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Regensburg
Sonntag, 19. November 2017 5

Plan

Stadt will Touristenströme kanalisieren

Weil Regensburg Einheimische und Besucher anzieht, wird es hier schon einmal eng. Jetzt kommt ein Limit für Reisegruppen.
Von Heike Haala, MZ

In kleineren Gruppen abseits der großen Routen lässt sich die Regensburger Altstadt auch genießen. Deswegen sollen Stadtführungen auf 25 Teilnehmer beschränkt werden. Foto: Koller

Regensburg.Im Berliner Stadtteil Kreuzberg sind es über das Pflaster polternde Rollkoffer, die Anwohner nerven, in der oberbayerischen 2500-Seelengemeinde Marktl war es die schiere Zahl der Touristen, die der Gemeinde nach der Wahl des hier geborenen früheren Papstes Benedikt XVI nicht nur Freude bereitete. In Regensburg dagegen ist hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand von einer „Rothenburgisierung“ die Rede, wenn sich Einheimische ihren Weg zwischen den Touristengruppen auf dem Rathausplatz, in der Goliathstraße oder auf dem Behelfssteg der Steinernen Brücke bahnen müssen.

Diese Beispiele zeigen, dass prosperierender Tourismus auch den Unmut der Einheimischen nach sich ziehen kann. Damit gehen die Verantwortlichen in den bei Touristen beliebten Orten ganz unterschiedlich um. Die Kreuzberger Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) wünschte sich etwa, dass die Touristen auf Koffer mit Gummirollen zurückzugreifen, in Marktl wurde die Infrastruktur angepasst und auch der Regensburger Kulturreferent Klemens Unger will jetzt etwas für die Akzeptanz des Tourismus’ bei den Einheimischen tun.

Touristenzahlen

  • Die Übernachtungen:

    Regensburg zählte im Jahr 2016 erstmals mehr als eine Million Übernachtungen: 1 064 094. Das gab die Regensburg Tourismus GmbH bekannt.

  • Die Entwicklung:

    Damit ist die Zahl im Vergleich zu 2015 um weitere 85 000 Übernachtungen gestiegen, was einer Steigerung von 9,2 Prozent entspricht.

25 Personen pro Stadtführung

So werden die Gruppen von Stadtführungen auf 25 Personen pro Gästeführer beschränkt. Zudem sollen die Gästeführer sensibilisiert werden. Weiterhin könnten die Regensburger besser über die Bedeutung des Tourismus für die Stadt informiert und Alternativrouten für Führungen an bestimmten Brennpunkten wie der Tändlergasse, dem Rathausplatz oder der Steinernen Brücke ausgearbeitet werden. Denkbar seien auch Tage der offenen Tür auf den Flusskreuzfahrtschiffen. So soll die Situation im Sinne der Einheimischen und der Touristen entzerrt werden. Das gaben Unger und die Vertreter großer Gästeführer-Agenturen kürzlich in einer Pressemitteilung bekannt. Welche weiteren Maßnahmen die Stadt in Sachen Tourismus plant, wird aus dem Tourismuskonzept hervorgehen. Es soll nach dem Jahreswechsel veröffentlicht werden.

Regensburg hat eine lange Tourismusgeschichte.

Tourismusexperten und -koordinatoren aus anderen Städten sagen, dass dies durchaus richtige Maßnahmen sind, die für Abhilfe sorgen könnten. Vertreter der Touristeninformationen in Rothenburg und Bamberg kennen aber auch das Manko der Begrenzung von Stadtführungen: Das funktioniere nur, wenn die Gästeführer auch mitmachen. Das sei bei den Kooperationspartnern – in Regensburg sind das die Stadtmaus, Kulttouren und ARS Incoming – einfach. Jedoch gebe es auch selbstständige Gästeführer, die selbst entscheiden, ob sie sich an diesen Vorschlag halten.

Diese Fotos schießen Touristen besonders gerne in Regensburg.

Alternativrouten für Touristenführungen hält Dr. Martin Linne, Vorsitzender der Gesellschaft für Tourismusforschung (GfTF), für eine wichtige Maßnahme. Die Situation könnte sich noch weiter entspannen, wenn die Gruppen zudem zeitlich getaktet und in unterschiedlichen Richtungen unterwegs sind. So könne vermieden werden, dass sich zu viele Touristen an einem Punkt treffen.

Wer prosperierenden Tourismus steuern oder lenken möchte, müsse auf Qualität setzen, sagt Linne weiter. Das ist ein erklärtes Ziel der Stadt. Gelingen könnte das laut Linne mit einem Leitbild zum Thema, bei dessen Konzeption die Bürger miteingebunden sind. Weiterhin sei die Zusammenarbeit zwischen dem Tourismus- und dem Citymanagement wichtig, um die Entwicklung entsprechend koordinieren zu können.

Unser Mitarbeiter testete die Regensburger Stadtführungen

Die Maßnahmen anderer Städte

Unger spricht davon, dass er die Akzeptanz der Einheimischen gegenüber den Touristen steigern will. An anderen Orten dagegen kochte der Ärger der Bürger über die Touristenströme mit Beginn der Saison früher öfter hoch. Zum Beispiel in Bamberg. Dieser Sommer aber verlief ruhig. Das gelang mit Hilfe der von Unger geplanten Maßnahmen. Zudem gab es hier Diskussionsrunden, während derer die Bürger mit den Verantwortlichen ins Gespräch kamen, oder eine Informationsmöglichkeit für die Bürger per Blog.

Lesen Sie hier ein Interview mit der RTG-Chefin Sabine Thiele

Auch in der Touristenhochburg Rothenburg ob der Tauber gab es vor vier Jahren einen Konfliktherd zwischen Einheimischen und Touristen. Und das, obwohl sich die Stadt mit 1,7 Mio Tagesgästen pro Jahr und nach 137 Jahren Tourismusgeschichte in einer hohen Abhängigkeit in der Gesamtwertschöpfung befinde und gar nicht auf weniger Tourismus setzen könne, wie Dr. Jörg Christöphler, Leiter des dortigen Tourismus-Service, sagt. Es ging um die Übernachtungsbusse, die die Bürger bei ihrer Ankunft in der Altstadt nervten. Der Unmut der Bürger wurde mit definierten Wegführungen aus dem Weg geräumt.

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