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Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Menschen

Mit Miss Sans Soucis zur Wiege des DEZ

Als am 14. September 1967 das Quelle-Kaufhaus öffnete, warteten drei Kosmetikerinnen an der Kasse – ihr erster Arbeitstag.
Von Helmut Wanner, MZ

Irish Moos im Regal und Scholl‘s Nagelfeilen auf der Theke: Miss Sans Soucis alias Elfriede Reidl (rechts) mit Uschi Weißmann (links) und der Dame für Scholl-Fußpflege-Produkte in der Kosmetikabteilung des Kaufhauses Quelle. Die Verkaufsassistentinnen standen eng beieinander. Service und Beratung wurden damals großgeschrieben. Foto: Reidl

Regensburg. Regensburg. Am Sonnenplatz des Café Lederer im DEZ sitzen drei glückliche Damen und haben sich viel zu erzählen. Es riecht nach Kaffee und Sahnetorte. Der Kaffee wird in Kännchen serviert – wie früher. Dazu bestellen sie Cassis- und Eierlikörtorte sowie Käsekuchen. Die drei ehemaligen Kosmetikerinnen feiern ihre ganz persönlichen 50 Jahre DEZ: Miss Sans Soucis, Lady Schwarzkopf und Frau Inka. Elfriede Reidl, Uschi Weißmann und Anna Diermeier nennen sich gegenseitig nach ihren Produkten.

„Hans Mahr und seine Uschi mit den Kulleraugen“

die WOCHE

Miss Sans Souci hat eine Flower-Power-Bluse an. Um den Hals hängt Indianerschmuck. Ihr Outfit erinnert an Scott McKenzie’s „Are you going to San Francisco…“ 1968 gilt als Jahr der Wende. Dabei hatte das schon 1967 mit dem „Summer of Love“ in San Francisco begonnen. Vier Wochen später, im Spätsommer, wurde die Welt des Konsums in Regensburg gewaltig verändert. Am 14. September 1967 öffnete in den ehemaligen Radifeldern von Weichs das Donaueinkaufszentrum seine Pforten.

50 Jahre DEZ gefeiert: In der Mitte Miss Sans Soucis, umrahmt von Lady Schwarzhaupt (links) und Frau Inka Foto: Wanner

Dr. Johann Vielberth hatte das erste zweigeschoßige Center in Europa gebaut. Die großen Namen waren Woolworth, Coop. „Aber das Kaufhaus Quelle war der Bringer. Menschentrauben standen davor und als die Türen geöffnet wurden, sind sie reingeströmt. Mir wurde richtig Angst. So ist es geblieben. Das DEZ war ein Erfolg, von Anfang an.“ Miss Sans Soucis ist da voll überzeugt. Uschi Weißmann pflichtet bei. Die gebürtige Schwäbin war von der Drogerie Krämer über die Donau gewechselt. „Die Geschäftsleute in der Stadt gaben dem Einkaufszentrum nur ein paar Wochen. Damals konnte man in der Schwarzen Bären Straße noch vor dem Geschäft parken.“

Hier gibt es ein Interview mit DEZ-Geschäftsführer Thomas Zink

Sie täuschten sich. Das DEZ ist nicht nur Konsumtempel, es ist auch Ereignisfeld. Die Kosmetikerinnen erwecken Alt-Nürnberg, Zinnkanne, Eisdiele Toscani zum Leben. Heute gibt es zwar andere Namen. Aber wer heute als Rentner was erleben will, geht einmal die Woche ins DEZ und schaut sich die Leute an. Kulturdezernent Bernd Meyer bezeichnete das DEZ in einem Beitrag für den Almanach 1979 denn auch „als eine moderne Version des Zentrums einer gewachsenen Kleinstadt, in der die Geschäfte und Läden nach der Gasse hin offen sind“.

Der Duft von 4711 und Tosca

Weichs 1958 Foto: Luftbildverlag Hans Bertram GmbH

Miss Sans Soucis hat für ihre ehemaligen Kolleginnen ein Geschenk dabei: Für jede gibt es ein Ochsenherz im Plastiksäckchen. So heißen die Riesen-Tomaten. Sie stammen aus ihrem Garten in der Reichenberger Straße. Das Geschenk passt: Ihr Zusammenhalt ist über Jahrzehnte gigantisch. Seit 50 Jahren treffen sich die ehemaligen Verkaufsassistentinnen der Schmuck und Parfümerieabteilung des Kaufhauses Quelle regelmäßig. Sie sind die letzten drei von acht duften Damen. In ihren Gesprächen leben sie weiter: die Dame von Polycolor oder die Frau von Scholl Fußpflege mit der bombenfesten Dauerwelle. Es zieht die wilde Frische von Limonen durch den Raum, der Duft von Hattric, Tabac, Old Spice, 4711 und Tosca. Schon beim Gedanken an diesen imaginierten Schwall am Verkaufsstand der Kolleginnen bekommt Frau Inka leichtes Kopfweh.

Auch heute gibt es im DEZ noch Kosmetik zu kaufen

Elfriede Reidl hieß Miss Sans Soucis, weil sie die Produktlinie der deutschen Kosmetikfirma vertrat. Und auch heute verströmt die Dame die Atmosphäre sorgenfreien Lebens. Die Sätze sprudeln. Sie spricht frei von der Leber weg. Es war Miss Sans Soucis, die vor zwei Monaten den Termin im Café Lederer angeregt hatte. Ihre Tochter hat heimlich die Zeitung dazugeladen. „Am 14. September werden es 50 Jahre, dass das DEZ aufgemacht hat. Das müssen wir feiern,“ sagte sie zu ihren Kolleginnen.

Zum Jubiläum treten viele Stars im DEZ auf. Unser Kollege Jürgen Scharf stellt die Highlights vor.

Für Elfriede Reidl fiel der Termin mit einem runden Geburtstag zusammen. Sie war 1967 süße 20. Die ausgebildete Buchhalterin hatte sich als Verkaufsassistentin für die expandierende Parfum-Linie aus Potsdam anwerben lassen. Neben ihr stand in weißer Schürze an ihrer Kurbelkasse: Uschi Weißmann, die Dame von „Inka“. „Lady Schwarzkopf“, Anna Diermeier, kam später. Die gelernte Kinderkrankenschwester startete ihre DEZ-Karriere im hauseigenen Kindergarten, ehe sie nach zwei Jahren in die Kosmetikabteilung wechselte. „350 Kinder wurden in Spitzenzeiten beaufsichtigt. Garten Dehner hatte ein Aquarium gestiftet und jeden Tag schaute Max Vielberth, der Geschäftsführer vorbei. Die Einrichtung bedeutete ihm was.“ Ihre Freundinnen nicken. „Das Betriebsklima war prima.“ Alle drei waren sie früh Mütter.

Ein Sandcarber hat zum Jubiläum riesige Sandfiguren gebaut. Unser Kollege Micha Matthes hat ihm bei der Arbeit über die Schulter geschaut.

Weichs heute Foto: Luftbild Nürnberg, Hajo Dietz

Im Café Lederer sind sie schon gesessen, als es Fleiner und Loichinger hieß. „Es kommt mir vor, als wär‘s gestern. Das Quelle-Festzelt, die Faschingsfeiern…“ Ihr Abteilungsleiter, Hans Mahr, hat bis in die späten 70-er Jahre das Programm des Quelle-Festes organisiert. „Hans Mahr und seine Uschi mit dem Kulleraugen“ waren ein stehender Begriff. Fast jeden Tag stand diese Wendung in den Klatschspalten der WOCHE neben großen Namen wie: Uriah Heep, Original Oberkrainer, Udo Jürgens, Suzi Quatro, Lord, Middle oft the Road und … – Costa Cordalis. „Meine Tochter Birgit durfte mit 12 bei ihm auf der Bühne sitzen“, schwärmt Uschi Weißmann. Heute ist Birgit 56.

„Perfekter Sitz - Drei Wetter Taft“

Mahr sei ein Chef gewesen wie aus dem Bilderbuch. „An Faschingsdienstag war um 14 Uhr Schluss. Das muss man sich mal vorstellen bei den heutigen Öffnungszeiten“, jubeln die Damen. Von Frau Inka ließ sich Hans Mahr an einem Faschingsdienstag schminken: „Als er dann am anderen Morgen mit Lidschatten und grüner Perücke bei seiner Uschi auftauchte, machte die keine Kulleraugen mehr.“

Insta-Impressionen aus dem DEZ

Elfriede Reidl, Anna Diermeier und Uschi Weißmann sind gepflegte Damen trotz Berufswechsels. Uschi Weichmann fuhr nach der Kosmetik-Episode 30 Jahre Taxi, Elfriede Reidl stieg ins Transportgeschäft ihres Mannes ein und dachte noch lange an ihre Stammkunden, zwei Herren mit „Fumar“-Vorliebe. Anne Dirmeier blieb bis zur Rente bei Wella und Schwarzkopf, „Zwischenstopp München, es ist ziemlich windig. Perfekter Sitz - Drei Wetter Taft.“ Nicht nur sie, auch die anderen beiden sind toll in Form geblieben. Auch ohne Taft. Sie überwintern seit Jahren auf Gran Canaria.

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Aus Radigärten gewachsen

  • Weichser Schloss:

    Radigärten und das ehemalige Weichser Schloss prägen auf diesem Luftbild die Szenerie. Im Vorfeld des Schlosses nach Süden ist ein langgestreckter Baukörper zu erkennen, in dem weißes Bier gebraut wurde. Dem Chronisten Hosang zufolge soll hier das beste Weizenbier Regensburgs gebraut worden sein. Das Foto aus dem Jahre 1958 zeigt den Zachbräu mit Biergarten. Er bestand bis Ende der 1960er Jahre.

  • Donaueinkaufszentrum:

    Auf den Grundstücken von 50 Eigentümern hat sich ab 1967 das Donaueinkaufszentrum etabliert. Dieses erste vollklimatisierte und zweigeschoßige Center Deutschlands wuchs nach der letzten Erweiterung im Jahr 2003 auf 55 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Das DEZ stellt ein beliebtes Einkaufsziel dar.

  • (Fotos: Luftbildverlag Hans Bertram (links), Luftbild Nürnberg, Hajo Dietz)

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