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Regensburg
Freitag, 28. Juli 2017 25° 2

Wirtschaft

Tagestouristen überrollen die Stadt

Etwa drei Millionen besuchen jedes Jahr das Welterbe. In den Sommermonaten wird es manchem Regensburger in den Gassen zu eng.
Von Claudia Böken, MZ

  • Die Kramgasse ist ein neuralgischer Punkt: An ihrem Eingang stauen sich die Gruppen, um den Dom zu betrachten. In der Gasse selbst lockt das Geburtshaus der schönen Gürtlerstochter Barbara Blomberg.Foto: Archiv
  • Von den Kreuzfahrtschiffen pilgern Touristen scharenweise zu den Sehenswürdigkeiten.Foto: Archiv

Regensburg.Eine MZ-Umfrage bestätigte jüngst die leidvolle Erfahrung mancher Geschäftsleute: Viele Regensburger meiden inzwischen die Altstadt; nicht weil sie lieber Online einkaufen, sondern weil es ihnen auf manchen Plätzen, noch mehr in engen Gassen, zu turbulent zugeht.

Regensburg ist seit vielen Jahren eine Touristenhochburg, und die Einheimischen sind beliebte „Gastgeber“: Viele sind stolz auf ihre Stadt und stehen Besuchern gern und freundlich für Auskünfte zur Verfügung. Die Antworten auf die Fragen: „Wo geht’s denn hier zum Schloss, zum Dom, zur Steinernen Brücke?“, hat jeder in seinem Repertoire. Aber gerade in den Sommermonaten ist für viele die Grenze erreicht, wo der Regensburger mit den Tourismus geplagten Venezianern mitfühlen kann.

Eine Million Übernachtungsgäste

Es sind übrigens nicht die etwa eine Million Übernachtungsgäste, die das Fass beinahe zum Überlaufen bringen, denn die sind meist paarweise oder in kleinen Gruppen unterwegs. Was die Einheimischen aufregt, sind die Besichtigungsgruppen, die zeitweilig in großen Mengen auftreten und an neuralgischen Punkten die Fortbewegung fast unmöglich machen. Wie viele das tatsächlich sind, kann übrigens auch RTG-Chefin Sabine Thiele nur hochrechnen: „Für Tagestouristen gilt als Faustregel: die Übernachtungszahlen mal drei.“ Das wären dann drei Millionen Menschen pro Jahr, die die Stadt besuchen und ein paar Stunden oder einen ganzen Tag hier verweilen. Mitgezählt werden auch Personen, die aus der Umgebung zum Einkauf oder zu einem Arztbesuch nach Regensburg kommen. Das Gros der Touristengruppen kommt mit Bussen am Protzenweiher an oder mit den Kreuzfahrtschiffen zwischen Donaumarkt und königlicher Villa.

Vor allem letztere Zahl ist in den vergangenen Jahren explodiert. Rund 350 Schiffe landeten noch vor zehn Jahren an. Im vergangenen Jahr waren es 1000, bis Ende dieses Jahres werden es 1200 sein, wie Pressesprecher Martin Gottschalk von der Lagerhaus- und Schifffahrtsgesellschaft mbH erläutert. Die Zahl der Passagiere dürfte damit bei gut 100 000 liegen. Und diese Touristen sind auf jeden Fall gruppenweise unterwegs.

Allein die RTG vermittelte 2014 7100 Stadtführungen, was laut Thiele etwa 100 000 Teilnehmern entspricht. Die meisten davon entfielen auf „kulttouren“, etliche auch auf das Unternehmen ARS in Hainsacker, das aber auch unabhängig von der RTG gebucht wird. Stadtmaus-Führungen wurden im vergangenen Jahr nur sieben vermittelt. In den letzten zehn Jahren hat die Stadtmaus jährlich allerdings zwischen 3000 und 3500 Führungen pro Jahr durchgeführt, wie von Pressesprecher Matthias Werner zu erfahren war. Teilnehmer seien hier nicht vornehmlich Touristen, sondern auch Interessenten aus Regensburg oder dem Umland.

Enge Gassen, viele Gruppen

Das Problem mit dem Schiffstourismus: Bis zu 180 Personen strömen auf einmal von Bord, werden auf vier bis sechs Gruppen aufgeteilt, marschieren in Richtung Altstadt und dort zu den bekannten Sehenswürdigkeiten. Dass sie dabei durch die Kramgasse (Geburtshaus von Barbara Blomberg) oder die Tändlergasse kommen, ist unvermeidlich. Und da wird es eng.

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob die Fremdenführer die Routen anders legen könnten, um Stauungen, wie sie im Sommer an der Tagesordnung sind, zu vermeiden. Bamberg, Welterbestadt wie Regensburg, hat auch noch keine Patentlösung für das Problem gefunden, wie Tourismusdirektor Andreas Christel auf MZ-Nachfrage erläuterte: Auch hier machen die Flusskreuzfahrten Probleme. „Sie sind so nicht mehr verkraftbar“, sagt er. Es sei inzwischen spürbar, dass Einheimische einen gewissen Groll auf dieses Klientel haben. Man versuche die Gästeführer zu sensibilisieren, dass sie kleinere Gruppen bilden und nicht mehr als 50 Prozent der Gehsteigbreite einnehmen. „Wir arbeiten daran, aber da brauchen wir einen langen Atem“, so Christel.

In Regensburg wird demnächst ein Tourismus-Beirat gegründet, der Kulturreferent Klemens Unger unterstehen wird. Er weiß auch, dass 100 bis 150 Fremdenführungen an einem Wochenende nicht länger verkraftbar sind. Eine Patentlösung weiß er bislang nicht. „Wir müssen entscheiden, ob wir künftig auf Masse oder auf Klasse setzen“, sagt er.

Wie sehen Sie die Zahl der Touristen, die in Regensburg unterwegs ist? Stimmen Sie in unserer Umfrage ab:

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