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Regensburg
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Sport

Triathlon: Mehr Fluch als Segen

Die Challenge ist, was schon der Ironman in Regensburg war: ein politischer Zankapfel. Dem Ausdauer-Ereignis droht das Aus.
Von Heinz Gläser, MZ

Dahin ist die Harmonie, die Zibi Szlufcik (l.) und Tom Tajsich bei der Challenge 2016 demonstrierten. Foto: Brüssel

Regensburg.Die Sonne brannte unbarmherzig auf die Athleten herab. Draußen auf dem Domplatz schleppten sich an jenem Sonntag, 14. August 2016, bei ausdauerfeindlichen Temperaturen noch viele Sportler ausgepumpt ins Ziel, da zogen die Veranstalter gleich nebenan im Herzogssaal eine erste Bilanz. Regensburg sah die Premiere der Challenge, eines Langdistanz-Triathlons über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und die klassische Marathon-Distanz von 42,195 Kilometern.

Das Wort ergriff Zibi Szlufcik. Der CEO (Chief Executive Officer, sprich Geschäftsführer) der „Challenge Family“ baute in seine Rede etwas ein, was Triathleten auf der Strecke tunlichst vermeiden: einen kleinen Umweg. Szlufcik erinnerte daran, dass die Premiere eine Vorgeschichte hatte. Drei Mal – in den Jahren von 2010 bis 2012 – hatte die Challenge-Konkurrenzserie Ironman, die die legendäre Weltmeisterschaft auf Hawaii im Portfolio hat, in Regensburg Station gemacht.

„Liebe, Duldung, Hass“, auf diese griffige Formel brachte Szlufcik damals die sich dramatisch wandelnde Haltung der Oberpfälzer gegenüber dem sportlichen Großereignis. Indes: Aktuell droht auch dem Ironman-Nachfolger, der Challenge, ein negativer Dreiklang: „Liebe, Duldung, Aus!“

„Challenge Family“ trennt sich mit sofortiger Wirkung

Es liegt kein Segen auf dem Regensburger Triathlon über die lange Distanz. In einer Pressemitteilung ließen die „Challenge Family“ und ihr Geschäftsführer Szlufcik am Freitag die Bombe platzen. Sie trennen sich „mit sofortiger Wirkung“ vom Lizenznehmer, der Purendure Event GmbH & Co. KG, dem Ausrichter der Challenge Regensburg. Purendure, das sind die Triathlon-Lokalmatadorin Sonja Tajsich, einst Hawaii-Vierte, und ihr Ehemann Tom. Ob Regensburg also am 12. August 2018 Schauplatz eines Langdistanz-Triathlons sein wird, steht in den Sternen. Dass das Event unter dem Markenzeichen Challenge ausgetragen wird, darf schon jetzt als äußerst fraglich gelten. Nunmehr haben die Juristen das Wort.

Egal ob Ironman oder Challenge, der Weg, einen Triathlon dieser Klasse in Regensburg aufzubauen, ist mit zu vielen Schmerzen verbunden, sagt unser Triathlon-Experte Andy Brey.

Kommentar

Krachend gescheitert

Langdistanz-Triathleten gehören zu einer speziellen Gattung Mensch: extrem fleißig, diszipliniert, leidensfähig. Sie stellen sich nicht die Frage, ob es...

Szlufcik wirft Purendure „geschäftsschädigendes Verhalten“ vor und bezieht sich dabei vor allem auf ein Interview, das Tom Tajsich dem Portal triathlon-szene am 26. Oktober gegeben hat. Darin hatte Tajsich der „Challenge Family“ unter anderem mangelnde Öffentlichkeitsarbeit und schlechte Vermarktung vorgeworfen, was sich in dürftigen Teilnehmerzahlen niedergeschlagen habe. Er selbst sprach dabei von rund 340 „Finishern“ (Athleten, die das Ziel erreichen) bei der zweiten Auflage im Jahr 2017. Tajsich lobte ausdrücklich die Konkurrenz („Die Marke Challenge fällt deutlich hinter Ironman ab“) und dachte zudem laut darüber nach, sich von der „Challenge Family“ zu trennen: „Das ist auch eine Option, weil zu diskutieren ist, wie viel das Label Challenge bringt.“ Ein Zankapfel zwischen beiden Parteien ist die Absicht von Purendure, im kommenden Jahr einen Mitteldistanz-Triathlon ins Programm aufzunehmen, um mehr Starter anzulocken. Die „Challenge Family“ wertet das als Vertragsverstoß, Tom Tajsich nicht. Szlufcik sieht keine Vertrauensbasis mehr, Tajsich pocht auf die Abmachungen. Wie gesagt: Das Thema wird wohl Juristen beschäftigen – und tut es bereits.

Kündigung laut Tajsich „unwirksam“

Der lokale Ausrichter Tajsich gibt sich derweil kämpferisch: „Das Rennen wird stattfinden. Wir haben gültige Verträge mit der Stadt. Die Stadt will das Rennen, die Athleten wollen das Rennen und wir als Veranstalter wollen das Rennen. Mit oder ohne Challenge.“ Die einseitige Kündigung sei aus seiner Sicht „unwirksam“.

„Die Stadt will das Rennen, die Athleten wollen das Rennen und wir als Veranstalter wollen das Rennen.“

Tom Tajsich

Die Sache ist also reichlich verfahren, aber das gilt für die gesamte Historie des ambitionierten Projekts, in Regensburg einen Langdistanz-Triathlon mit überregionaler oder am besten sogar weltweiter Ausstrahlung zu etablieren. Das Ereignis ist seit 2010 in der Stadt politisch höchst umstritten. Insbesondere die finanziellen Zuwendungen an die Ausrichter standen im Zentrum der Kritik, als der damalige CSU-Oberbürgermeister Hans Schaidinger und vor allem Sportbürgermeister Gerhard Weber den Ironman aufs Gleis setzten.

Die Ironman-Macher heimsten große Vorschusslorbeeren ein, hinterließen aber letztlich einen veritablen Scherbenhaufen. Fehlendes Fingerspitzengefühl wurde ihnen vorgeworfen, es hieß, sie würden die Stadt lediglich für ihre eigenen ökonomischen Interessen okkupieren. Die Regensburger fremdelten mit dem Ereignis, zumal das anfangs erhoffte globale Echo zu einem dünnen Widerhall in Expertenforen schrumpfte.

Dafür schwoll das Grummeln in der alteingesessenen Sportszene an, die sich vor allem darüber mokierte, dass die Kommune den Ironman großzügig alimentierte, während sie selbst Klassiker wie den Marathon, den Arber-Radmarathon oder den Tristar-Triathlon quasi im Alleingang zu stemmen hatte. Kurzum: Der Ironman schaffte etwas, was noch keiner Sportveranstaltung gut bekommen ist: Er wurde zum Politikum. Nach der dritten Auflage war Schluss.

Wolbergs propagierte die Vorteile

Der Regensburger SPD-Spitzenmann Joachim Wolbergs war seinerzeit einer der Wortführer der Ironman-Opposition, und so kam die Volte nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister 2014 für viele überraschend. Nun propagierte Wolbergs die Vorteile eines Triathlons und pries die positiven Effekte für den Tourismus und das Image Regensburgs. Er erachtete freilich den Umstand, dass sich die Ironman-Macher wie Usurpatoren von außen auf die Stadt gestürzt hätten, als den eigentlichen Geburtsfehler. Diesen Makel wollte er aus der Welt schaffen, indem er das regionale Triathlon-Aushängeschild Sonja Tajsich einband. Und statt Ironman hieß es ab 2016: Willkommen zur Challenge!

Die Möglichkeit zur Kündigung

  • Der Vertrag

    zur Ausrichtung des Challenge Regensburg regelt die Rechte und Pflichten zwischen der Stadt Regensburg und der Purendure Event GmbH & Co KG für das Lauf-Event.

  • Die Möglichkeit

    , den Vertrag vorzeitig zu beenden, ist darin ebenfalls festgeschrieben. Jede Vertragspartei ist berechtigt, diesen „aus wichtigem Grunde fristlos zu kündigen“.

  • Ein wichtiger Grund

    liegt insbesondere vor, „wenn die andere Vertragspartei schuldhaft gegen ihr obliegende wesentliche vertragliche Verpflichtungen verstoßen hat“.

Dass zwischen dem mittlerweile im Zuge der Korruptionsaffäre suspendierten OB Wolbergs und Sonja Tajsich freundschaftliche Kontakte bestehen, war allerdings von Beginn an Gift für die politische Akzeptanz der Challenge. Tom Tajsich legt derweil Wert auf die Feststellung, dass er Wolbergs erst näher kennengelernt habe, als dieser Ende Februar aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Nichtsdestotrotz profiliert sich Tom Tajsich derzeit in der Korruptionsaffäre als eifriger Wolbergs-Unterstützer.

Wie dem auch sei: Die offen kommunizierte Verbindung Wolbergs-Tajsich nährte nunmehr den Argwohn der CSU in der Stadt. Sie griff den weit verbreiteten Unmut in der Bevölkerung über die Verkehrsbehinderungen am Challenge-Sonntag auf. Und sie stieß sich an den geringen Teilnehmerzahlen, die 2016 und vor allem 2017 weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Die CSU witterte in diesem Zusammenhang Geldverschwendung, weil die Challenge aus dem Stadtsäckel jährlich mit bis zu 270 000 Euro alimentiert wird. Zuletzt kritisierte sie auch vehement die Vertragsgestaltung zwischen der Stadt und Purendure. In einer Pressemitteilung vom Montag heißt es: „Für eine Triathlonveranstaltung durch die Firma Purendure GmbH & Co. KG gibt es nach der fristlosen Kündigung der Challenge-Dachmarke nach Ansicht der CSU-Stadtratsfraktion keine Grundlage mehr.“ Der Fraktionsvorsitzende Josef Zimmermann wird mit diesen Worten zitiert: „Unserer Meinung nach ist die Vertragsgrundlage weggefallen.“

Challenge Roth habe sich gemausert

Dass die Zahl der Starter weit unter den Erwartungen liegt, wird von Tom Tajsich nicht bestritten. Die Challenge sei für ihn und seine Frau bislang ein „teures Hobby: Mit 340 Finishern kann man dieses Rennen nicht finanzieren“. Tajsich verweist in diesem Zusammenhang allerdings auf durchweg begeisterte Teilnehmer sowie den Faktor Zeit. Die Challenge in Roth habe sich aus kleinen Anfängen zur Top-Veranstaltung gemausert.

Die Stadt Regensburg, die sich in den vergangenen Wochen demonstrativ hinter die Challenge gestellt hatte, wollte am Montag noch keine Stellungnahme abgeben. Der Vertragsinhalt werde vor dem Hintergrund der Entwicklung geprüft, sagte Sprecherin Juliane von Roenne-Styra. Dies könne einige Zeit in Anspruch nehmen. „Die Stadt muss dann zu einem juristisch fundierten Urteil kommen. Wann das ist, ist noch nicht klar.“ Der Auftrag sei an das Rechtsamt weitergegeben worden. Dem Vernehmen nach könnte tatsächlich die Grundlage für den Vertrag, den Purendure und die Stadt ursprünglich bis zum Jahr 2020 geschlossen hatten, entfallen – wenn wirklich die Marke Challenge wegfällt.

Zibi Szlufcik, der Geschäftsführer der „Challenge Family“, hält sich derzeit in Australien bei einem Meeting von Renndirektoren aus Asien und Ozeanien auf. Auf Anfrage unseres Medienhauses wollte er nicht auf Details der Trennung von Purendure eingehen, fügte allerdings mit Blick auf die ersten Reaktionen hinzu: „Ich will mich nicht auf dieses Niveau begeben.“ Es hätten sich in der Zusammenarbeit mit der Familie Tajsich „mehrere Dinge aufgestaut“.

Der 50-Jährige aus Freudenberg (Kreis Amberg-Sulzbach) sagte, er sei ein „begeisterter Regensburg-Fan“. Die Kündigung sei „äußerst schade für die Stadt“. „Was die Veranstaltung selbst angeht, war sie sehr schön. Aber das sind nur zwei von 365 Tagen im Jahr. An diesem Event hängt viel, viel mehr dran“, kommentierte Szlufcik die aus seiner Sicht offenkundig nicht immer reibungslose Zusammenarbeit mit Purendure und den Tajsichs.

Tom Tajsich hat die via Pressemitteilung verkündete Trennung „kalt erwischt“, wie er am Montag unserem Medienhaus sagte. In der Kooperation mit der „Challenge Family“ habe es „natürlich Misstöne“ gegeben. Tajsich nannte beispielsweise den finanziellen Aspekt: „Es kann nicht sein, dass wir bei der Veranstaltung jedes Mal privat Geld zuschießen müssen.“ Er sei nun in Kontakt mit seinem Rechtsbeistand und wolle die interne Prüfung der Stadt abwarten.

So weit die momentane Gemengelage. Ausgang offen. Wie bei jedem sportlichen Ereignis.

Lesen Sie hier: Challenge: Kein Jurist prüfte Vertrag

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