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Regensburg
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Interview

„Mein Zuhause musste ich erst finden“

Maia Simmet tritt für Flüchtlinge ein. „Es sind oft innerlich zerstörte Menschen.“ Die 37-Jährige selbst ist „angekommen“.
Von Marion Koller, MZ

  • Maia Simmet vor einer Skulptur von Klaus Caspers an der Berufsschule im Stadtosten Foto: Koller
  • Simmet (Vierte von Rechts) bei einer Georgienreise Foto: Märkl
  • Tiflis, die georgische Hauptstadt, mit der Friedensbrücke Foto: Märkl
  • Blick auf die Altstadt von Tiflis Foto: Märkl
  • Tiflis: die Friedensbrücke und das unfertige Kulturzentrum Foto: Märkl

Regensburg.Ihre Ziele verfolgt Maia Simmet beharrlich. Sie deutet auf das Türschild der Stadtteilbücherei Ost. „Diese Öffnungszeiten wollen wir ändern.“ Mit „wir“ meint die 37-Jährige den städtischen Integrationsbeirat, in dem sie mitwirkt. Simmet feiert die Ausweitung der Öffnungszeiten als ersten Erfolg der Ausländervertretung. Das Interview beginnt im Hof der Berufsschule, später wechseln wir in die Sportclub-Gaststätte, weil Maia Simmet sie gemütlicher findet. An ihrer Cola nippt sie nur. Die 37-Jährige strahlt Herzlichkeit aus, in der Sache bleibt sie hart.

Frau Simmet, Ihre Laufbahn zeigt, wie man sich perfekt integriert.

Seit zwei Jahren besitze ich die deutsche Staatsbürgerschaft. Deutschland ist damit meine Heimat geworden. Es heißt aber nicht, dass mein Land Georgien damit die Bedeutung für mich verloren hat. Den Schritt, die andere Staatsangehörigkeit anzunehmen, hätte ich nicht gleich nach meiner Ankunft machen können. Für mich gehört ein Gefühl dazu. Damit ich dazugehöre, musste ich erst mein Zuhause hier finden.

Wo ist Ihre Tochter jetzt am Nachmittag?

Heute ist sie bei den Patengroßeltern. Wir kennen uns seit acht Jahren. Wir sind eine Familie. Das sind ehemalige Lehrer, die ich über das Uniprojekt „Studenten mit Kindern“ kennengelernt habe. Sie haben selbst keine Enkel. Meine Tochter ist zweimal oder dreimal in der Woche dort. Gestern habe ich meinen Geburtstag mit ihr und den Patengroßeltern gefeiert.

Sie erziehen allein. Der Lehrerberuf
erleichtert das – oder?

Ich kriege es zeitlich gut hin, weil ich viel daheim machen kann. In den Ferien habe ich auch frei. Ich bereite zwar mein Schuljahr vor, bin aber zuhause. Sonst ist meine Tochter in der offenen Ganztagsbetreuung ihres Gymnasiums.

Sie unterrichten an der Berufsschule.

Ja, in den Berufsintegrationsklassen für Flüchtlinge und Migranten zwischen 16 und 21 Jahren, die die Schulpflicht noch nicht erfüllt haben. Ich musste das Germanistik-Studium hier neu anfangen, obwohl ich an der Universität Tiflis studiert und das Staatsexamen erworben hatte.

Wie viele Migranten besuchen die Schule?

150 in neun Klassen. Vor sieben Jahren haben wir mit acht Schülern angefangen. Bayern hat das damals flächendeckend eingeführt. Die Schüler kommen aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern, hauptsächlich aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

Was erleben Sie mit ihnen?

Viel, sehr viel, was mich auch sehr mitnimmt. Im letzten Jahr zum Beispiel das Drama um Aleppo. Ich hatte drei Schüler aus dieser Stadt. Das sind die Blicke, die Gesichter. Das sind belastete, innerlich zerstörte Schüler. Oder es gab Bombenangriffe in nordirakischen Städten. Da hieß es in der Abteilung, besondere Rücksicht auf diese Schüler zu nehmen. Ich muss lernen, mich stärker abzugrenzen und auf den Unterricht zu konzentrieren. Jede Klasse wird ja von einem Sozialpädagogen betreut.

Bis auf das Unabhängigkeitsvotum der Kurden hört man zurzeit wenig aus diesen Ländern.

Seit sich in Deutschland die Stimmung gegenüber Flüchtlingen verschlechtert hat, berichten die Medien weniger. Aber in den Konflikt- und Kriegsgebieten ist die Lage angespannt. Assad regiert immer noch.

Verstehen Sie als gebürtige Georgierin die Sehnsucht der Kurden und der Katalanen nach Unabhängigkeit?

Ja, 30 Prozent der Landfläche von Georgien mit seinen nicht mal vier Millionen Einwohnern besetzt Russland. Aber wir wollen Georgier sein, nicht Russen. Wir haben eine eigene Sprache und Schrift. Ein Kurde im Irak sagt auch, er ist Kurde, nicht Iraker. Ich kann mitfühlen, mitspüren, was die Menschen brauchen. Zum Beispiel auch in Katalonien. Wenn ein Baum dort Wurzeln hat, gehört er dorthin, das ist seine Heimat. Anscheinend wollen auch wir Wurzeln haben, eine kulturelle Identität.

Jedes Jahr organisieren Sie Reisen in den Kaukasus.

Im August war ich mit zwölf Regensburgern, darunter Stadträte, in Georgien. Das habe ich zum dritten Mal angeboten. Mir ist die Freundschaft zwischen den Völkern wichtig. Mein Reiseschwerpunkt war die deutsche Minderheit in Georgien. Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Erzählen Sie von Georgien!

Es ist ein sicheres Reiseland, geprägt von europäischen, asiatischen und südländischen Einflüssen. Wir haben wahnsinnig viele Touristen. Tiflis ist ein Traum. Mittelaltergebäude mit Holzbalkonen sind charakteristisch für die Altstadt, aber es gibt auch aufregende, moderne Bauten. Für Pfingsten plane ich die nächste Reise, in die Berge, Weingebiete und nach Tiflis.

Wie geht es den Menschen?

Arbeitsplätze gibt es nur in Tiflis, auf dem Land ist das Leben sehr hart. Viele, zum Beispiel auch mein Onkel, bauen Wein an. Die Menschen sind Selbstversorger.

Sie reden im Integrationsbeirat mit. Jetzt haben Sie erreicht, dass die Öffnungszeiten der Stadtteilbücherei Ost ausgeweitet und mehr Deutschbücher angeschafft werden.

Der schon immer hohe Migrantenanteil im Stadtosten ist in den letzten Jahren noch gestiegen. Die ganzen Flüchtlingsheime wurden im Kasernenviertel eingerichtet. Für die Flüchtlinge und Migranten an der Berufsschule ist eine Bücherei mit großzügigen Öffnungszeiten wichtig. Sie brauchen dringend mehr Wörterbücher. Unser nächstes Ziel im Integrationsbeirat ist, Räume für Migranten und ihre Vereine zu schaffen. Eine einheitliche Lösung muss her, damit sich alle dort treffen können.

Wie läuft in Regensburg die Integration?

Was soll ich sagen? Das ist eine Willenssache. Wenn jemand mit dem Ziel kommt, sich in diesem Land etwas aufzubauen, ist das ein Selbstläufer. Es gibt viel Unterstützung.

Sie gehören der Regensburger SPD
an. Wie sehen Sie deren Situation?

Ich habe nicht das Gefühl, dass nichts vorangeht. Die bunte Koalition arbeitet gut zusammen. Aber wegen der Vorwürfe gegen OB Wolbergs ist die politische Situation schwierig. Nur die Staatsanwaltschaft weiß vielleicht, was tatsächlich gelaufen ist.

Morgen kochen Sie mit Ihrer Reisegruppe.

Wir machen georgische Teigtaschen mit Hackfleisch, Chinkhali, und schauen die Bilder der Augustreise an.

Ihr Ziel für 2018?

Die Gesellschaft ist gespalten, das sieht man an den vielen Rechtswählern in Teilen Burgweintings und der Konradsiedlung bei der Bundestagswahl. Im Regensburger Integrationsbeirat müssen wir viel dafür tun, dass Einheimische und Migranten wieder zusammenkommen.

Weitere Interviews aus der Serie „Reden über Gott und die Welt“ lesen Sie hier.

Preisgekrönt

  • Maia Simmet

    studierte in Tiflis und Regensburg Germanistik und Slavistik für Lehramt. Ein Aufbaustudium „Deutsch als Zweitsprache“ folgte.

  • Die Berufsschullehrerin

    lebt seit 15 Jahren in Regensburg und hat eine elfjährige Tochter.

  • 2011 erhielt

    sie den Aumüller-Integrationspreis, weil sie sich für Familien und Flüchtlinge engagiert.

  • Ihre Familie

    lebt in Georgien.

  • Das Foto

    zeigt Tiflis, links die Friedensbrücke, rechts das unfertige Kulturzentrum.

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