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Regensburg
Freitag, 28. Juli 2017 25° 2

Prozess

Kleptomanin klaute in der Klinik weiter

Die 25-Jährige entwendete Stationsmaterial. Die Richterin hakt am Dienstag auch zu den 140 000 Euro in ihrer Wohnung nach.
Von Micha Matthes, MZ

Eine 25-jährige Studentin (r.) der OTH Regensburg musste sich am Dienstag vor dem Landgericht verantworten. Sie soll Kleptomanin sein, an einer Zwangsstörung leiden und eine Vielzahl von Diebstählen begangen haben. Foto: mt

Regensburg.Am Landgericht wurde der Prozess gegen eine 25-jährige Studentin der OTH Regensburg fortgesetzt. Sie soll Kleptomanin sein, an einer Zwangsstörung leiden und eine Vielzahl von Diebstählen begangen haben. Insgesamt wird ihr Diebstahl in 89 Fällen, Betrug, Hausfriedensbruch und Unterschlagung zur Last gelegt. Die Angeklagte wurde ungefähr vor einem Jahr von der Polizei erwischt. Seitdem ist sie in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Am Dienstag sagte der Psychologe, der seither für die Einzeltherapie der Angeklagten zuständig war, als Zeuge vor dem Landgericht aus. Außerdem wurden die Angeklagte sowie ein mitangeklagter Komplize zu ihren Vermögenswerten befragt.

Die Angeklagte sei von Anfang an sehr kooperativ gewesen, gab der Psychologe, der am Dienstag als Zeuge vernommen wurde, an. Die Angeklagte hatte ihn dazu zuvor von seiner Schweigepflicht entbunden. Sie habe regelmäßigen Kontrollen zugestimmt und an Therapien und Programmen teilgenommen. Immer wieder sei es aber auch während des Aufenthalts der Angeklagten in der psychiatrischen Klinik zu „Entwendungen“ gekommen, die dann unter „Scham- und Schuldgefühlen“ auch zugegeben werden konnten, sagte der Psychologe.

25-Jährige sammelte Klinik-Material

Kleinigkeiten, Stationsmaterial, Waschbecher, Stifte: „Es gab immer wieder Funde“. Zwar sei es der Angeklagten zu Beginn noch schwergefallen, diese Taten zuzugeben. Zum Teil habe sie dann aber auch versucht, Gegenstände wieder zurückzugeben. „Sie hatte schon eine Einsicht, dass das Unrecht ist, was sie da tut“, sagte der Psychologe. Ob die Zahl der Diebstähle während der Behandlung zugenommen hat, konnte der Psychologe schwer einschätzen. „Es ist immer so in Wellen passiert.“

Kleptomanie

  • Als Kleptomanie

    bezeichnet man das pathologische Stehlen.

  • Ladendiebstahl ist nur selten

    wirklich krankhaft. Laut dem Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP) leiden nur rund fünf Prozent aller Täter unter einer behandlungsbedürftigen Kleptomanie.

  • Bereicherung ist

    selten das Motiv: Die gestohlenen Gegenstände werden oft nicht benötigt.

  • Die Betroffenen

    werfen die geklauten Gegenstände oft weg, verschenken oder sammeln sie.

  • Häufig ist die Kleptomanie

    auch mit Depressionen sowie mit Angst- und Essstörungen verbunden.

  • Kleptomanie kann

    durch eine Psychotherapie behandelt werden: Bei einem Psychiater können Betroffene Selbstkontrolltechniken erlernen.

Die Kleptomanie sei sehr schwer zu therapieren. „Das Sammeln ist wahrscheinlich noch einmal etwas ganz eigenständiges. Hinter Zwang steckt auch erst mal eine Angsterkrankung“, sagte der Psychologe. „Bei ihr ist auch ein ganz großer Leidensdruck. Sie hat definitiv Fortschritte gemacht, braucht aber auf jeden Fall weiterhin eine Therapie.“ Als Therapieerfolg wertete der Psychologe unter anderem, dass die Angeklagte in der Therapie erkannt habe, „dass es für sie schwer ist, nein zu sagen, dass sie immer sehr viel an andere denkt.“ Daraus könnte eventuell ein Bedürfnisstau entstanden sein, der durch kleptomanisches Verhalten ausgeglichen werde.

Diebesgut füllt Turnhallen-Boden

Bereits bei der Prozesseröffnung im November wurde durch die Aussage eines Beamten, der bei der Wohnungsdurchsuchung der Angeklagten anwesend war, das Ausmaß der Taten deutlich, die der Angeklagten zur Last gelegt werden. Textilien, Bettwäsche, Drogerieartikel und Kleinmöbel: Die Polizei beschlagnahmte Diebesgut im Gesamtwert von rund 60 000 Euro. Es stapelte sich ungefähr einen Meter hoch in dem 16-Quadratmeter-Apartment im Regensburger Süden, so dass sich die Eingangstür – laut den Angaben des Beamten – nur sehr schwer öffnen ließ. Auf der Fläche ausgebreitet, habe das Diebesgut den Boden einer Turnhalle gefüllt.

Die Angeklagte soll unter anderem 19 Uni-Studenten ihre Rucksäcke und Taschen samt wertvollem Inhalt geklaut haben. Foto: Knobloch

In der Wohnung wurden auch 140000 Euro Bargeld sichergestellt, auf das die Richterin bei der Befragung der Angeklagten zu ihren Vermögenswerten noch einmal einging. „Ich kann nur sagen, dass ich wirklich extrem viel gearbeitet habe“, sagte die Angeklagte dazu. „Klar: Ich will nicht sagen, dass es alles erarbeitet ist.“ Heute darüber Auskunft zu geben, falle ihr schwer, weil es ein so immenser Betrag sei. Sie habe das Geld über Jahre angesammelt, genau wie die Ware auch. „Es war im Endeffekt das gleiche Schema. Und dadurch kam es auch zu der großen Summe. Dass es so viel war, habe ich allerdings selbst nicht gewusst. Ich war direkt schockiert, dass es so viel geworden ist.“ Schulden habe sie nicht, allerdings habe sie zum Teil Schadensersatzforderungen von Unternehmen erhalten. Unter anderem fordert ein Textilhandelsunternehmen 32000 Euro von der Angeklagten.

Die junge Dame aus dem Landkreis Kelheim hatte schon zum Prozessbeginn ein umfassendes Geständnis abgelegt: „Ich gebe alles zu und will nichts schönreden. Ich habe psychische Probleme und einen Sammelzwang, der sich im Lauf der Jahre gesteigert hat. Ich schäme mich für die Taten und bereue sie. Am Ende hatte ich keinen Überblick mehr.“ Der Prozess soll nun am 15. Dezember fortgesetzt werden.

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