mz_logo

Regensburg
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 2

Bühne

Theater lüftet den Vorhang für 2017/2018

Neun Uraufführungen, 29 Premieren: Der Regensburger Intendant stellt den Spielplan vor. Mit Shakespeare geht’s ins Grüne.
Von Marianne Sperb, MZ

Intendant Jens Neundorff von Enzberg und seine Spartenleiter Maria-Elena Hackbarth, Yuki Mori und Stephanie Junge (von links) zieht es in Grüne – in den Herzogspark. Foto: Jens Niering

Regensburg. Das Theater Regensburg wandert in jeder Saison außer Haus. Präsent sind die Inszenierung 2013 auf der Walhalla, die Abschiedsgala 2015 im Jahn-Stadion oder – im Juli 2017 – „Der fliegende Holländer“, semikonzertant im Bayernhafen. 2018 gibt das Theater der Lust aufs Grüne nach. Die Freiluft-Produktion, die traditionell im Thon-Dittmer-Hof ansteht, zieht im Juni 2018 in den Herzogspark. Bis zu 500 Zuschauer pro Vorstellung erleben mit Shakespeares „Komödie der Irrungen“ ein aberwitziges Verwechslungsspiel, inszeniert von Robin Telfer.

Intendant Jens Neundorff von Enzberg und sein Team präsentierten am Freitag den Spielplan für die neue Saison 2017/2018 im frühlingsdurchwehten Park. Mit neun Uraufführungen, 29 Premieren, zahlreichen Konzerten, Sonderveranstaltungen und einem Extra-Paket aus dem Jungen Theater ist ein respektables Programm geschnürt. Das Motto: „Klarheit“. Mit dem Begriff, machte Jens Neundorff klar, sind in Zeiten von Fakenews und „alternativen Fakten“ Wahrheit und eine klare Haltung angesprochen, unabhängig von der Vielfalt der möglichen Ausdeutungen, die das Publikum für sich in den verschiedenen Inszenierungen findet.

Die interessanteste Arbeit der neuen Spielzeit könnte „Die Banalität der Liebe“ (Januar 2018) werden, eine Auftragsarbeit an die israelische Komponistin Ella Milch-Sheriff, inszeniert vom israelischen Star Itay Tiran. Um den Schauspieler und Regisseur buhlen derzeit die großen Theater. Eine Berühmtheit ist auch Ella Milch-Sheriff. Ihr Leben wird aktuell sogar in einem Kinofilm erzählt. „Past Life“ von Regisseur Avi Nesher lief im September 2016 beim Toronto Film Festival und füllt die Lichtspielhäuser in Israel.

Intendant Jens Neundorff von Enzberg: Am Freitag stellte er mit seinem Team den neuen Spielplan vor. Foto: Jens Niering

Die Komponistin wird verknüpft mit sehr emotionaler Musik. Und sie wird assoziiert mit einer traumatischen Familiengeschichte: Ihr Vater verlor 1943/1944 Frau und Sohn; Zeit seines Lebens sprach er nicht über sein Leid. In „Baruchs Schweigen“ verarbeitete die Tochter des Holocaust-Überlebenden den Umgang mit den Geistern der Vergangenheit. Die Kammeroper wurde 2010 am Staatstheater Braunschweig uraufgeführt.

Viel solide Kost, viele alte Bekannte

In Regensburg verhandeln Itay Tiran und Ella Milch-Sheriff Fragen nach Verblendung und Schuld, nach dem Wesen des Bösen – und dem der Liebe. Die Oper blickt auf die Liason zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger, dem Marburger Philosophie-Professor und der blutjungen brillanten Studentin, die lebenslang ineinander verstrickt blieben.

Rarität von Puccini

  • Die Sensation:

    Jens Neundorff von Enzberg freute sich am Donnerstag noch, am Freitag, bei der Vorstellung des Spielplans 2017/2018, eine veritable Theater-Sensation zu verkünden: die Uraufführung einer Puccini-Oper! Was für eine Zeile: ein Werk von einem der berühmtesten Opernkomponisten überhaupt, 93 Jahre nach dem Hinscheiden des italienischen Maestro, erstmals zu erleben in Regensburg auf der Bühne. Am Donnerstagnachmittag wurde klar: Das Theater Regensburg war der Fehlinformation eines Verlags aufgesessen, und aus der Welt- wurde eine deutschsprachige Uraufführung.„Edgar“, ein Frühwerk von Giacomo Puccini, erlebte 1889 in der Mailänder Scala die allererste Vorstellung – und fiel krachend durch. Später strich der Komponist Akt 4, verschlankte die Oper – und landete einen Erfolg. Heute ist nur Kennern bekannt, dass „Edgar“ zunächst vier Akte hatte. Und: Erst 2007 tauchten Teile der Originalpartitur im Nachlass einer Puccini-Erbin auf. Die Lang-Fassung erlebte dann 2008 in Turin ihre Uraufführung.

  • Die Inszenierung:

    Der Anstoß, die selten gespielte Geschichte um Edgar, die tugendhafte Fidelia und die verführerische Außenseiterin Tigrana in Regensburg auf die Bühne zu bringen, kam von Alexander Joel. Der Bruder von Popstar Billy Joel war bis 2014 Generalmusikdirektor am Staatstheater Braunschweig, wo Regensburgs Intendant bis 2012 Operndirektor war. Man kennt sich also. Die Inszenierung: Alexander Joel dirigierte „Edgar“ im Oktober 2016 in Dortmund. Das erste Mal war in Deutschland die Oper in vier Akten zu hören, inklusive der wundervollen Arien, die Puccini einst gestrichen hatte. In Regensburg wird diese Erstfassung im April 2018 das erste Mal auch in Szene gesetzt, von Hendrik Müller, der bereits in der aktuellen Regensburger Opernproduktion „Freax“ ein gutes Händchen gezeigt hat.

Der neue Spielplan bietet viel solide Kost, zahlreiche Produktionen, die hohen Unterhaltungswert versprechen, und in Maßen die Zumutungen, die experimentierfreudige Zuschauer reizen. „Der Fliegende Holländer“ (September 2017) taucht wieder auf, diesmal als opulent ausgestattete Oper im Haus am Bismarckplatz, inszeniert von Uwe Schwarz („Die Feen“). Operetten-Fans bedient Aaron Stiehl mit „Der Vetter aus Dingsda“ (Oktober 2018). Mit der Messe in h-Moll (Dezember 2017) wechselt der Spielplan die Tonlage: Das Meisterwerk von J. S. Bach kommt inszeniert, als Bildertheater auf die Bühne, Regie: Jochen Biganzoli.

Wer „La Cage aux Folles“ mochte, wird auch „Cabaret“ (März 2018) mögen. Das Musical über den Tanz auf dem Vulkan richtet Johannes Pölzgütter ein. Mozart-Freunde dürfen sich schließlich von „Don Giovanni“ (Juni 2018) verzücken lassen.

Stephanie Junge: Für die Leiterin der Sparte Schauspiel wird es die letzte Saison am Theater Regensburg Foto: Jens Niering

Die ganze Saison hinweg trifft das Publikum auf Bekannte aus der Theaterfamilie, die sich seit Antritt von Intendant Neundorff und Dramaturgin Stephanie Junge gefunden hat. Für die temperamentvolle Schauspielleiterin wird es die letzte Regensburger Saison; sie geht zurück nach Düsseldorf. Sie verabschiedet sich unter anderem mit Schillers „Maria Stuart“ (September 2017). Den Machtkampf zweier Frauen richtet das Schweizer Trio um Mélanie Huber ein, das zuletzt mit Kafkas „Prozess“ in Regensburg Eindruck machte. Jung-Regisseur Jona Manow nimmt sich Becketts „Glückliche Tage“ vor (September 2017) und Volker Schmalöer („Komödie im Dunkeln“) bearbeitet einen höchst erfolgreichen Filmstoff. „Ein großer Aufbruch“ (November 2018) erzählt von einem Todkranken, der sich von der Familie verabschiedet. Magnus Vattrodt hat sein sensibles TV-Drama (2016 für das beste Drehbuch ausgezeichnet) jetzt für das Theater bearbeitet. Der Regensburger Autor Konstantin Küspert packt das Thema Tod in ein Science-Fiction-Szenario: „sterben helfen“ (Dezember 2017), Regie: Charlotte Koppenhöfer. Es gibt ein Wiedersehen mit „The Black Rider“ (Februar 2018) von Knurrstimme Tom Waits, das 2015 im „Wilden Bayern“ zu Gast war.

Bayerns Jugend ist zu Gast

Reichtum ist in Deutschland ein Tabu. Gesine Schmidt verhandelt ihre These in einem Dokumentarstück. Das Auftragswerk „Vermögend“ (Februar 2018) bringt Mia Constantine auf die Bühne. Constantine Kreusch wird den zeitlosen Stoff „Medea“ (März 2018) auf aktuelle Facetten abklopfen. Mit „Liliom – Leben und Tod eines Galgenvogels“ (Mai 2018) untersucht Katrin Plötner („Hamlet“) die Determinierung eines Angebers und Raufbolds.

Fußball-Fans blicken gespannt auf „Der rote Löwe“ (April 2018), ein Stück um Trainer und Spieler, um Vertrauen, den eigenen Vorteil und Betrug (Regie: Jens Poth). „Ähnlichkeiten mit örtlichen Gegebenheiten sind rein zufällig“, sagt Junge im Herzogspark betont trocken. In der Fußball-Welt spielt auch das neue Format „Ab in die Verlängerung!“ (April 2018). Gerhard Herrmann bestreitet die Reihe, in Anlehnung an das „Aktuelle Sportstudio“ – so lange die deutsche Nationalelf bei der WM am Ball bleibt.

Yuki Mori: Der Leiter der Sparte Tanz präsentiert drei Uraufführungen. Foto: Jens Niering

Yuki Mori hat sich als Spartenleiter Tanz längst eine herausragende Position erarbeitet. Er wird drei Uraufführungen präsentieren: „Shakespeare Dreams – Allegoria / Human“ (Oktober 2017) zusammen mit Alessio Burani, der vom Tänzer- ins Choreographie-Fach wechselt, mit der ambitionierten Produktion „Klimt.Bacon“ (Februar 2018),zusammen mit dem angesagten Mannheimer Kollegen Felix Landerer, sowie die „Tanz.Fabrik! sechs“ (Juni 2018).

Maria-Elena Hackbarth: Die Leiterin der Sparte Junges Theater hat am Haus 200 spielwütige Jugendliche aus Bayern zu Gast, beim Treffen der bayerischen Theaterjugendclubs. Foto: Jens Niering

Auch Maria-Elena Hackbarth, Leiterin des Jungen Theater, hat sich eine eine große Fangemeinde erobert und mit „I’m afraid...“ bundesweites Renommee erlangt. Sie verfolgt das Genre der Stückentwicklung weiter: Mit Schauspielern und jungem Publikum untersucht sie in „I have a dream“ (September 2017), welche Träume wir haben.

Ein dicker Block im Programm wird das 12. Treffen bayerischer Theaterjugendclubs. 200 spielwütige Jugendliche aus ganz Bayern zeigen in 14 Stücken innerhalb von vier Tagen ihre Sicht auf die Welt: Termin: von 5. bis 8. Juli 2018.

„Pünktchen und Anton“ (November 2017), den unverwüstlichen Stoff von Erich Kästner, wird Mia Constantine inszenieren. „Gold“ (Dezember 2017), die Kinderoper von Leonard Evers, gießt ein Grimm-Märchen in Musik, Regie: M.-E. Hackbarth. Ein gedemütigter Mensch entfacht einen Weltenbrand: Die Spartenleiterin klopft das Stück „Michael Kohlhaas“ (März 2018) auf Parallelen zur Gesellschaft von Heute ab.

Sehen Sie hier ein Video: Maria-Elena Hackbarth über das Treffen bayerischer Theaterjugendclubs

In „Krähe und Bär“ (Juni 2006) praktiziert Harald Fuhrmann einen sehr lehrreichen Perspektivwechsel. „Die drei Rätsel“ (Juni 2018), die Kinderoper von Detlef Glanert, wird mit dem Cantemus Chor umgesetzt, Leitung: Matthias Schlier. „Der Schein der Macht“ (April 2018) fragt nach Mustern von Macht, Leitung: Claudia Ehrl. Der Kinderclub erforscht unter Leitung von Agnes Gerstenberg Sinneseindrücke, unter dem Titel: „Macht das Sinn?“ (Februar 2018).

Weitere Beiträge aus der Kultur lesen Sie hier.

200 spielwütige Jugendliche in Regensburg

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht