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Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Kirche

Für viele Domspatzen war es „die Hölle“

Der Abschlussbericht von Ulrich Weber zeigt das große Ausmaß der Misshandlungen bei den Regensburger Domspatzen.
von Christine Straßer, MZ

Sonderermittler Ulrich Weber zählt 547 Fälle von Missbrauch und Gewalt bei den Regensburger Domspatzen. Fotos: dpa

Regensburg.Ulrich Weber muss sich die Schweißperlen von der Stirn tupfen. Nicht weil an diesem Dienstag die Sommerhitze zurück nach Regensburg gekommen ist, sondern vor allem, weil er der Öffentlichkeit einen Einblick gibt, welche Gewalt bei den Domspatzen über Jahrzehnte herrschte. Die Dimensionen waren erahnbar, vor allem für jene, die bereits Webers Zwischenbericht Anfang 2016 gehört hatten, aber das Ausmaß, das der Sonderermittler schildert, ist so groß, dass trotz des strahlend hellen Tages, der draußen herrscht, in dem Konferenzsaal in der Continental Arena Beklemmung um sich greift.

Strenge Regeln und Willkür

Er habe nicht erwartet, dass ihn Webers Vortrag noch einmal so mitnehmen würde, sagt Peter Schmitt später. Als kleiner Junge erlebte Schmitt in der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen brutale Gewalt. Heute ist er 56 Jahre alt. Er arbeitet in der Aufarbeitungskommission mit und beschreibt seine zwei Jahre in der dritten und vierten Klasse in Etterzhausen als die schlimmsten seines Lebens.

Zwischen 1945 und Anfang der 1990er Jahre wurden Webers Bericht zufolge rund 500 Betroffene Opfer körperlicher Gewalt, die auch in der damaligen Zeit mit wenigen Ausnahmen verboten und strafbar war. In 67 Fällen kam es zu sexueller Gewalt. Die Dunkelziffer liege aber wohl höher.

Die Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen beschrieben die Opfer als „Gefängnis“, „Hölle“ oder „Konzentrationslager“. Wer Regeln eines strengen und teilweise willkürlich ausgelegten Regelkatalogs brach, wurde bestraft. Fehlverhalten wurde aber auch in Form von Kollektivstrafen sanktioniert. Weber hält fest: „Es bestand ein grobes Missverhältnis zwischen Regelverstoß und Bestrafung.“ Verantwortlich seien in vielen Fällen der Direktor der Vorschule und sein Präfekt gewesen. Es müsse aber davon ausgegangen werden, dass nahezu alle Verantwortungsträger bei den Domspatzen zumindest ein Halbwissen über Gewaltvorfälle gehabt hätten.

Die Stimme der Opfer wird gehört

In seinem rund 430 Seiten umfassenden Bericht lässt Weber über weite Strecken die Aussagen von Opfern für sich sprechen. Wie bestraft wurde, schildert zum Beispiel ein Opfer, das sich an ein Erlebnis mit dem Direktor erinnert: „Eine Geschichte vom M. hab ich nie vergessen, als der mal in der Früh, als wir im Hauptgang angetreten sind zum Frühstück, einen Schüler derart den Gang vor uns allen entlang regelrecht niederprügelte, bis der kaum noch hoch kam. Und das alles nur, weil der Junge ein Glas Marmelade aus Versehen fallen ließ. Die Angst war den meisten danach förmlich ins Gesicht geschrieben.“ Über Seiten erstrecken sich derlei Zitate von Opferaussagen.

Weber versucht auch zu erklären, wie es zu der massiven Gewalt in der angesehenen Einrichtung kommen konnte. „Das gesamte Erziehungssystem war auf den Erfolg des Chors ausgelegt“, sagt er. Der Chor hatte Vorrang vor der Schule. Der Einzelne hatte nur eine geringe Bedeutung. „Der Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit sollte dazu dienen, den Willen der Schüler zu brechen und ihnen Persönlichkeit und Individualität zu nehmen“, führt Weber aus. Mit dem Zeitgeist will der Sonderermittler die Gewalt bei den Domspatzen nicht erklären. Zwar sei in früheren Zeiten auch andernorts Gewalt angewandt worden, das erkläre jedoch nicht das Ausmaß, das bei dem weltberühmten Chor geherrscht habe.

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Ratzinger hatte zwiespältige Rolle

Georg Ratzinger, der ehemalige Leiter der Regensburger Domspatzen. Foto: dpa

Zur Rolle des Domkapellmeisters Georg Ratzinger sagt Weber, dieser habe „kein Wissen über sexuelle Gewalt“ gehabt. Er wirft ihm jedoch vor, bei den Fällen körperlicher Gewalt nicht reagiert zu haben. Ratzinger, der heute 93 Jahre alt ist, hatte den Knabenchor von 1964 bis 1994 geleitet. Im Abschlussbericht spiegelt sich wider, wie unterschiedlich ehemalige Domspatzen Ratzinger in Erinnerung haben. Die einen beschreiben ihn als „Opa, der wöchentlich Süßigkeiten verteilt“ und die Welt außerhalb der Musik nicht wahrgenommen habe. Für andere, wie Alexander Probst, der ebenfalls im Aufarbeitungsgremium mitarbeitet, bleibt Ratzinger „ein notorischer Schläger“. So habe er ihn erlebt.

Müller in der Kritik

Der heutige Kardinal Müller hatte als Regensburger Bischof bei Bekanntwerden des Skandals 2010 eine Aufarbeitung in die Wege geleitet. Diese Aufarbeitung sei aber mit vielen Schwächen behaftet gewesen, etwa weil man nicht den Dialog mit den Opfern gesucht habe, heißt es im Bericht. Weber beschreibt es aus heutiger Sicht als einen Fehler, dass nur Einzelfälle betrachtet wurden. Dadurch sei man „im Tunnel“ gewesen und habe die Systematik, die hinter den Fällen stand, nicht erkannt. Weber befindet, dass Müller eine klare Verantwortung für die strategischen, organisatorischen und kommunikativen Schwächen zugeschrieben werden müsse.

Der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs bittet die Opfer um Entschuldigung. Es seien Fehler gemacht worden. So sei es nicht richtig gewesen, darauf zu warten, dass sich Betroffene meldeten. Man hätte vielmehr aktiv auf die Menschen zugehen müssen.

Georg Ratzinger nehme großen Anteil an der Aufarbeitung, versichert Fuchs. Von sexuellem Missbrauch habe der damalige Domkapellmeister mit Ausnahme eines Falles nichts gewusst. Auch das Ausmaß der Gewalt habe er falsch eingeschätzt. Der Bruder des emeritierten Papstes sei ein emotionaler Mensch und habe früher auch Ohrfeigen ausgeteilt. Dies habe er jedoch mittlerweile bedauert und sich auch entschuldigt.

Wie wurde mit Vorfällen umgegangen?

  • Georg Ratzinger:

    Dem ehemaligen Domkapellmeister Georg Ratzinger lastet Sonderermittler Ulrich Weber in seinem Abschlussbericht insbesondere sein „Wegschauen“ und fehlendes Einschreiten an, obwohl er von körperlicher Gewalt wusste. Von sexuellen Übergriffen wusste der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt Webers Erkenntnissen zufolge jedoch nichts. Der heute 93-Jährige leitete den weltberühmten Chor von 1964 bis 1994. Ehemalige Schüler haben ihn ganz unterschiedlich in Erinnerung.

  • Gerhard Ludwig Müller

    Als ehemaliger Bischof von Regensburg beging Müller dem Urteil des Sonderermittlers zufolge Fehler. Weber stellt mangelhafte und fehlende Kommunikationsprozesse sowie eine unzureichende Dokumentation fest. Müller obliege eine „klare Verantwortung für die strategischen, organisatorischen und kommunikativen Schwächen der Aufarbeitung“. Regensburgs Generalvikar Michael Fuchs räumt Fehler ein. Der heutige Kardinal Müller wies Versäumnisse hingegen zurück.

  • Rudolf Voderholzer

    Unter Bischof Rudolf Voderholzer änderte sich zunächst am Aufarbeitungsprozess wenig. Weber bescheinigt ihm jedoch, dass ab Ende 2014 insbesondere seine direkte Kommunikation mit Opfern sowie seine öffentlichen Äußerungen für positive Impulse sorgten. Persönliche Gespräche des Bischofs mit Opfern führten bei ihm zu einem tieferen Verständnis der Tragweite der Vorfälle. Opfervertreter haben wiederholt betont, dass mit Voderholzer eine Diskussion auf Augenhöhe möglich gewesen sei.

Nicht alle wollen Entschädigung

Anfang des Jahres nahm ein Anerkennungsgremium die Arbeit auf, das über finanzielle Zahlungen entscheidet. Die Betroffenen sollen mit jeweils bis zu 20 000 Euro entschädigt werden. Knud Hein, Mitglied des Anerkennungsgremiums, schätzt, dass sich die auszuzahlende Gesamtsumme am Ende einmal auf 2,5 bis 3 Millionen Euro belaufen wird.

Offenbar haben aber längst nicht alle Missbrauchs- und Gewaltopfer einen Antrag für eine Entschädigung eingereicht. Bisher seien erst rund 300 Anträge eingegangen, hieß es. Rund 450 000 Euro seien bislang ausbezahlt worden. Barbara Seidenstücker, die auch im Anerkennungsgremium sitzt, sagt dazu: „Ich glaube, es geht den Opfern eher um Aufarbeitung als um Geld.“

Die Opfervertreter Peter Schmitt und Alexander Probst hatten schon im Vorfeld des Abschlussberichts große Zufriedenheit darüber geäußert, dass mit Webers Ergebnissen nach vielen Jahren endlich aufgeklärt werden kann, was geschah. Beim Zuhören sei er erneut extrem erschüttert gewesen, was die Kinder damals erleben mussten, schildert Probst. Ihm habe die Arbeit im Aufarbeitungsgremium aber geholfen, selbst seinen Frieden zu finden.

Eine Chronologie des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen sehen Sie hier:

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  • AO
    Angelika Oetken
    19.07.2017 18:17

    Georg Ratzingers Ausblenden der sexuellen Gewalt an den Domspatzeneinrichtungen könnte mit dem zusammen hängen, was ein Forist im Kommentar Nr. 142 zum vom BR wieder online gestellten Artikel "Ohrfeigen ja, Missbrauch nein" schildert.

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  • AO
    Angelika Oetken
    19.07.2017 18:14

    Impulskontrollstörungen im Sinne von plötzlichem Jähzorn bei ansonsten eher defensiv-zurückhaltenden Auftreten können ein Hinweis auf in der frühen Kindheit erlittene erhebliche Misshandlungen sein. Kindesmisshandlung, insbesondere wenn sexuelle dazu gehört, führt häufig zu Dissoziationen. Womit Bewusstseinsabspaltungen bzw. "Wegtreten" gemeint ist. Die Rate an Opfern von Missbrauch und Misshandlung muss auch unter den Priestern sehr hoch sein.

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