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Regensburg
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Engagement

Mit Schere und Föhn Würde geben

Die Barber Angels schneiden Obdachlosen kostenlos die Haare. Uwe Pichl will die Aktion auch in Regensburg etablieren.
Von Kathrin Robinson, MZ

Die Barber Angels schneiden nicht nur Haare, sondern hören auch zu, wenn die Obdachlosen ihre Geschichte erzählen.Foto: emotion-foto.eu/Viola Hedtke

Regensburg.Der Gänsehautmoment kommt dann, wenn es zum Spiegel geht. Menschen, die sich in ihrem Leben kaum je einen Besuch beim Friseur leisten können, schauen gespannt in ihr Spiegelbild – und nicht selten in ein völlig verändertes Gesicht. „Sie stehen da, die Mundwinkel gehen nach oben – manche weinen“, erzählt Uwe Pichl, Friseur aus Neutraubling und Mitglied der „Barber Angels Brotherhood“, einer bundesweiten Wohltätigkeitsorganisation, die Obdachlosen und Bedürftigen gratis Haare und Bärte schneidet und ihnen so zu Selbstwertgefühl und Lebensfreude verhelfen will.

Schicksale, die berühren

Für Uwe Pichl ist das Lachen seiner obdachlosen Kunden Motivation genug. Foto: emotion-foto.eu/Viola Hedtke

Pichl ist seit eineinhalb Monaten in der Bruderschaft der Friseur-Engel. Im Juni hatte er seinen ersten Einsatz bei einer Aktion in München. Neun Friseure verpassten dort 30 Männern in einem Wohnheim der Heilsarmee und 70 Frauen in einem Frauenhaus ein gepflegtes Äußeres, manchmal sogar einen völlig neuen Look. „Eine brutale Erfahrung“, erinnert sich der 50-Jährige, der in Neutraubling den Salon „Haarwerk“ betreibt. „Es ist Wahnsinn, welche Schicksale du erfährst, wenn du diesen Menschen die Haare schneidest.“ Schicksale, die berühren. Wie das seines allerersten obdachlosen Kunden, der als selbstständiger Informatiker seine eigene Firma hatte. Als seine Ehe zu scheitern drohte, setzte er alles daran, diese zu retten. Darüber ging die Firma pleite, die Ehe zerbrach. Plötzlich stand der Mann ohne Arbeit und ohne Wohnung da. Bis heute ist er obdachlos. „Wenn man so etwas hört, weiß man sein Leben ganz anders zu schätzen“, sagt Pichl. Sein Einsatz in München hat ihm deutlich gemacht: „Jeder kann von einem ganz normalen Leben ganz plötzlich auf die Straße kommen.“ Der Oberpfälzer hat Feuer gefangen: Er will sich weiter engagieren und die Barber-Angels-Idee nach Regensburg holen. Dafür sucht er Kollegen aus der Region, die sich dem Klub der helfenden Friseure anschließen wollen.

„Bei uns bekommen die Betroffenen wieder ein Gesicht. Ihnen wird bewusst: Ich bin nicht nur obdachlos. Ich bin ein Mensch. Ein Mensch mit einer Geschichte. Das ist richtig toll!“

Uwe Pichl

Ihn selbst hatte ein Bekannter auf die Barber Angels, denen bislang 46 Friseure aus dem ganzen Bundesgebiet angehören, aufmerksam gemacht. Mindestens einmal im Monat organisiert der Klub irgendwo in Deutschland einen Ort, an dem Mitglieder ehrenamtlich Obdachlosen einen neuen Haarschnitt verpassen und sie stylen. „Keine Zeit dafür“, wiegelte Pichl zunächst ab. Doch seine Freundin habe ihn dann bestärkt, mitzumachen. Heute wünscht er sich, dass sich noch mehr Friseure engagieren. „Es ist nicht viel Aufwand. Und man bekommt so viel Dankbarkeit zurück“, sagt er. „Bei uns bekommen die Betroffenen wieder ein Gesicht. Ihnen wird bewusst: Ich bin nicht nur obdachlos. Ich bin ein Mensch. Ein Mensch mit einer Geschichte. Das ist richtig toll!“

„Die Barber Angel Brotherhood“

  • wurde im November 2016 von dem Friseur Claus Niedermaier aus Biberach gegründet.

  • kommen aus ganz Deutschland und stylen in Teams Obdachlose in ihrer Region.

  • Die Aktionen

    sollen den Betroffenen wieder Selbstbewusstsein vermitteln und vielleicht sogar der Startschuss für einen Neuanfang sein.

  • Bei ihren Einsätzen

    tragen die Friseure keine schicke Salonkleidung, sondern schwarze Rockerkutten als „Uniform“. Das soll den Betroffenen die Scheu nehmen und Hemmschwellen senken.

  • Verstärkung

    wird gebraucht. Der Klub sucht nach weiteren Friseuren, die sich engagieren wollen. Die Mitgliedschaft kostet 180 Euro im Jahr. Dafür bekommen alle Barber Angels unter anderem Ausstattung und Zugang zum Schulungskonzept des Klubs.

  • Weitere Infos

    gibt es auf der Klub-Homepage unter: www.b-a-b.club (wk)

Dabei könnte man annehmen, dass Menschen, die in Armut und ohne festen Wohnsitz leben, andere Probleme haben als ein gepflegtes Äußeres und ihren Haarschnitt. Doch das ist weit gefehlt. Das Wechseln von Frisuren hat etwas mit Initiation zu tun, mit dem Übergang von einer Lebensstufe zur nächsten, wie Thomas Loew, Professor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Regensburg, erklärt. „Wenn Menschen etwas im Leben verändern wollen, fangen sie oft bei der Frisur an“ , erklärt er. Die Barber Angels böten den Obdachlosen insofern die Chance, zu sehen, dass sie wandlungsfähig sind, dass sie anders sein können. „So etwas kann auch Anstoß dafür sein, um etwas andres im Leben zu verändern.“

Sich wieder als Mensch fühlen

Auch Josef Troidl, der Gründer der Begegnungsstätte Strohhalm in Regensburg, bestätigt, wie wichtig das Aussehen gerade für Obdachlose ist. „Nach einer Dusche, mit sauberer Kleidung und einem neuen Haarschnitt gehen Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben, mit einer ganz anderen Haltung unter die Leute.“ Sie fühlten sich nicht mehr nur auf ihre Obdachlosigkeit reduziert, sondern könnten sich einfach wieder als Mensch fühlen. Troidl freut sich über den Einsatz von Uwe Pichl. Auch Einrichtungen der Caritas Regensburg haben bereits Interesse bekundet. Noch im Herbst soll die erste Baber-Angels-Aktion in Regensburg über die Bühne gehen. Langfristig möchte es der Klub der helfenden Friseure schafffen, in allen Regionen Deutschlands in einem Rhythmus von sechs bis acht Wochen kostenlose Haarschnitte und Rasuren anzubieten. Pichl hofft daher auf viel Zuspruch seiner Kollegen aus der Region.

Für ihn haben sich viele Hemmschwellen seit seinem ersten Einsatz erledigt. „Man geht viel offener auf die Menschen zu, die man sonst wahrscheinlich eher meidet.“ Sein Lohn ist die Freude seiner Kunden, wenn sie nach dem Haarschnitt und dem Styling in den Spiegel schauen und vielleicht das erste Mal seit Langem wieder so etwas spüren wie Würde.

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