits mittendrin. Sie laufen durch die Gruppe der Jugendlichen, die wie eingefroren die ganze offene Bühne bevölkern. Mit nostalgischem Schnurtelefon, Handy oder einem Klemmbrett stehen und liegen sie in der letzten Bewegung erstarrt herum – unbeeindruckt vom Publikum, das sich zwischen ihnen hindurch zur Sitztribüne schlängelt. Ein einfaches, aber wirkungsvolles Bild: Über roboterhafte, stereotype Bewegungen, die gaaanz langsam beginnen und immer schneller werden, wird es schließlich aufgelöst. Ein Electrogroove schiebt an, Geräusche gesellen sich dazu – Zeit manifestiert sich in Bewegung.

Andererseits: „2016 war ein voll komisches Jahr“, konstatiert ein Jugendlicher im Gespräch über Dehnungsfugen und die Zwischenräume in der Musik. „Hörbare Leerstellen, die die Töne erst zum Klingen bringen“, wie sein Gegenüber doziert. Assoziativ, pointiert und manchmal ganz schön witzig umkreisen die mehr als zwei Dutzend Jugendlichen diesen so abstrakten wie allgegenwärtigen Themenkomplex. Da wird mit wunderbar gespreizter Blasiertheit ein Tischtennisduell inszeniert und über Schnelligkeit sinniert. Thesen zur „Zeit, in der wir leben“ mäandern schlagwortartig wie umherspringende Tischtennisbälle durch den Raum. Eine Lehrstunde über Effizienz und Zeitmanagement endet überraschend in einer einminütigen Denkpause, nach welcher die Coaches mit lakonischer Süffisanz wissen wollen: „Das war eine Minute! Wie haben Sie ihre Zeit genutzt?“ „Ich habe elfmal ein- und ausgeatmet.“ „Ich habe ein Gedicht geschrieben.“ Große Formationen mit streng geregelten Abläufen wechseln mit chaotischen und lauten Discoszenen. Dennoch wird „Zukunft als Bedrohung“ wahrgenommen, bis ein „Zeitsprung! Alles ist magic“ den vermeintlichen Retter und bejubelten Star aus „Zurück in die Zukunft“, Marty McFly, aus dem Zeitloch purzeln lässt.

Mit dem Discohit „Power Of Love“ der Schwulentruppe „Frankie Goes To Hollywood“ zurück in die 80er, wird – verpackt in der Spöttelei „Immobilienbübchen“ – dezentes Präsidentenbashing betrieben. Witz und Spiellust bringen immer weitere Zeitfäden hervor, wie eine pointierte Erklärung der Raum-Zeit-Krümmung aus Einsteins Relativitätstheorie, deren lose Enden nicht immer verknüpft werden.

Die Hoffnung auf neues Leben lebt

Durch die „Ressource Zukunft als offener Erwartungshorizont“ erfahren die Zuschauer: Es ergibt sich ein „Recht der Jungen“ als Hoffnung auf neues Leben – trotz der Kriege, trotz Zeitdruck und Reizüberflutung, trotz permanentem Krisenmodus und verschobenen Zeitachsen. Die Erkenntnis „wir können uns nur selber retten“ reift auf der mit gespieltem Entsetzen aufgenommenen Absage des Skateboard-Zeitreisenden Marty McFly: „Ich kann euch leider nicht retten!“ „Waaas?“

Was folgt, ist ein Appell. „Passt auf die Welt auf“ richtet sich gleichermaßen ans Publikum wie an die Akteure auf der Bühne. Dabei zeigt sich aber, dass sich beim Thema Zukunft heute keineswegs alles in Wohlgefallen und der Lust an Ironie auflösen lässt. „Jede neue Generation, jede Jugend“ zitiert die Gruppe unisono eine Prämisse, „hat einen Anspruch auf ein eigenes, selbstbestimmtes Leben, auf eine Möglichkeit, die Welt nach ihren Idealen mit- und umzugestalten“. Zur schallenden Ohrfeige für die Alten (einer Zeit oder Generation) gerät ein kollektiver sarkastischer Anwurf. „Liebe Nachgeborene“, äffen die Jugendlichen deren Haltung nach, „eigentlich interessiert ihr uns kein Stück!“, womit das gemeinte „…keinen Dreck“ wohlwollend umschrieben wird. Eine lohnenswerte Themen- und Thesensammlung mit viel Lust und herrlich lautem Kreischen auf die Bühne gebracht. Authentisch und anregend!

Die nächsten Termine: Am 7. und 8. März jeweils um 19.30 Uhr.

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