mz_logo

Regensburg
Dienstag, 23. Januar 2018 5

Rückblick

So war Weihnachten vor 100 Jahren

Peter Milic sammelt alte Postkarten. Diese Abbildungen – und Berichte im „Regensburger Anzeiger“ erinnern an das Fest 1917.
Von Angelika Lukesch

So sahen Weihnachtskarten aus, wie sie 1917 geschrieben wurden. Foto: Lukesch

Regensburg.Vor 100 Jahren hätten sich die Menschen in Regensburg nicht vorstellen können, wie es in ihrer Stadt im Jahr 2017 zur Weihnachtszeit aussehen würde. Das Ausmaß der technischen Entwicklung, die Europa durchlaufen sollte, konnten die Leute nicht ahnen. Noch unglaublicher wäre es den Regensburgern damals erschienen, an ein vereinigtes Europa zu denken. Denn damals tobte seit drei Jahren der Erste Weltkrieg.

Peter Milic sammelt historische Weihnachtskarten aus Regensburg. Die Abbildungen darauf und Berichte im „Regensburger Anzeiger“, die im Stadtarchiv nachzulesen sind, werfen Schlaglichter auf das Fest im Kriegsjahr 2017. Der „Anzeiger“ erschien zweimal am Tag, als Morgenblatt und als Vorabend-Blatt. Er berichtete in festen Rubriken aus Bayern, von den Kriegsschauplätzen, vom Deutschen Reich, von den verbündeten und feindlichen Staaten sowie dem neutralen Ausland. Natürlich hatte der Anzeiger auch einen Lokalteil mit Nachrichten aus Regensburg und Anzeigen, in denen sich die Bedürfnisse der Leute vor 100 Jahren, die Interessen, das kulturelle Angebot und die Moden ablesen lassen. Und auch der Fortsetzungsroman „Wem nie durch Liebe Leid geschah“ von Hedwig Courths-Mahler durfte nicht fehlen.

Wucherpreise für Gänsebraten

So sahen Weihnachtskarten aus, wie sie 1917 geschrieben wurden. Foto: Lukesch

Unter der Rubrik „Deutsches Reich“ steht am 24. Dezember in der Nummer 645 des Regensburger Anzeigers die Überschrift: „Die Oberbürgermeister als Sündenböcke“: „Wie wir gemeldet haben, ist vom Kriegsernährungsamt gegen den Krefelder Oberbürgermeister wegen Überschreitung der Höchstpreise bei einem für die Stadt getätigten Ein- und Verkauf von Gänsen Strafantrag gestellt worden.“ Dieser OB hatte Gänse, die von den Reichsstellen der hiesigen Stadtverwaltung zum Verkauf zugewiesen worden waren, zu überhöhten Preisen (50 Prozent über dem Höchstpreis) verkauft. Dies hätte er nur bei Gänsen tun dürfen, die auf dem freien Markt aufgekauft worden wären. Auch über die Verwendung von „Lebensmittelbeute“ bei den verbündeten Staaten wird berichtet. Zum großen Teil wurde diese zur Verpflegung der Armee und zur Versorgung des Hinterlandes verwendet.

In Anzeigen wurde der Kriegswille angestachelt: „Eisern die Zeit! Eisern der Wille zum Sieg! Das Gold gehört dem Vaterlande!“ Foto: Lukesch

Im „Kriegstagebuch“ wurde über jeden einzelnen Tag im November berichtet. Zum Beispiel am 8. November: „Im Sundgau wurden nach heftigen Feuerwellen vorbrechende Sturmtrupps der Franzosen zurückgeworfen. Die Gegner verloren 13 Flugzeuge.“ Oder am 26. November: „Englische Infanterie trifft Dorf und Wald Bourlun. In schwerem Nahkampf wurden sie zurückgeworfen. Nördlich von Prunay wurde ein französischer Vorstoß im Grabenkampf abgewiesen.“ Bourlon und Prunay sind französische Dörfer. Die Anzeigen im Nachrichtenblatt werfen Licht auf das Leben. So inserierte jemand, weil er eine Stallmagd suchte. „Weihnachts- und Teegebäck für die Kriegszeit“ lautete der Titel eines Backbuchs, für das geworben wurde, mit „66 Backregeln von Marie Buchmeier“.

„Häusliches Fräulein“ gesucht

Unter Hochzeitsanzeigen „Statt Karten“ wurde die Heirat des Straubingers Hans Bayer, Hauptlehrer, mit der verwitweten Luise Schillitz, geborene Linninger, bekannt gegeben. Die Regensburgerin Katie Muschler (geborene Pfeiffer) verlobte sich am 24.12.1917 mit Alfons Schlemmbach, Obermatrose aus Ostfriesland. Der Verein Ratisbona lud zur Kaninchen- und Produkteausstellung mit Prämierung und Verlosung vom 22. bis 26. Dezember in den Bischofshof ein. Auf der Schillerwiese lockten ein „Großes Eisfest“ und „Die größte Bahn am Platze“.

Alte Ansichten

  • Seltene Aufnahmen:

    Während des 1. Weltkriegs, also auch 1917, gab es nicht sehr viele Fotografien aus Regensburg. Auf dieser Weihnachtspostkarte, die zur Sammlung von Peter Milic gehört, ist eine Aufnahme zu sehen, die auf dem jetzigen Neupfarrplatz gemacht wurde. Zu sehen ist die Engel-Apotheke, die es heute noch gibt, und das Restaurant „Weiße Rose“, in dem heute das Hofjuweliergeschäft Pleyer seine Ladenräume hat. Im Hintergrund ist der „Goldene Turm“ zu sehen.

  • Motivation:

    In Anzeigen wurde der Kriegswille angestachelt: „Eisern die Zeit! Eisern der Wille zum Sieg! Das Gold gehört dem Vaterlande!“ Neujahrspostkarten wurden von Josef Höchstetter in der Brückstraße angeboten, die Buchhandlungen Hermann Bauhof, A. Coppenraths, Habbel, Pustet und Wunderlings kündigten an, dass ihre Geschäfte am 2. Weihnachtsfeiertag geschlossen seien.

Auch Herzenswünsche wurden per Inserat geschaltet: Unter dem Titel „Weihnachtswunsch“ inserierte ein heiratswilliger Mann am 24.12.1917: „Ein b. Geschäftsmann., Witwer, Eisenbranche, katholisch, 38 Jahre, auch mit zwei Kindern vier und acht Jahre, Besitzer von zwei Anwesen, außerdem 9000 Mark Barvermögen, sucht auf diesem Wege ein häusliches Fräulein oder Witwe von 30-37 Jahren, das imstande ist, die Mutterstelle zu ersetzen, in Briefwechsel zu treten zwecks Heirat.“

Am 25. Dezember konnten die Regensburger Hindenburgs Weihnachtsgruß auf der Titelseite lesen: „Der Segen Gottes ruhte 1917 auf unseren Waffen. Er wird 1918 unsere gerechte Sache zu einem guten Ende führen“, schrieb der Generalfeldmarschall. „Friede den Menschen!“ war in der nächsten Zeile zu lesen: „Ist es nicht wie ein ergreifendes Himmelswunder, dass über dem Weihnachtsfest 1917 der helle Friedensstern leuchtet, nachdem wir das ganze vergangene Jahr hindurch sehnsüchtigen Auges Ausschau gehalten?“

Mehr Nachrichten aus Regensburg lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht