mz_logo

Regensburg
Mittwoch, 20. September 2017 17° 6

Geschichte

Römerturm: Wer hat die Schlüssel?

Dombauhüttenmeister Stuhlfelder verwahrt sein Geheimnis. Er führt durch das Bauwerk, das den Kornmarkt seit ewig dominiert.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Helmut Stuhlfelder mit dem Schlüssel. Auf den blechernen Anhänger ist „Roemer Turm“ gestanzt. Foto: Wanner
  • „Wir sind Papst“: Hier lagern die Erinnerungen daran. Foto: Wanner

Regensburg.Der Römerturm oder Heidenturm am Kornmarkt ist einer der letzten geheimen Orte der Stadt. Er hat was Märchenhaftes. Man denkt an Türen, die man nicht öffnen darf. Regensburger, die hier geboren sind, laufen mit der Schwere einer unbeantworteten Frage herum: „Mama, Papa, was ist da drin?“ Für die Beantwortung einer der Folgefragen muss man als Erwachsener noch heute den Kulturreferenten bemühen. „Den Schlüssel hat die Dombauhütte“, teilt Klemens Unger mit.

Aus dem oberen Stockwerk: prachtvoller Blick auf den Nachbarn Foto: Wanner

In der Dombauhütte ist seit 30 Jahren Helmut Stuhlfelder der Meister. Mit seinem schlohweißen Vollbart, der sein Künstlergesicht malerisch umrahmt, sieht er so aus wie wir uns Petrus, den Menschenfischer, vorstellen. Der hat laut Bibel auch die Schlüsselgewalt. Unter den 80 schweren Schlüsseln mit Bart, die Stuhlfelder in zwei Schlüsselkästen verwaltet, ist der für den Römerturm nicht einmal der imposanteste. Er hat ihn erst seit zehn Jahren in Verwahrung. Zuvor musste er ihn im Museum holen, wenn Sturm und Wetter am Dach Schäden verursacht hatten.

Wir legen ihm auf seinem Schreibtisch in der Dombauhütte eine Karte aus dem Jahr 1915 vor. Die Straßenbahn fährt von links durchs Bild. Schon damals markiert der Römerturm trutzig und dominant das Nordwest-Eck des Kornmarkts.

Im Erdgeschoß befand sich eine der ältesten Schmieden Deutschlands, 1326 urkundlich erwähnt. Foto: Sammlung Milic

„Da unten“, sagt Stuhlfelder, „war eine Schmiede drin“. Im klitzekleinen Haus rechts daneben war lange Zeit der einzige Zugang zum Turm, seit 1855 der begehbare Schwibbogen vom Herzogshof herüber abgebrochen worden war. „Man musste in den zweiten Stock und dann über die Toilette, aber vorher musste man den Grafen von Bassenheim anrufen und den Besitzer der Pronto-Reinigung um Erlaubnis bitten.“ Diese Zeiten sind vorbei.

Decke aus zwei Metern Stahlbeton

„Schauen wir rüber?“ Es ist ja nur ein Katzensprung. Der Römerturm liegt an einer der kürzesten Straßen der Stadt. Die Hausnummern Domstraße 1, Ulrichskirche, und Domstraße 3, sind durch eine schmale Gasse getrennt. Hier geht es zur Immobilie, in die der ehemalige Salvatorredner Django Asül seine Honorare investiert hat. Der Römerturm ist aktuell im Sockelbereich eingerüstet. Risse und Abspaltungen machen eine Renovierung notwendig, auch das Dach wird demnächst neu gemacht.

Der Ausblick vom Römerturm Foto: Wanner

Der Schlüssel sperrt. Die Tür geht auf, das Geheimnis wird gelüftet. Vier Meter dick ist die Mauer im Sockelbereich. „Ich dachte, es seien sechs.“ Helmut Stuhlfelder hat einen Meterstab mitgenommen, um auszumessen. Im zweiten Stock wurde 1942 eine zwei Meter dicke Stahlbetondecke eingezogen. Unter der bombenfesten Decke wurden im Krieg die wertvollen Glasfenster des Doms gelagert. „Da waren Regale mit Schlitzen. Da wurden sie stehend reingeschoben“, erklärt Stuhlfelder. An zwei Stellen wurde jetzt die Betondecke durchbrochen, um Platz zu schaffen für einen Lastenaufzug und eine Wendeltreppe.

St. Petrus wohnt hier. Foto: Wanner

Gefühlt sind es 300 Treppenstufen hinauf zum Dach des Römerturms. Stockwerk für Stockwerk verjüngt sich die Außenmauer und die Räume werden größer. Hier hat seit zehn Jahren die Dombauhütte ihr Depot. Helmut Stuhlfelder ist dankbar und froh über diesen Stauraum. Das Lapidarium im Domkreuzgang musste genauso geräumt werden wie die Depotflächen im Salzstadel. Die massiven Steinfiguren hat man auf die solide Decke aus Beton gestellt. Darunter sind auch Fialen, die durch verrostete Dübel abgesprengt wurden.

Geheimnisvoller Römerturm

  • Der Kornmarkt

    auf einer Postkarte aus der Sammlung Peter Milic. Die Aufnahme datiert aus dem Jahr 1915. Seit den frühen Anfängen der Stadt dominiert der Römerturm den Platz. Die Agilolfinger nutzten ihn als Wohnturm. Als das Kastell im Zuge der Völkerwanderung verödete, richteten die Agilofinger im Bereich des Innenkastells ihre neue Residenz ein. Der Turm war mit einem Schwibbogen mit dem Herzogshof verbunden. Unter den ehemals 70 Wohntürmen der Stadt nimmt er eine Sonderstellung ein, weil er den einzigen global heizbaren Wohnraum bereitstellte. Der Name Römerturm leitet sich von den riesigen Quadern des Sockelgeschosses ab.

  • Den Turm

    zählt Karl Bauer zum ältesten Baubestand Regensburgs aus nachrömischer Zeit. Im Erdgeschoß befand sich eine der ältesten Schmieden Deutschlands, 1326 urkundlich erwähnt. Ab 1886 war sie im Besitz der Familie Orttenburger, die vom Pferd auf Autotechnik umgestiegen und in die Preßburgerstraße gezogen ist.

Eine Treppe höher weitet sich der Raum schon kirchenförmig. Neben dem Fenster an der Ostwand hängt das Gipsmodell des mächtigen Christus von der Westfassade des Doms. Darunter stehen in andächtiger Pose die Modelle der Apostel Petrus, Johannes, Thaddäus und Matthias. Im Nordosteck des Raumes ist das Mauerwerk aufgebrochen und gibt den Blick frei in einen gewaltigen Kamin. Er ist bis in 30 Meter Höhe gemauert. Es soll ja in Regensburg nicht wenige geben, die dem alten Papst nachtrauern. Hier oben lagern die Reste von „Wir sind Papst“.

Der Christus von der Westfassade des Doms: Stuhlfelder steht vorm Modell. Foto: Wanner

Das imposante Wappen aus Holz schmückte anlässlich des Besuches von Papst Benedikt XVI. die Westseite des Domplatzes. Es steht neben den Holzplatten mit den nachempfundenen Farbfassungen der weltberühmten Verkündigungsgruppe aus dem Dom. Verkündigungsengel, Maria und Papst Benedikt kann man umblättern. Die Seiten dieses Buches der Regensburger Kirchengeschichte sind fünf Zentimeter dick.

Vier Meter dick sind die Sockelmauern des Römerturms. Foto: Wanner

In neun Metern Höhe des Römerturms deutet Stuhlfelder auf eine kaum eine Meter große Öffnung der Südmauer. Sie ist mit einer Holztüre verschlossen. Bis 1855 konnte man hier über einen Schwibbogen vom Herzogshof in den Wohnturm wechseln. Man musste auf allen Vieren durchkriechen. Das letzte Stockwerk des Turms ist vollkommen leer. Staub aus 14 Jahrhunderten liegt auf den Brettern. Der Hüttenmeister deutet nach oben.

Am Mauerwerk ist noch sichtbar, dass der Turm zu Beginn mit einem Zinnenkranz gekrönt war. „Die Entwässerung erfolgte über ein innen liegendes Grabendach“, erklärt Stuhlfelder. Wenn man ans Fenster tritt, hat man einen sensationellen Blick auf die Stadt, und alle Fragen sind beantwortet.

Mehr Geschichten aus Regensburg lesen Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht