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Politik

Studie: Stadt braucht RKK dringend

Eine Gutachterin stellt eine Marktlücke fest. Ihre Vorschläge widersprechen teilweise Wünschen der Regensburger.
Von Julia Ried, MZ

Am Ernst-Reuter-Platz soll das geplante Kultur- und Kongresszentrum entstehen. Foto: Effenhauser/Stadt Regensburg

Regensburg.Regensburg brauche dringend ein Kultur- und Kongresszentrum (RKK), obwohl gerade neue Veranstaltungsräume wie das Marina-Forum entstehen – das ist das Ergebnis der neuesten Machbarkeitsstudie. Diese präsentierte am Dienstag eine Unternehmensberaterin aus Wiesbaden mehreren Ausschüssen des Stadtrats in einer gemeinsamen Sitzung. Ob und inwieweit ihre Vorschläge umgesetzt werden, steht allerdings in den Sternen. Denn bereits nach der ersten Phase der Bürgerbeteiligung zur Neugestaltung der Stadtmitte zeichnet sich ab, dass viele Bürger mit den Ergebnissen der Studie nicht einverstanden sein dürften.

So raten die Gutachter von einer dezentralen Lösung, die einige Teilnehmer der Bürgerbeteiligung bevorzugen würden, ab. „Eine Dezentralisierung ist nicht erwünscht und wird von den Veranstaltern auch nicht akzeptiert“, sagte Dr. Gisela Hank-Haase von GHH-Consult. Da die Studie parallel zur Einbindung der Bürger in Auftrag gegeben wurde, untersucht sie auch nicht ausdrücklich die Machbarkeit eines RKK, in dem „Kongress“ klein- und „Kultur“ großgeschrieben wird. Dies hatten Regensburger in den Ideenwerkstätten gefordert.

Eventuell weiteres Gutachten nötig

Die Aufgabenstellung laute nun, „sich mit den Ideen der Bürgerinnen und Bürger intensiv auseinanderzusetzen und gleichzeitig den erfolgreichen Betrieb eines künftigen RKK zu gewährleisten“, schrieb Planungsreferentin Christine Schimpfermann in ihrer Vorlage für die Stadträte. „Wenn wir die Aufgabenstellung konkretisiert haben, kann man noch einmal ein Gutachten in Auftrag geben“, sagte sie im Gespräch mit unserem Medienhaus. Zu einem möglichen Zeitplan will sie sich noch nicht äußern. Vor einem RKK müsse ein Zentraler Omnibusbahnhof realisiert werden.

Den Stadträten lag die Studie lediglich zur Kenntnisnahme vor, was nur die Linke ablehnte. Trotzdem entspann sich eine mehr als eineinhalbstündige, hitzige Debatte. Darin kritisierte die Opposition aus CSU, ÖDP und Linke vor allem, dass das Gutachten parallel zur Bürgerbeteiligung erstellt wurde, ohne die Wünsche der Regensburger einzuarbeiten. Benedikt Suttner von der ÖDP sagte, wesentliche Belange seien „mit dieser Studie begraben“. CSU-Stadtrat Christian Schlegl warnte: „Damit werden Sie Schiffbruch erleiden.“ Den Bürgern sei eine „ganz andere Vision“ eines RKK aufgezeigt worden, in der die öffentliche Nutzung durch die Stadtgesellschaft eine große Rolle spiele. Sie würden auf die Barrikaden gehen. Mitglieder der Regierungskoalition aus SPD, Grünen, Freien Wählern und FDP stritten die Vorwürfe ab. Zum einen liege der „größere Schwerpunkt auf dem Bereich Kulturzentrum“, wie SPD-Fraktionschef Dr. Klaus Rappert betonte, zum anderen seien die Ergebnisse des Gutachtens nur ein Baustein der Entscheidungsgrundlage für den Stadtrat. „Da wird überhaupt nichts begraben. Wie das weitergeht, das bestimmen wir“, sagte Grünen-Fraktionschefin Margit Kunc.

Die Unternehmensberaterin stellte in ihrer Studie fest: Das Audimax werde als größte Veranstaltungsstätte „den derzeitigen und künftigen Anforderungen der Veranstalter und Teilnehmer beziehungsweise Besucher sowohl im kulturellen als auch im Tagungs- und Kongressbereich nicht mehr gerecht“. Hinzu komme die eingeschränkte Buchbarkeit aufgrund der Vorlesungszeiten. Nur ein neues RKK könne „das derzeit vom Audimax abgedeckte Angebotssegment im Bereich der Kultur-, Klassik- und Unterhaltungskonzerte und -produktionen bedienen“. Als Kongressdestination seien Regensburg bis dato aufgrund fehlender passender Räume enge Grenzen gesetzt. „Ein neues RKK könnte hier nachhaltige Impulse speziell für den Wissenschaftssektor der Stadt bewirken.“ Zwar biete das Marina-Forum, das die Regensburg Tourismus GmbH 2018 eröffnen will, Platz für kleinere bis mittlere Tagungen; Stehempfänge mit maximal 1000 Personen sind dort möglich. Aber für sehr große Kongresse sei es ebenso wenig geeignet wie andere Örtlichkeiten. Dieser Markt wachse aber.

Notwendig ist ein großer Saal

Das Nachfragepotenzial eines RKK beziffert die Studie auf 85 bis 100 kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen im Jahr mit insgesamt circa 80 000 bis 95 000 Besuchern sowie 95 bis 120 Kongresse, Konferenzen und Tagungen mit insgesamt rund 50 000 bis 62 000 Teilnehmern. Der Kompromiss zwischen Kongress- und Kulturzentrum sei der Wirtschaftlichkeit geschuldet, sagte Hank-Haase. Für notwendig hält sie flexible Räume, darunter einen großen Saal für bis zu 1800 Besucher in Reihenbestuhlung.

Für ein RKK mit einer Gesamtfläche von 7600 Quadratmetern liegen die Investitionskosten dem Gutachten zufolge bei 63 bis 78 Millionen Euro. In den ersten fünf Jahren rechnet die Unternehmensberatung mit einem Defizit von 467 000 bis 424 000 Euro jährlich, was Linke und CSU als viel zu niedrig einschätzten. Die volkswirtschaftlichen Effekte nennt GHH-Consult „beachtlich“: Verschiedenen Branchen wie Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel bringe es einen Gesamtumsatz von gut 17 Millionen Euro jährlich, der Stadt circa 350 000 Euro an Steuereinnahmen.

Die Konkurrenzsituation

  • Continental-Arena:

    Im gut gebuchten „Communication Center“ ist unter anderem Platz für Stehempfänge mit bis zu 950 Personen (Foto: altrofoto.de). Ein RKK betrachten die Betreiber, die Regensburger Badebetriebe, kaum als Konkurrenz.

  • Audimax:

    Das Audimax ist mit 1470 Sitzplätzen (Foto: Vogl) ein beliebter Veranstaltungsort für Konzerte und Bühnenaufführungen. Die Universität sieht ein RKK als „bedingte Konkurrenz in bestimmten Marktsegmenten“.

  • Kolpinghaus:

    Das Haus ist das bisher größte und vielseitigste Veranstaltungszentrum der Stadt: Kongresse, Bälle (Foto: Steffen) und Veranstaltungen von Politik und Kirche finden dort statt. Wegen Marina-Forum und RKK dürften viele wegbrechen, glaubt der Chef.

  • Marina-Forum:

    Regensburg Tourismus will sein Haus (Visualisierung: RTG) für kleinere bis mittlere Veranstaltungen im alten Schlachthof 2018 eröffnen. Ein RKK wird es laut Gutachten nicht maßgeblich beeinträchtigen.

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