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Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 10

Lokalpolitik

Eine Stimme für die Jugend

2018 können Regensburgs Jugendliche den zweiten Jugendbeirat wählen. Doch was bewirkt ein solches Gremium eigentlich?
Von Bastian Schmidt

In Regensburg gibt es beispielsweise mittlerweile einen Integrationsbeirat, einen Beirat für Menschen mit Behinderung, einen Kulturbeirat, einen Sicherheitsbeirat, einen Naturschutzbeirat, einen Sportbeirat und seit dem 20. Februar 2016 erstmals auch einen Jugendbeirat. Foto: Stadt Regensburg

Regensburg.Der Begriff „demografischer Wandel“ bezeichnet die Tatsache, dass die Bevölkerung eines Landes im Schnitt immer älter wird. Dies trifft sowohl auf Deutschland als Ganzes als auch auf das eigentlich prosperierende und wachsende Regensburg zu. Als direkte Folge stellen Senioren einen immer größeren und vor allem stetig wachsenden Teil der Bevölkerung dar. Um dieser Entwicklung im Rahmen der kommunalen Politik Rechnung tragen zu können, wurde in Regensburg bereits im Jahr 1978 ein Seniorenbeirat eingerichtet, der die Belange der älteren Mitbürger überparteilich, überkonfessionell und verbandsunabhängig gegenüber der Politik vertritt. Überhaupt haben sich Beiräte in der Politik als ein adäquates Mittel entpuppt, um Menschen und deren Anliegen eine kontinuierliche Stimme in der Kommunalpolitik zu verschaffen. In Regensburg gibt es beispielsweise mittlerweile einen Integrationsbeirat, einen Beirat für Menschen mit Behinderung, einen Kulturbeirat, einen Sicherheitsbeirat, einen Naturschutzbeirat, einen Sportbeirat und seit dem 20. Februar 2016 erstmals auch einen Jugendbeirat.

Die Belange von Regensburgs Teenagern sollen gehört werden

Zwar werden Kinder und Jugendliche aufgrund verschiedenster sozioökonomischer Faktoren immer mehr zu einer Minderheit, allerdings wäre es grundlegend falsch, ihren Wünschen und Bedürfnissen deshalb weniger Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Während Jugendliche in anderen Bundesländern, beispielsweise in Baden-Württemberg, ab einem Alter von 16 Jahren ihre Meinung durch eine Stimmabgabe bei den Kommunalwahlen kundtun können, ist dies in Bayern erst bei einem Wahlalter ab 18 Jahren möglich. Die Stadt Regensburg bemüht sich aber seit Jahren, den Themen Kinder- und Familienfreundlichkeit eine bedeutsame Rolle zukommen zu lassen. Zum Beispiel wurden unter anderem die Jugendsozialarbeit an allen Grund-, Mittel- und Berufsschulen eingeführt, die Kinderspielstadt Mini-Regensburg gegründet oder zahlreiche Stadtteilbüchereien eröffnet. Außerdem nimmt die Stadt an dem Projekt „Kinderfreundliche Kommunen“ teil, einer Zertifizierung, die besonderen Wert auf die Umsetzung von Kinderrechten legt.

Im April 2015 entschied sich der Regensburger Stadtrat, einen Jugendbeirat einzuführen, der von allen 14- bis 17-jährigen Regensburgerinnen und Regensburgern gewählt werden konnte und der seither aktiv die Interessen der jungen Menschen in die Arbeit des Stadtrates einbringt. Finanziert wird der Jugendbeirat unter anderem durch Mittel des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, mit dem besonders Projekte zur Demokratieförderung und der Extremismusprävention gefördert werden und bei dem Regensburg als lokaler Partner für Demokratie auftritt. „Das beste Partizipationsmodell wäre für mich eine Senkung des Wahlalters. Da dies in Bayern aber auf absehbare Zeit nicht zu erwarten ist, sind die Belange von Jugendlichen unterrepräsentiert und der Jugendbeirat ist eine sehr gute Möglichkeit für junge Menschen, um sich einzubringen“, erklärt Christoph Seidl vom Amt für kommunale Jugendarbeit der Stadt Regensburg, der den Jugendbeirat und seine gewählten Vertreter seit der Einführung begleitet.

Jugendliche möchten die Stadtpolitik aktiv mitgestalten

„Ich wollte sowohl gerne in der Stadt mitmischen und etwas bewegen als auch einem Forum beitreten, in dem man über aktuelle Themen diskutieren und politische Erfahrungen sammeln kann.“ Jelka Schehler, Stellvertretende Vorsitzende des Jugendbeirats

Noch immer wird beim Thema „Jugendliche und Politik“ schnell die Frage gestellt, ob es denn überhaupt sinnvoll ist, Jugendliche in den politischen Prozess mit einzubinden. „Zu Unrecht, denn wenn man jungen Menschen zuhört und sie ein bisschen kennenlernt, merkt man schnell, dass sie nicht im Geringsten weniger an den Geschehnissen und Ereignissen um sie herum interessiert sind als über 18-Jährige“, sagt Christoph Seidl. Seiner Meinung nach wird Jugendlichen einfach per se zu wenig zugetraut. Das zeigen auch die Beweggründe von Jelka Schehler, der ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Jugendbeirats: „Ich wollte sowohl gerne in der Stadt mitmischen und etwas bewegen als auch einem Forum beitreten, in dem man über aktuelle Themen diskutieren und politische Erfahrungen sammeln kann.“ Definitiv keine Aussage von jemandem, der nur über sich selbst und die nächste Feier nachdenkt.

Dabei ging es der Stadt bei der Einführung eines Jugendbeirates in erster Linie nicht um konkrete Ergebnisse, die möglichst schnell erzielt werden sollten, sondern um die grundsätzliche Einbeziehung junger Menschen am politischen Prozess. „Hier ist mal wieder auch der Weg das Ziel“, erklärt Seidl. Besonders wertvoll seien dabei die Dinge, die man nach außen nicht sehe und die nicht öffentlichkeitswirksam in der Zeitung stünden. „Nach der Wahl 2016 gab es alleine fünf Arbeitsgruppentreffen, in denen sich der Jugendbeirat eine Geschäftsordnung gegeben hat. Es fanden Diskussionen zu grundlegenden Regeln wie dem Rederecht und möglichen Ausschlusskriterien statt. Das waren total wertvolle Diskussionen und wir haben schnell gemerkt, wie die Sicherheit und das Selbstbewusstsein bei den Jugendlichen zugenommen haben. Jetzt, nach eineinhalb Jahren, brauchen sie deutlich weniger Betreuung und Führung als am Anfang, weil sie verstanden haben, wie politische Prozesse im wahren Leben ablaufen. Das sind unschätzbare Erfahrungen.“ Und das sehen auch die Jugendbeiräte selber so. „Was man bei der Beteiligung am politischen Prozess sehr schnell lernt, ist, dass alles etwas länger dauert als erwartet und es mehr Vorschriften und Hindernisse gibt, auf die man bei der Umsetzung einer Idee stößt, als man vorher geglaubt hat. Man lernt allerdings genauso, dass man letztendlich vieles trotzdem schafft und das macht einen dann umso stolzer“, gibt Jugendrätin Cleo Fleischer einen Einblick in ihre Erfahrungen der letzten eineinhalb Jahre.

„Hier ist mal wieder auch der Weg das Ziel.“ Christoph Seidl

Trotz der bekanntlich etwa langsamer mahlenden Mühlen der Bürokratie war es dann aber doch einiges, was der Jugendstadtrat in seiner ersten Legislaturperiode auf die Beine stellen konnte. Unter anderem organisierten die Jugendstadträte die interkulturelle Sportnacht in der Regensburger Halle 37, bei der rund 250 Jugendliche aus den verschiedensten Ländern der Erde unter dem Motto „Sport ist die Sprache, die wir alle verstehen“ gemeinsam kickten, warfen, sprangen, schwitzten und liefen. Finanziert wurde das Event im Übrigen aus dem Budget des Jugendbeirats. Des Weiteren kann man bis heute in der Regensburger Innenstadt das Engagement der jungen Mitbürger auf Mülleimern bewundern. Aufkleber fordern die Passanten unter anderem dazu auf, ihren Müll in den Eimer zu werfen, anstatt ihn irgendwo sonst auf der Straße zu entsorgen.

Digitales Streifenticket und eine neue Sportanlage

Außerdem hat der Jugendbeirat gerade Anträge für eine Antidiskriminierungsstelle und eine neue Sportanlage in Burgweinting eingebracht. Er engagiert sich aktiv für das Projekt „Stadtraum gestalten“ und nimmt sich des Themas „Rassismus vor der Discotür“ an. Einen ganz besonderen Einblick in die Funktionsweise der Politik konnten die Beiräte außerdem bei einem Treffen zum Thema „Busfahren in Regensburg“ sammeln.

„Ich hatte immer das Gefühl, dass unsere Ideen ernst genommen und bearbeitet werden, jedoch wünschte ich mir manchmal, dass man mehr direkt verantwortliche Ansprechpartner hätte. Ein Beispiel ist der Nahverkehr. Wenn man mit Personen redet, die das Problem von zu teuren Bustickets vermeidlich lösen können sollten, stößt man sofort auf Ablehnung. Die Stadt meint beispielsweise, man müsste das auf Landesebene abklären, doch ein geladener Landtagsabgeordneter erklärte uns, diese Problematik sei eine kommunale Sache“, erinnert sich Jelka Schehler. Sie hat zu dieser Art mit Problemen umzugehen, auch eine klare Meinung: „Verantwortungsschieberei finde ich ätzend.“ Eine Erfahrung, die viele Politikneulinge machen müssen, von der sie sich aber nicht abschrecken lassen dürfen.

Vor allem die Stadtspitze engagierte sich von Beginn an für die „Neulinge“ auf dem politischen Parkett. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs ist ein großer Unterstützer des Jugendbeirates und besuchte jede Sitzung im Sitzungssaal des Neuen Rathauses. Und auch Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer zeigt sich überzeugt, dass junge Menschen auch künftig am politischen Prozess in Regensburg teilnehmen werden. „Natürlich hat der Jugendbeirat eine Zukunft – die hohe Bewerberzahl bei den letzten Wahlen hat ja gezeigt, dass die jungen Leute großes Interesse daran haben, sich einzubringen. Von Politikverdrossenheit keine Spur. Der Jugendbeirat hat in den letzten eineinhalb Jahren sehr gute Arbeit geleistet und war in meinen Augen überaus präsent. Ich bin mir sicher, dass sich alle im Stadtrat über dieses Engagement sehr freuen und den Jugendbeirat weiter unterstützen.“

Und wie bewerten die Jugendbeiräte rückblickend ihre Arbeit der letzten rund eineinhalb Jahre?

Jelka Schehler: „Jeder von uns hat gelernt, dass geplante Projekte nicht immer leicht in die Tat umzusetzen sind und manche Ziele eine gesamte Amtszeit lang verfolgt werden müssen. Ich bin trotzdem sehr zufrieden mit unserer Arbeit. Ich habe gelernt, dass Demokratie Zeit, Kraft und Durchhaltevermögen braucht, um zu leben. Sie öffnet dir aber auch Türen. Seit meiner Zeit im Jugendbeirat bekomme ich wahnsinnig viel vom Stadtbetrieb mit und mein Amt hat mich dazu bewegt, auch in Zukunft politisch aktiv zu bleiben.

Cleo Fleischer, Jugendrätin

Cleo Fleischer: „Ich bewerte unsere Arbeit als durchaus erfolgreich. Als erster Regensburger Jugendbeirat haben wir gezeigt, dass diese Institution Sinn macht. Ständig haben wir überlegt, was als nächstes auf unsere ,To-do-Liste‘ kommt. Hier ist anzumerken, dass Regensburg schon so viel hat. Meiner Meinung nach leben wir in einer unglaublich vielfältigen Stadt, in der für jeden was dabei ist. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist es also auch, unsere Meinung zu neuen Projekten und Plänen in der Stadt Regensburg zu äußern und ob wir diese als ,jugendlichtauglich’ bewerten würden.“

Viktoria Schuck: „Zu Beginn habe ich als Älteste und mit keinen bestehenden Freundschaften zu den anderen Beiratsmitgliedern nicht erwartet, dass wir so gut zusammenarbeiten und zusammenwachsen können. Vor allem unsere Unterschiede machen uns so außergewöhnlich. Zu jedem Thema der Stadt kann jemand von uns 25 als Experte etwas beitragen. Ich habe gelernt, anderen zuzuhören und meine Beiträge besser auf sie zuzuschneiden, Kritik einzustecken und sachlich damit umzugehen. Für mich persönlich war interessant, wie Politik auf Interessens- anstatt Parteibasis funktionieren kann. Nur wenige von uns sind Parteimitglieder. Unser Ziel, Regensburg zu verändern, steht deutlich im Vordergrund. Und das ist zu allererst einmal, die Arbeit der Politiker aufzumischen und ihnen auch unsere Sichtweisen darzulegen. Für uns ist Multikulti in den Klassen Normalität und Bereicherung. Flüchtlinge einzubeziehen, liegt uns am Herzen, weil wir selbst mehr und mehr ins Ausland wollen und dort genauso gut empfangen werden wollen. Alles in allem hat mich die Arbeit im Jugendbeirat in dem bestärkt, was ich später einmal machen möchte: als Diplomatin für deutsche Interessen arbeiten. Nur wenn wir miteinander auf Augenhöhe diskutieren, verabschieden wir uns vom Schubladendenken, das in jedem von uns schlummert.“

Die Kandidaten müssen sich bis Ende November bewerben

Der nächste Jugendbeirat der Stadt Regensburg wird in der Woche vom 19. bis 23. Februar 2018 gewählt. Die Wahllokale werden wieder an Schulen und Jugendzentren im gesamten Stadtgebiet eingerichtet. Die wahlberechtigten Jugendlichen bekommen ihre Wahlbenachrichtigung per Post zugesandt. Wer sich als Jugendbeirat aufstellen und wählen lassen möchte, der muss seine Bewerbung bis zum 29. November 2017 bei der Stadt eingereicht haben. Alle Informationen dazu sowie den Bewerbungsbogen gibt es auf www.jugendbeirat-regensburg.de.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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