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Mit Strauß im Brotzeit-Stüberl

Willi Gastinger ist 70 Jahre bei der CSU. Wie hält man das aus? Scheinbar gut, wie ein Besuch in der Höllbachstraße zeigt.
Von Helmut Wanner, MZ

  • MdL a.D. Wilhelm Gastinger breitet seine Erinnerungs-Schätze aus. Die Mitgliedskarte der CSU wurde am 20. März 1947 ausgestellt. Rechts: die Erinnerung an den Strauß-Besuch. Foto: altrofoto.de
  • Gastinger bewirtet Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Friedrich Viehbacher schenkt sich eine Halbe ein.
  • Der Träger des päpstlichen Silvesterordens mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger
  • Der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard (Mitte) mit Hermann Höcherl und Willi Gastinger.
  • Willi Gastinger wie er leibt und lebt – mit Maria Eichhorn und Edmund Stoiber

Regensburg.Vor dieser holzvertäfelten Wand ist er gesessen, Franz-Josef Strauß, der Landesvater. „Es war der 5. 5. 1985“, weiß der Fotograf, als er bei MdL Willi Gastinger das letzte Mal klingelte. Uwe Moosburger erinnert sich genau daran. Der Volontär bekam den ersten richtig wichtigen Redaktionsauftrag, in die Höllbachstraße zu fahren, um den Landesvater privat abzulichten. „Ich sollte dafür sogar einen Farbfilm einlegen.“

32 Jahre später steht das Farb-Foto neben all den anderen aus 70 Jahren CSU, die Wilhelm Gastinger auf dem Tisch ausgebreitet hat. Ein Bild zeigt ihn doch tatsächlich mit Hermann Höcherl und Ludwig Erhard, dem Gründer der Sozialen Marktwirtschaft. Nichts hat sich verändert. Die Krüge hängen noch am selben Platz. Und doch ist alles anders.

Keine Spenden vom Klassenfeind

Das war eine andere Zeit, eine andere Welt. „Die SPD war eine Arbeiterpartei. Spenden von einem namhaften Arbeitgeber nahm man nicht an. Das war der Klassenfeind“, sagt Gastinger. Und dies Wort aus seinem Munde? Seine Frau ist von der „anderen Fakultät“, wie er es nennt. Helga Grünes war Sekretärin des DGB-Kreisvorsitzenden Wolf. An der Tischtennisplatte im Paradiesgarten haben sie sich in der Mittagspause kennengelernt. Der schwarze Finanzanwärter hatte nur 200 Meter ins rote Paradies. Wenn Wilhelm Gastinger heute vom Tisch aufsteht, dann mit einem kleinen Schmerzensschrei. Es klingt wie Theater. Doch die Zeit hinterließ auch bei ihm Spuren. 1985 wohnte er noch Zaun an Zaun mit der Hans-Hermann-Schule. Die Grundschule heißt jetzt Schule der Vielfalt und Toleranz, der Park wurde nach Albert Schweitzer benannt. Schöner wurde er dadurch nicht.

Die Nachbarn, die damals hinter den Gardinen standen und schauten, als der schwarze Mercedes vor der Doppelgarage parkte, sind gestorben oder im Altenheim. Aus der Distanz wirken die banalsten Details vom Strauß-Besuch 1985, als streife einen der Mantel der Geschichte: „18 Bratwürste hat er verdrückt. Dazu einen Boxbeutel aus dem Halbeglasl.“ Helga hatte Angst. Sie dachte, ihr gehen die Würstl aus. Sie waren vom Bratwurstherzl aus der Weiße-Lilien-Gasse. Der Landesvater liebte sie. Gastinger hatte ihn in der Staatskanzlei damit angefüttert. Deswegen ließ sich Strauß nicht lange bitten und besuchte ihn im Brotzeiteck Höllbachstraße.

Es war nur ein kleiner Kreis: Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher war dabei. An diesem Tag hatte Strauß die Ehrenbürgerwürde erhalten. Er hat die von München, Rott am Inn, Chicago, Izmir und Regensburg, seiner Schicksalsstadt. Hier endete am 3. Oktober 1988 sein Leben.

„Man hätte mir einen Kabinettsposten angeboten, bei dem ich von Tuten und Blasen keine Ahnung gehabt hätte. Ich wäre zum Opfer der Ministerialbürokratie geworden.“

Wilhelm Gastinger

Am 5. Mai 1985 hatte Strauß die Feiern zum 70. Geburtstag vor Augen. Wilhelm Gastinger sollte ins Kabinett rücken: als Minister oder Staatssekretär für Landesentwicklung und Umweltfragen. Er hat stattdessen seine Karriere beendet. 1986 legte er alle politischen Ämter nieder. „Ich wusste, was ich kann und was ich nicht kann.“

Der Diplom-Finanzwirt war von 1956 bis 1979 Stadtrat, davon 15 Jahre als Fraktionsvorsitzender. 16 Jahre war er im Landtag, davon leitete er 12 Jahre den Ausschuss für den Öffentlichen Dienst. „Man hätte mir einen Kabinettsposten angeboten, bei dem ich von Tuten und Blasen keine Ahnung gehabt hätte. Ich wäre zum Opfer der Ministerialbürokratie geworden.“

Strauß nannte ihn „mein lieber Wilhelm“

Franz-Josef Strauß und Wilhelm Gastinger mochten sich. Er nannte ihn „mein lieber Wilhelm“. Der Metzgerssohn schätzte den Steinmetzsohn. Dass er den Meißel an den Granit der Münchner Ministerial-Bürokratie angesetzt hatte, imponierte ihm. Gastinger galt als Beamtenschreck. Der Bund der Steuerzahler hat ihn mit dem Sparlöwen ausgezeichnet.

„Der ist so schön, dass ihn jetzt meine Schwiegertochter in Landshut aufgestellt hat.“ Den Sockel hat er zu Hause. Das Jahr 1983 ist eingraviert. Den Löwen bekam er für seine parlamentarischen Attacken gegen hohe Staatsbedienstete. Er rügte, dass sie bei Jubiläen und Bockbier-Anstichen zu Dutzenden anrücken, protzen und schlucken.

Wilhelm Gastinger mag das nicht. Als Arbeiterkind musste er sich alles hart erarbeiten. Dass er nicht studieren konnte, schmerzt ihn noch heute. Er kann es nicht ausstehen, dass die Parlamente voller Menschen sind, die direkt von der Uni kommen und nie gearbeitet zu haben.

Er nennt diesen Politiker-Typ Barrikaden-Caruso. Weil sein Geburtsdatum auf das des Komponisten Guiseppe Verdi fiel, ist er ein glühender Verehrer seiner Opern. Willi Gastinger ist 1929 in Rosenheim als letztes von sieben Kindern geboren worden.

Wegen einer Verletzung, die er im Ersten Weltkrieg erlitt, konnte sein Vater seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er wurde hauptamtlicher Mitarbeiter der christlichen Gewerkschaft. In dieser Funktion kam er 1931 mit seiner Familie nach Regensburg. Zwei Jahre später war er arbeitslos. Die Nazis hatten den Ernährer einer neunköpfigen Familie 1933 abgesetzt. Die Gastingers wohnten in der Porta Prätoria. Die SA drang ins Haus ein und hängte zum Fenster die Hakenkreuzfahne heraus. „Wieder ein schwarzes Nest ausgeräuchert.“

Helmut Wanners Terrain ist Regensburg. Hier kennt er jeden Winkel. Unter dem Titel „Habe die Ehre“ veröffentlicht er seit 1998 regelmäßig ein Porträt. Hier lesen Sie seine Geschichten.

Wieder in die CSU? „Ja, ja, ja“

Willi Gastinger ist ein Augenzeuge der Geschichte: Seine Familie zog in die Schäffnerstraße 3. Von seinem Fenster konnte Willi Gastinger direkt auf die zerstörte Synagoge blicken. Er sah, als Juden mit dem Bus abtransportiert wurden. Und er hört noch die Stimme seiner Mutter: „Den Dr. Johann Mayer haben’s aufgehängt!“ Gastinger nennt den Namen des Polizisten, der ihn von der Behelfskanzel herunterzerrte: Gareis.

Das Kriegsende war für ihn keine Niederlage, es war Befreiung. Als am 13. Oktober 1945 die Christlich-Soziale- Union in Bayern gegründet wurde, war sein Vater einer der ersten Mitglieder und Parteiredner. Gastinger schätzt die CSU als eine Partei, die „das konservative, liberale, soziale und nationale Element zusammengeführt hat, ohne extrem oder chauvinistisch zu werden.“ Auf die Frage, ob er wieder eintreten würde, schmettert er ohne nachzudenken ein dreifaches „Ja“.

Die Partei war sein Leben. Mit einer Ausnahmegenehmigung durfte Wilhelm Gastinger so früh eintreten. Es war der 20. März 1947. Erst ein halbes Jahr später vollendete er das 18. Lebensjahr. Er verbindet Familienerinnerungen mit der CSU. Gemeinsam fuhren Vater und Sohn über Land, um die CSU aufzubauen. „Es waren viele Pfarrer unter den ersten Ortsvorsitzenden. Die hatten immer was im Haus. Das Honorar war eine Scheibe Geselchtes und ein paar Eier.“

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