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Im Kabinenroller in den Promi-Himmel

Josef Geisler (78) kennt man nur als Karo-Beppi. Keine Straße in Regensburg wird ohne ihn eröffnet.
Von Helmut Wanner, MZ

Als ein Stück der Bahnhofstraße in Fritz-Fend-Straße umbenannt wurde, war der Messerschmitt-Kabinenroller-Club dabei. Auf dem Rücksitz des weißen Roadsters nahm Josef Geisler den Autor mit. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Man kann leicht auf sie herabschauen. Josef Geisler ist der Prototyp des kleinen, fleißigen Mannes der deutschen Aufbaujahre. Und der Kabinenroller (Karo) wirkt auf den Betrachter wie ein notgelandetes Flugzeug ohne Flügel. Der Messerschmitt-Roller wurde zum Symbol für die Wiederauferstehung nach dem Zusammenbruch. Und Geisler hat ihn zusammengebaut.

„Ach du liebe Zeit, keiner hat mehr für die Liebe Zeit“,

Peter Igelhoff

Der Corpus des Karo besteht aus 0,7 mm starkem Blech über den sich eine Plexiglashaube wölbt. Bis die dreirädrige „Rennsemmel“ (BMW-Isetta) und der vierrädrige „Goggo“ 1955 auf den Markt rollten, war der 1953 gestartete „Schneewittchen-Sarg“ konkurrenzlos. Er weckt noch heute Gefühle.

Auferstanden ist der Kabinenroller aus Ruinen. Ausgerechnet etwas wie die Flugzeugkanzel aus dem zerbombten Messerschmitt-Flugzeugwerk an der Prüfeninger Straße half mit, Deutschland wieder mobil zu machen. Mit Preisen um die 2000 Mark war das motorisierte Dreirad erschwinglich. Bis zu 400 Arbeiter fertigten in den Montage-Hallen des Luftjägers das friedliche Folgeprodukt. Der Kabinenroller KR 200 trug auf der Kanzel den Pfeil von Willi Messerschmitt als Logo. Die Erfindung von Fritz Fend wurde ab 1953 in Regensburg in Serie gefertigt. 500 Exemplare verließen Monat für Monat die Montagehallen. 1964 endete die Produktion.

Promis im Kabinenroller – sehen Sie hier eine Bildergalerie:

Mit Himmelmeyer aufs Siedlerfest

Für Josef Geisler war der Kabinenroller der Start ins Berufsleben. Im September 1953 begann er in der Lehrwerkstatt seine Lehre als Werkzeugmacher. Geisler musste eine Aufnahmeprüfung machen. Hans Himmelmeyer (1924 bis 2009) stellte die Fragen. Der spätere SPD-Stadtrat war sein Lehrmeister. Geisler Beppi holte ihn zum Dank jedes Jahr am Brandlberg von der Haustüre ab. Die beiden im Kabinenroller – das war eine Attraktion beim Siedlerfest-Umzug.

Obwohl er nur 17 Jahre dabei war, hat die Zeit bei Messerschmitt Josef Geisler geprägt. In seinem Haus in Irlbach legt der 78-Jährige ein metallenes Werkstück auf den Tisch. „1892“ ist darin eingestanzt. Jedes Werkstück bekam die Nummer. Manfred Spegel, der Schlossermeister aus Grasslfing, hatte am selben Tag die Lehre begonnen. Er bestätigt: „Mit dem Geisler Beppi hab ich mir ein Wettrennen geliefert, wer am Ende eines Tages die meisten Gepäckträger für den Kabinenroller gefeilt hatte.“ Alle ehemaligen Lehrbuben trafen sich vor fünf Jahren an der Walba. „Es war wahrscheinlich das letzte Mal,“ meint Geisler.

Mit dem Vater ins Werk geradelt

Bei Messerschmitt arbeiten, das war eine Ehre. Väter waren glücklich, wenn sie ihre Söhne in die Firma bringen konnten. Adolf und Josef Geisler radelten jeden Morgen um 6 Uhr von der Brüxer Straße, „eine Straße unterm Bellevue“, in die Prüfeninger Straße. Sie überquerten die Donau an der Steinernen Brücke und fuhren dann am Hochweg in den Rillen, die die Lkws im kleinen Katzenkopf-Pflaster herausgefahren hatten. Der Vater arbeitete als Schreiner im Waggonbau. Bei Messerschmitt wurden ja nicht nur Roller gefertigt, sondern auch Versehrten-Fahrzeuge oder sogenannte Mokulis, Lastenmopeds für Handwerker und den Lesezirkel.

„Wenn man 5 vor 7 nicht in Arbeitskleidung stempelte, hat der Werkstattschreiber eine Viertelstunde abgezogen.“ Josef Geisler bekam 10 Mark die Woche in die Lohntüte. Messerschmitt hatte neben der Schlosserei eine Dreherei, eine Fräserei und eine Schmiede. Manfred Spegel erinnert sich, als Willi Messerschmitt persönlich beim Werkunterricht erschien. Den leitete Ing. Peter Eckert, der Gründer der Eckert-Schulen.

Geisler hat bei Messerschmitt sogar seinen Meister gemacht. „Aber das hat mir in der Firma nix mehr gebracht“, stellt er fest. Die Kabinenroller-Produktion lief aus „und der Waggonbau war auch nicht der wahre Otto“.

„Wenn du als Arbeiter Lehrer werden willst, musst du strampeln.“

Josef Geisler

„Wenn du als Arbeiter Lehrer werden willst, musst du strampeln“, bringt es Geisler auf eine einprägsame Formel. Sein Ziel war, Berufsschullehrer, Fachbereich Metall. Dafür drückte er sieben lange Jahre selber die Schulbank. Die Abendschulen bedeuteten Riesen-Schichten. „6 Uhr raus, 23 Uhr wieder daheim.“

Peter Igelhoff war damals nicht umsonst mit dem Titel erfolgreich: „Ach du liebe Zeit, keiner hat mehr für die Liebe Zeit.“ Gut, dass der Karo-Beppi seine Christa 1963 beim Tanz beim Cafe Handerer in der Seidenplantage kennengelernt hat. Ein „Walzer mit Anschleichen“ war sein Weg zum Glück. In Irlbach hat er das Nest gebaut, bevor er 1966 heiratete. „Jeden einzelnen Stein hab ich in der Hand gehalten“, sagt er theatralisch.

Lesen Sie mehr: Helmut Wanners Terrain ist Regensburg. Hier kennt er jeden Winkel. Unter dem Titel „Habe die Ehre“ veröffentlicht er seit 1998 jeden Samstag ein Porträt. Hier geht es zur Serie.

In ganz Bayern bekannt

Er ist auch ein Mann der Show. Die Söhne, die hier groß wurden, zeigen in ihren Berufen des Geisler Beppis zwei Gesichter. Sein Sohn Andreas ist Werkzeugmachermeister beim „Scheibeck“, wie er die Maschinenfabrik Reinhausen nennt. Markus Geisler wurde Eventmanager. Er organisiert die „Eckert-Beach“ und das Bad Abbacher Techno-Spektakel „Love Island“.

Josef Geisler trägt gerne karierte Hemden. Karo-Beppi ist in ganz Bayern bekannt wie ein gescheckter Hund. In Regensburg kann man sich keine Straßen- oder Brückenweihe ohne ihn vorstellen. Josef Geisler hat im Kabinenroller das Recht der ersten Fahrt. Bei ihm steigt die Prominenz zu und macht sich klein. Zwei Din-A-4-Blätter würden nicht reichen, um alle Namen und Titel aufzuschreiben. Sein ranghöchster Beifahrer war Ministerpräsident Günther Beckstein. Er eröffnete die Nibelungenbrücke.

So wurde der Kabinenroller seiner Jugendjahre für den Berufschullehrer Geisler die Türe zur Welt. Mit seinen Kabinenroller-Auftritten kam er sogar ins Fernsehen. Er hatte schon mal deren sieben wie Baptist Mühlbauer, die rechte Hand von Fritz Fend (1928 bis 2000). Aber da ist ihm seine Christa aufs Dach gestiegen. Jetzt hat er noch zwei, einen weißen und einen roten. Der weiße ist eine Rarität, ein Roadster. „Ich hab ihn dem Frank Mosher abgekauft hat.“ Der rote ist der billigere KR 201. Mit dem fing‘s an.

„Wie alles in meinem Leben“, sagt er, „war es Zufall, dass ich mit dem Sammeln begonnen hab“. Das kam so: Sein Cousin in Koblenz hatte ihm ganz früher einen Kabinenroller abgekauft. Nach Jahren hat er ihn dann angerufen, ob er ihn nicht wieder haben wolle, er stehe bei ihm bloß rum. „Er war nur noch Schrott“, sagt Geisler. Der Beppi hat ihn zerlegt und wieder zusammengebaut. Das hat er gelernt.

Josef Geisler geht auf die 80 zu. Er kann zufrieden zurückblicken. Doch plagt ihn das Gefühl, ein „kleiner Arbeiter“ zu sein, auf den alle herabschauen. Der im Verkehr mit Menschen um Respekt kämpfen muss. Deswegen passen gerade sie so gut zusammen, der Karo-Beppi und sein Messerschmitt-Roller.

Weitere Geschichten und Nachrichten aus Regensburg gibt es hier.

Promis im Kabinenroller

  • Walter Röhrl

    schätzte die direkte Lenkung des Kabinenrollers. Am 1. Oktober 1987 stieg der Rallye-Weltmeister für kurze Zeit von seinem Audi Quattro um – von 400 auf 10 PS.

  • Gloria von Thurn und Taxis

    setzte sich im Schlosshof von St. Emmeram in den Roadster. Hintergrund war eine Oldtimer-Ausfahrt. Gloria bot Geisler 17 000 Mark für den Roller.

  • Sepp Maier

    nimmt mit seiner attraktiven Begleitung Platz im KR 201. Zweimal hat der Nationaltorhüter a. D. die Chance genutzt. Einmal bei einem Benefizturnier in Altenthann.

  • Peter Kraus

    nimmt bei der Eröffnung eines Einkaufszentrums in Augsburg Platz. Der deutsche Rock‘n‘Roll und der Kabinenroller verzeichneten zeitgleich Erfolge.

  • Gerd Müller

    genießt das Kabinenroller-Gefühl. Der Bomber der Nation bliebt Josef Geisler besonders positiv in Erinnerung. „An seine Freundlichkeit kam der Meier Sepp nicht ran.“

Die Promis im Kabinenroller

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