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Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Lebensweg

Mit Bewegungsdrang in den Ruhestand

Dieter Strucks hat ein bewegtes Leben hinter sich. Am Freitag ist sein letzter Tag als Trainer im Rückenzentrum Regensburg.
von Angelika Lukesch, MZ

  • Dieter Strucks in seiner aktiven Zeit als Kunstturner (6. von rechts). Fotos/Repros: Lukesch
  • Erinnerungen an frühere Zeiten
  • Dieter Strucks bei einem Sprung über das Pferd.

Regensburg.Wenn Dieter Strucks in seinem gemütlichen Haus in Pentling auf sein Leben zurückblickt, dann kann er sich einer Sache sicher sein: Er hat keine halben Sachen gemacht. „Mein Vater hat früher immer zu mir gesagt: Wenn du etwas machst, dann mache es richtig und so habe ich es immer gehalten“, sagt Strucks. Die Doppelhaushälfte in Pentling hat er sich im Laufe der Jahre mit seiner Partnerin Manuela ganz in Rot und Weiß eingerichtet. Das meiste ist in Eigenarbeit entstanden: „Ich fühle mich sauwohl hier“, sagt Strucks.

An der Wand hängt ein großformatiges Doppel-Bild, das Dieter Strucks selbst gemalt hat. Auf dem Bild fliege Materie aus der Tiefe in die Weite, erklärt Strucks. Zielgerichtete Bewegung ist zu erkennen. Dieses Bild spiegelt den Rhythmus von Dieter Strucks Leben wider. Sport ist das wichtigste Element dieses Lebens. Ein Ziel vor Augen zu haben und konsequent daraufhin zu arbeiten, unabhängig davon, wie viel Schwierigkeiten überwunden werden müssen, ist das Leitbild des gebürtigen Sachsen. Nur mit diesem eisernen Willen und dem Ratschlag des Vaters im Ohr schaffte er es Anfang der 1980er-Jahre innerhalb von 21 Monaten die erste indische Nationalmannschaft im Kunstturnen auf Weltklasseniveau zu trainieren. Auf diese Zeit ist Dieter Strucks noch heute stolz.

Von Radeberg nach Indien

Doch wie kam es dazu? Dieter Strucks wurde in der Nähe von Radeberg geboren und hat dort in einer Sportschule 1972 sein Abitur gemacht. Im selben Jahr war er sogar im Olympiakader der DDR im Kunstturnen. Leider konnte er aufgrund einer Verletzung letztendlich nicht an den Olympischen Spielen in München teilnehmen.

Das sei zwar einesteils traurig, meint Strucks rückblickend, aber andererseits habe er auch nicht die „Vitaminpillen“ erhalten, mit denen die Sportler der DDR zu Höchstleistungen gepusht worden. „Gott sei Dank habe ich nicht das Zeug gekriegt“, sagt er rückblickend. Beim Interview streift Strucks kurz die Sportförderung in der ehemaligen DDR, die er nach wie vor für sehr gut und erfolgversprechend hält – abgesehen vom Doping natürlich, dies lehnt Strucks komplett ab. Eines müsse jedoch gesagt werden: In der DDR sei die Sichtung und Auswahl von Talenten im Kunstturnen bereits im Kindergarten losgegangen und diese seien kontinuierlich und systematisch weiter gefördert worden. Entsprechende sportliche Einrichtungen, um das Beste aus jedem Talent herauszuholen und dies in erreichbarer Nähe für die Eltern, habe es überall in der DDR gegeben.

Dieter Strucks unter einem Gemälde.

Das System der sportlichen Talentförderung in Deutschland hält Strucks für schlecht: „Mir tun die Sportler leid hier“ sagt er. Talente müssten konsequent und durchgängig gefördert werden, denn nur so könnte ein Sportler Höchstleistungen erzielen. Der Staat müsse die Sportler besser unterstützen, fordert Strucks.

In Leipzig absolvierte der junge Dieter Strucks ein Studium zum Diplom-Sportlehrer, das er 1976 abschloss. Strucks hatte sich auf Kunstturnen und Judo spezialisiert. Nach dem Studium arbeitete er zwei Jahre als Assistenztrainer beim Sportclub Einheit Dresden, ehe er, für ihn völlig überraschend, 1981 als Trainer der neu aufgestellten indischen Nationalmannschaft nach Patiala (etwa 280 Kilometer nördlich von Delhi) berufen wurde.

Bei der Asiade

  • Training:

    Dieter Strucks (65) ist in der DDR geboren und ließ sich 1989 ausbürgern. Er ist Diplom-Sportlehrer und trainierte von 1981 bis 1983 die neu aufgebaute indische Nationalmannschaft im Kunstturnen. Täglich trainierte die Kunstturner bis zu acht Stunden.

  • Bedingungen:

    Oft herrschten Temperaturen von bis zu 46 Grad im Schatten. An diesen Tagen wurde frühmorgens und spätabends trainiert. Zur Asiade 1982, an der 32 Länder teilnahmen, schickte Strucks 27 Kunstturner ins Rennen. (lla)

In zweierlei Hinsicht war dies für Strucks ein außerordentliches Ereignis: Er durfte ins Ausland ausreisen und außerdem stand er vor einer Aufgabe in einer Größe, die er bislang noch nie zu bewältigen hatte. Doch mit seinem eisernen Willen, mit Konsequenz und der Bereitschaft, sich selbst am meisten anzustrengen, formte er aus den 40 Männern und Frauen innerhalb von knapp zwei Jahren eine Mannschaft, die beim ersten internationalen Auftritt bei der „Asiade“ 1982 den fünften (Männer) und siebten Platz (Frauen) errangen.

Training bei 46 Grad Celsius

„12 000 Leute waren da. Die Menschen haben getobt. Das werde ich nie vergessen. Das war so schön!“ erinnert sich Strucks an diese aufregende Zeit, bei der ist Trainingstage gab, an denen es 46 Grad im Schatten hatte und die Reckstangen mit Schaumstoffmanschetten gekühlt werden mussten. Strucks lebte wohnte damals im Palast des Maharadschas von Patiala in Räumlichkeiten in einer wahrhaft märchenhaften Ausdehnung, wie er erzählt.

Nach knapp zwei Jahren endete seine Tätigkeit und er kehrte in die DDR (nach Dresden) zurück – jedoch mit einer schweren Bürde. Die Tatsache, dass ihm die Koreaner ein Angebot gemacht hatten, für sie als Trainer zu arbeiten, bewirkte, dass die DDR Strucks nicht mehr ausreisen ließ. „Ich war der erste Arbeitslose in Dresden“, sagt Strucks. Schließlich fand er eine Tätigkeit als Sportlehrer in der Disziplin Judo an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden.

1985 beantragte er die Ausreise aus der DDR und trat aus der Partei aus. Doch nichts geschah. 1989 fiel die Mauer, dennoch legte Strucks großen Wert darauf, offiziell ausgebürgert zu werden. Das Schreiben „zur einmaligen Ausreise ohne Wiederkehr“ hat er heute noch. Strucks Lebensweg ging turbulent weiter. Er arbeitete in Weiden, dann in Beratzhausen in der Altenpflege, als Rehatrainer in Regensburg, als Präventionsbeauftragter für die DAK, schulte um zum Pharmareferenten und wurde im Alter von 53 Jahren arbeitslos. „Niemand wollte mich mehr haben, das war frustrierend,“ erinnert sich Strucks. Über das Vereinstraining in Donaustauf kam er vor zehn Jahren in Kontakt mit dem Regensburger Rückenzentrum. „Dort wurde ich menschlich empfangen. Ich konnte alles erzählen. Seitdem habe ich dort gearbeitet. Es war eine sehr angenehme Arbeitszeit und ich gehe schweren Herzens.“

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