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Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Soziales

Flüchtlingshelfer dringend gesucht

Für eine Kleiderkammer in Regensburg gilt ein Annahmestopp. Fehlende Ehrenamtliche bedrohen die Integration, sagen Experten.
Von Julia Ried, MZ

Campus Asyl sucht dringend Ehrenamtliche, die im Transitzentrum Kleidung annehmen, sortieren und an Flüchtlinge ausgeben. Foto: Fritz Bielmeier/Campus Asyl

Regensburg.Die Flüchtlingshelfer von Campus Asyl mussten die Notbremse ziehen: Sie haben einen Annahmestopp für die Kleiderkammer für Asylbewerber im Transitzentrum in der Zeißstraße ausgesprochen – weil Ehrenamtliche fehlen. Auch Verantwortliche im Rathaus und bei der Caritas berichten von starkem Helfer-Schwund. Dabei wären mehr Freiwillige derzeit dringend notwendig, sagen in der Flüchtlingsarbeit Tätige. „Es besteht die Gefahr, dass die Integration nicht so gut gelingt, wie sie sollte“, warnt Hermann Josef Eckl, Mitglied der Vorstandschaft von Campus Asyl.

Für die Kleiderkammer im Transitzentrum gilt derzeit ein Annahmestopp. Helfer fehlen. Foto: Fritz Bielmeier/Campus Asyl

Auf Facebook informierte die Initiative kürzlich die Nutzer: „Wir haben in den letzten Monaten leider viele unserer Freiwilligen verloren und unsere Hauptaktiven bei der Annahme fallen im November/Dezember ebenfalls für einige Wochen aus.“ Eckl, der Campus Asyl Ende 2014 mitgegründet hatte, sagt: Zuletzt habe sich noch ein „ganz kleiner Stamm“ von Helfern, weniger als eine Handvoll Leute, die Arbeit in der Kleiderkammer geteilt. „Und die schaffen das einfach nicht mehr.“

Zwar sei noch kein weiteres Angebot von Campus Asyl, das sich in diversen Projekten – vom Sprachkurs bis zur Musik-Gruppe – für Flüchtlinge engagiert, akut gefährdet. „Aber aufgrund des allgemeinen Rückgangs an Freiwilligen könnte es hier in Zukunft durchaus auch Probleme geben.“ In der „absoluten Hochzeit“ hätten an die 1000 Leute mitgearbeitet. Jetzt seien es 300 bis 350. Dass das Interesse an dem Thema nachgelassen habe, hält Eckl für normal. Doch auch die gewandelte politische und gesellschaftliche Stimmung habe dazu beigetragen, dass nun Ehrenamtliche fehlen. „Auch in Regensburg gibt es die Situation, dass Helfer angegangen werden.“

Kontakt von „Mensch zu Mensch“

Dabei würde Campus Asyl seine Projekte gerne nicht nur stützen, sondern noch ausbauen – jetzt, da viele Flüchtlinge „erst so richtig“ ankämen in der Gesellschaft. „Es geht darum, dass diejenigen, die Arbeit und Ausbildung brauchen, die auch bekommen. Es geht darum, dass wir uns auf gemeinsame kulturelle Standards einigen“, sagt Eckl. Für ein gutes Miteinander sei der Kontakt „von Mensch zu Mensch“ wichtig. Als „unverrückbare Basis“ von Integration sehe Campus Asyl dabei die Akzeptanz von Normen und Werten im Sinne des Grundgesetzes, etwa der Gleichberechtigung der Geschlechter.

Christina Engl, bei der Caritas Ansprechpartnerin für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in den Pfarrgemeinden, erzählt: Deren Zahl sei in den vergangenen beiden Jahren wohl um zwei Drittel zurückgegangen. Als Ursache dafür nennt sie unter anderem „Frust und Enttäuschung über politische und juristische Entscheidungen“. Wenn Ehrenamtliche miterlebten, dass ein Flüchtling, der wirklich versuche, sich zu integrieren, gehen müsse, oder jemand, der sich weit weniger anstrenge, bleiben könne, sei das für Helfer psychisch schwer zu verarbeiten, „weil es ihnen zeigt, dass ihr Einsatz umsonst war“. Auch Enttäuschung über das Verhalten mancher Asylbewerber spiele eine Rolle. „Es gibt auch Geflüchtete, die zu hohe Anforderungen stellen.“ Manchmal treibe „schlicht und ergreifend eine Komplettüberlastung“ Helfer zum Ausstieg. Engl sieht diese Entwicklung sehr kritisch. „Das sollte einfach nicht passieren, dass so viele Leute überfordert und frustriert das Handtuch werfen.“ Die Fachfrau betont: „Jetzt geht es wirklich um die Integration, jetzt geht es darum, dass man dran bleibt. Ich sehe in dem ganzen Thema schon Sprengstoff.“ Migranten müssten viel lernen über das Leben in Deutschland. Hier sieht sie die Politik gefordert, die ihrer Meinung nach mehr Stellen für Hauptamtliche finanzieren sollte. Doch das allein reiche nicht: „Das ist unglaublich wichtig, dass da Ehrenamtliche dran sind.“

Stadt wirbt um Flüchtlingspaten

Stadtsprecherin Dagmar Obermeier-Kundel sagt: Es seien gerade die persönlichen Kontakte, „die ein wichtiges Stück Integrationsarbeit leisten“. „Sehr wünschenswert“ sei es deshalb, dass sich weitere Bürger als Flüchtlingspaten engagieren. Denn auch die Stadt, die solche persönlichen Begleiter vermittelt, kämpft mit nachlassendem Interesse. Aktuell engagieren sich 110 Bürger in 75 Patenschaften. Doch seit 2016 haben sich circa 235 Bürger, die bereits als Paten tätig waren oder einmal ihr Interesse bekundet hatten, abgemeldet.

Flüchtlinge in Regensburg

  • Zahlen:

    In der Erstaufnahmeeinrichtung und dem Transitzentrum für Asylbewerber mit geringen Chancen, hierzubleiben, leben nach Angaben der Bezirksregierung derzeit insgesamt 430 Menschen, in den Gemeinschaftsunterkünften 829.

  • Nationalitäten:

    70 Prozent der derzeit in Regensburg lebenden Asylbewerber kommen aus einem dieser Länder: Irak, Syrien, Afghanistan, Äthiopien, Eritrea.

  • Kleiderkammer:

    Die Kontaktadresse lautet kleiderkammer-mitarbeit@campus-asyl.de.

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