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Regensburg
Samstag, 23. September 2017 21° 3

Natur

Letzter Ausweg ist der Weg nach oben

Wildschwein-Attacken sind selten. Ein Fall in Donaustauf sorgt nun für Aufsehen. Ein Jäger erklärt, was man beachten muss.
Von Kathrin Robinson, MZ

Wildschweine zieht es auf der Suche nach Deckung und Nahrung auch im Raum Regensburg immer öfter in die Nähe von Siedlungen. Foto: dpa

Regensburg.Es ist ein angsteinflößendes Szenario: Man geht im Wald spazieren, genießt die Natur, lässt die Gedanken schweifen – und plötzlich steht ein ausgewachsenes Wildschwein da, das Anlauf nimmt. Für eine 17-Jährige wurde das am Samstag Realität. Sie ging in den Donauauen bei Donaustauf spazieren, als im Uferbereich des Donau-Altwassers ein Schwarzkittel auftauchte und die junge Frau verfolgte. Die 17-Jährige suchte ihr Heil im Weg nach oben. Sie kletterte in ihrer Not auf einen Baum im Schilf und harrte dort in rund drei Metern Höhe mehrere Stunden aus, bis ihr Rettungskräfte zu Hilfe kamen.

„Die junge Frau hatte noch Glück“, sagt Josef Neft, Polizeihauptkommissar bei der Polizeiinspektion Wörth. Eine Paddlerin habe die Schreie an dem sonst wenig frequentierten Uferbereich gehört und die Einsatzzentrale verständigt. Ansonsten wäre sie wohl noch viel länger unentdeckt geblieben. Weil die Paddlerin zunächst angenommen hatte, dass die Hilferufe aus dem Wasser kamen, waren neben der Polizei und der Feuerwehr Donaustauf auch die Wasserwacht, die DLRG und ein Rettungshubschrauber im Einsatz. Die Besatzung des Helikopters war es auch, die schließlich die genaue Stelle in Ufernähe ausmachen konnte, wo sich die 17-Jährige befand.

Es ist das erste Mal, dass es in Donaustauf in freier Natur zu einem solchen Zwischenfall mit einem Wildschwein gekommen ist. Aber dass es in dem Bereich des Donau-Altwassers Schwarzwild gibt, ist auch bei der Polizei bekannt. „Ein Aufeinandertreffen von Spaziergängern und Wildschweinen liegt also durchaus im Bereich des Möglichen“, so Neft. Auch der Jäger Christian Freundorfer aus Oberisling, der seit 57 Jahren in der Region lebt und ein Revier zwischen Oberisling und Burgweinting betreut, kann sich an keinen vergleichbaren Fall im Raum Regensburg erinnern. Doch er gibt ebenso zu Bedenken, dass sich Schwarzwild in der Nähe von Siedlungen und am Stadtrand aufhalten kann. „Wildschweine können sehr gut mit der Zersiedelung umgehen“, sagt er.

Ruhe bewahren, Rückzug antreten

Wie viele Wildschweine es im Großraum Regensburg und vor den Toren der Stadt selbst gibt, weiß man nicht genau. „Wildschweine können in einer Nacht bis zu 20 Kilometer zurücklegen. Sie wechseln von Revier zu Revier. Insofern variieren die Zahlen stark“, erklärt Freundorfer. Die grundsätzliche Tendenz, dass immer mehr Schwarzkittel in der Nähe von menschlichen Siedlungen Quartier machen, wo sie Nahrung und Deckung finden, verstärke sich aber auch in der Region.

Angst müssen Spaziergänger dem Jäger zufolge trotzdem nicht haben. Dass Wildschweine Menschen attackieren, komme nicht oft vor. „Die Tiere sind eigentlich scheu.“ Freundorfer kann sich daher auch nur zwei Gründe vorstellen, weshalb es zu dem Zwischenfall in Donaustauf kam. „Entweder das Wildschwein war verletzt – vielleicht angefahren – und fühlte sich bedroht oder es handelte sich um ein Muttertier, das seine Jungtiere verteidigen wollte.“ Weil die klassische Zeit für Frischlinge aber eher im Frühjahr ist, tippt er eher auf ersteren Fall. „Wobei es auch Bachen gibt, die zur Unzeit rauschig sind.“

Kommt es zu einem direkten Aufeinandertreffen mit einem Wildschwein in freier Natur rät der Experte generell dazu, Ruhe zu bewahren. „Man sollte langsam den Rückzug antreten, sich nicht umdrehen und auch nicht weglaufen“, sagt er. Oft setzen die Tiere zu „Scheinangriffen“ an, das heißt sie gehen in eine Art Ausfallschritt, laufen ein paar Schritte vorwärts und bleiben wieder stehen, wenn sie sehen, dass der potentielle Feind zurückweicht. Wenn ein Wildschwein jedoch tatsächlich durchstartet und auf einen Spaziergänger zuhält, sollte dieser laut schreien und auf die Seite springen. Es ist möglich, dass das Tier dadurch seinen Angriff abbricht und Reißaus nimmt. Die beste Methode, sich in Sicherheit zu bringen, ist laut Christian Freundorfer jedoch genau diejenige, die auch die 17-Jährige in Donaustauf wählte: auf einen Baum klettern. „Das ist die beste Lösung“, so Freundorfer. Insofern habe die junge Frau hier ganau richtig reagiert.

Jäger warnt vor Panikmache

Der Jäger warnt vor einer generellen Panikmache. Wildschweine seien nicht aggressiv. „Sie greifen nicht an, wenn sie sich nicht bedroht fühlen.“ Spaziergänger sollten daher auf Waldwegen bleiben und Gebüsch und Schilfgebiete meiden. Zu gefährlichen Situationen kann es kommen, wenn bei einem Aufeinandertreffen mit Schwarzwild unangeleinte Hunde mit im Spiel sind. „Wenn der Hund kein ausgebildeter Jagdhund ist, kann er mit der Situation nicht umgehen. Da wird es dann happig“, sagt Freundorfer. Für den Hund kann eine Konfrontation mit einem Wildschwein schnell tödlich enden.

Weil Schwarzwild zunehmend in der Nähe menschlicher Siedlungen vorkommt, wird es künftig immer wichtiger werden, sich mit offenen Augen und Ohren durch Wald und Feld zu bewegen. Die junge Frau in Donaustauf kam mit dem Schrecken davon. Sie wurde nach ihrer Rettung ärztlich behandelt, eine weitere Betreuung wünschte sie laut Polizeihauptkommissar Josef Neft nicht.

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