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Regensburg
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Sanierung

Wahlenstraße: Händler bangen um Kunden

Naturstein-Sitzmöbel, ein Wasserspiel, keine Bordsteine: Alles nur für das Ambiente? Kaufleute sehen den Umbau kritisch.
Von Micha Matthes, MZ

  • Die Wahlenstraße wird umgestaltet: Unter anderem soll dabei auf Höhe des Durchgangs zur Kramgasse ein Wasserspiel installiert werden. Foto: mt
  • Die Neugestaltung sieht ein „Wasserspiel“ in der Wahlenstraße vor – keine 20 Meter von dem Brunnen am Kohlenmarkt entfernt. „Die Gestaltung hat zum Ziel, sich bewusst gegenüber dem Brunnen am Kohlenmarkt zurückzunehmen, um eine Konkurrenz zu vermeiden“, heißt es in der Beschlussvorlage der Stadt. Foto: mt
  • Die Neugestaltung der Wahlenstraße soll sich an den Sanierungsbeispielen der umgebenden Straßen orientieren. Foto: mt

Regensburg.Weniger Parkplätze, eine Radverleihstation, ein Wasserspiel und neue Sitzgelegenheiten: Die Wahlenstraße in der Altstadt wird bis 2019 neu gestaltet. Dabei verschmelzen auch Gehweg und Fahrbahn zu einer ebenen Fläche aus Naturstein. Die Stadt erwartet sich dadurch eine höhere Aufenthaltsqualität. Anwohner und Geschäftsleute haben jedoch große Bedenken. Sie stehen der Baustelle – aber auch dem Gestaltungskonzept – skeptisch gegenüber. Vor allem den Wegfall der Bordsteine sehen die Kaufleute kritisch. Sie befürchten, dass ihre Geschäfte nicht mehr wahrgenommen werden, weil die Passanten dann in der Mitte der Straße gehen und die Schaufenster durch zu dicht neben den Gebäuden geparkte Autos verstellt werden. Die Innenstadt dürfe nicht zur Museumsstadt für Touristen – zum „Disneyland“ – verkommen. Die Stadt müsse auch darauf achten, das Geschäftsleben zu erhalten.

Ab dem Frühjahr 2018 sollen das schadhafte Kanalisationssystem und das Leitungsnetz in der Wahlenstraße saniert werden. Die Verwaltung will die Gelegenheit nutzen, um auch der Straße bis 2019 ein „zeitgemäßes Erscheinungsbild“ zu geben. Kanalsanierung und Straßenumgestaltung werden jeweils etwa eine Million Euro kosten. Am Dienstag beschließt der Ausschuss für Stadtplanung, Verkehr und Wohnungsfragen den Vorentwurf. Insbesondere das Separierungsprinzip – also die Trennung von Gehweg und Fahrbahn –, aber auch die Parkierung und die Möblierung seien überholt und führten gegenwärtig zu einem „starken Bruch in der Wahrnehmung des zentralen Stadtraums“, heißt es in der Beschlussvorlage.

Die Neugestaltung soll sich nun an den Sanierungsbeispielen der umgebenden Straßen orientieren. Die wichtigsten Punkte sollen eine niveaugleiche Straßenoberfläche von Hauskante zu Hauskante, eine warmtönige Pflasterung aus Naturstein und eine offene Entwässerungsrinne in der Mitte der Straße sein. Außerdem sieht die Planung Naturstein-Sitzbänke vor. Um das Gefälle im Mittelteil der Straße zu minimieren, wären laut der Beschlussvorlage Längsstufen an der Ost-Seite der Wahlenstraße denkbar.

Wenn Autos Schaufenster verstellen

Jacqueline Dusch steht der Neugestaltung „sehr skeptisch gegenüber“. Durch die Baustelle befürchtet sie große Probleme für ihr Blumengeschäft. Foto: mt

Jacqueline Dusch steht der Neugestaltung „sehr skeptisch gegenüber“. Durch die Baustelle befürchtet sie große Probleme für ihr Blumengeschäft. „Das wird sicher kein Spaß“, sagt sie. Nach der Neugestaltung werde die Straße zwar schöner aussehen – ob sie dadurch kundenfrequentierter wird, bezweifelt sie aber. Besonders der Wegfall der Gehsteige macht ihr Sorgen. Schon heute sehe man am Beispiel von Ludwig- und Goliathstraße, dass dieses Konzept zu „wirren Tumulten“ führe. „Radfahrer können nicht mehr durchfahren, Kinder rennen kreuz und quer, Autos parken zu dicht vor den Gebäuden“, sagt sie. „Ein Gehsteig bringt die Leute an die Fenster. Wenn Autos direkt vor den Schaufenstern parken, ist der Blick verstellt. Und wenn die Passanten künftig in der Mitte der Straße gehen können, schauen sie nicht mehr rein.“

Zu dicht neben den Gebäuden geparkte Fahrzeuge könnten den Blick auf Schaufenster verstellen, befürchten die Geschäftsleute. Foto: mt

Robert Berg, Inhaber eines Antiquariats, sieht die Sache ähnlich: „Wenn sie die Bürgersteige komplett wegnehmen, müssen sie sich schon was einfallen lassen, damit sie hier ein bisschen eine Regulierung haben“, sagt er. „Vielleicht wäre es da vernünftiger, lieber gleich auf die letzten zehn Stellplätze zu verzichten.“ Auf der anderen Seite brauche man die Autos in der Innenstadt. „Man muss Waren anliefern können und man kann auch nicht erwarten, dass alle Kunden nur noch auf Pendlerparkplätzen parken.“ Es dürfe der Stadt nicht nur um die Touristen gehen. „Die Altstadt ist kein Disneyland. Sie muss auch für Kunden aus dem Umland attraktiv bleiben.“

Bürger äußern Ihren Unmut

  • Im Mai und Juli

    hatte es bereits zwei Bürgerinfo-Veranstaltungen zur Neugestaltung der Wahlenstraße gegeben, bei denen die ersten Pläne vorgestellt wurden. Schon damals hatten mehrere Anwohner ihrer Skepsis Luft gemacht. Auf besonders viel Unmut stieß dabei die Tatsache, dass die Stadt Sitzgelegenheiten für einen „konsumfreien“ Aufenthalt errichten möchte. Schon jetzt zögen zu später Stunde immer wieder Feiernde durch die Straße, beklagten Bürger.

  • Die Anregungen

    seien in den Planungsprozess mit einbezogen worden, schreibt die Verwaltung jetzt in der Beschlussvorlage. Aufgrund der Länge der Bauzeit und der zu erwartenden Belastungen im Baustellenbereich komme dem Thema Kommunikation bei diesem Projekt eine bedeutende Rolle zu.

  • Auf die Info-Veranstaltung

    angesprochen, sagt die Inhaberin eines Geschäfts am Montag: „Wir haben das Gefühl gehabt, das ist eine reine Alibi-Veranstaltung und alles ist eigentlich schon in trockenen Tüchern. Die Stadt hat uns gesagt: Es gibt keine Umsatzeinbußen. Aber das ist Augenwischerei. Sie sollten lieber das Kind beim Namen nennen.“

  • Eine andere Geschäftsfrau

    hofft, dass die Bauabschnitte sinnvoll gestückelt werden und die Baufahrzeuge jeweils am Neupfarrplatz oder am Kohlenmarkt abgestellt werden. „Ich wünsche mir, dass so kommuniziert und gebaut wird, dass die Leute die Wahlenstraße trotzdem gut betreten können und dass wir Sonderaktionen – beispielsweise das Öffnen an einem Sonntag – leicht genehmigt bekommen“, sagt sie.

Auf den Vorwurf, sich nur auf ein Erscheinungsbild im Sinne einer Museumsstadt zu konzentrieren, entgegnet Planungsreferentin Christine Schimpfermann: „Das ist sicher nicht die Strategie, die wir in Regensburg fahren. Wir kümmern uns sehr stark um die Gewerbetreibenden und wollen sie in der Innenstadt halten.“ Eine Straße, die ansprechend aussieht, biete den Einzelhändlern eine gute Perspektive für die Zukunft. „Wir werden auch bei der Wahlenstraße unser bewährtes Kommunikationskonzept aus der Fußgängerzonensanierung einsetzen“, sagt Schimpfermann. „Es ist immer ein Ansprechpartner für die Geschäftsleute da.“ Wegen der Kunden müssten sich die Geschäftsleute keine Sorgen machen. „In anderen Straßen – etwa auch am Neupfarrplatz – können die Passanten schon heute mitten auf der Straße gehen und die Geschäfte sind trotzdem gut besucht.“ Es handle sich natürlich um eine Veränderung – etwas, mit dem man sich erst anfreunden müsse. „Aber von der Anmutung der Straße her wird es sicher eine Aufwertung“, verspricht Schimpfermann.

Momentan gibt es in der Straße 17 Stellplätze – aufgeteilt in Anwohnerparken (Westseite) und Lieferzonen (Ostseite). Die Lieferzone steht derzeit nachts und am Wochenende den Bewohnern als Stellplatzfläche zur Verfügung. In der Neuplanung sollen der Anliegerverkehr und das Anliegerparken in der verkehrsberuhigten Straße weiterhin zugelassen sein. „Ausstattungselemente wie Bänke, Fahrradabstellplätze und Freisitze werden so angeordnet, dass die Befahrbarkeit mit Kraftfahrzeugen im heutigen Umfang erhalten bleibt“, heißt es in der Beschlussvorlage. Der ruhende Verkehr soll aber reduziert werden. „Nach Abwägung der gegensätzlichen Wünsche bei den Anliegern“ werde es künftig zehn Bewohnerstellplätze geben.

Noch gibt es 17 Anwohnerparkplätze in der Wahlenstraße. Nach der Umgestaltung sollen es nur noch zehn sein. Foto: mt

„Ich freue mich nicht auf nächstes Jahr“, sagt Elisabeth Eger, Inhaberin eines Feinkostgeschäfts. Sie ist überzeugt: Durch die Baustelle werden Kunden ausbleiben. Eger sieht in der Neugestaltung auch keine Garantie dafür, dass sich Kunden künftig in der Wahlenstraße wohler fühlen. „Ältere Leute sind oft sogar froh über einen Gehsteig.“ Sie hofft nun, dass der Umbau zügig abläuft. Allerdings hätten Archäologen bereits die Hoffnung geäußert, im Untergrund Überreste einer Römermauer zu finden, was die Baumaßnahme verzögern könnte.

Zita Knöll arbeitet in einem Modegeschäft. „Wir hatten erst eine dreitägige Baustelle und das haben wir schon deutlich gespürt“, sagt sie. Foto: mt

Zita Knöll arbeitet in einem Modegeschäft. „Wir hatten erst eine dreitägige Baustelle und das haben wir schon deutlich gespürt“, sagt sie. „Eineinhalb Jahre Baustelle: Das wird sicher hart für die Läden in der Wahlenstraße. Dreck und Lärm verursachen ein unangenehmes Gefühl bei den Kunden. Sie gehen dann lieber andere Wege.“ Knoll freut sich aber auf die neuen Bänke und hofft auch, dass zusätzliche Mülleimer aufgestellt werden.

Wasserspiel und Radverleih

Wie auch an anderen Orten in der Altstadt wollen die Stadtplaner in der Wahlenstraße ein „Wasserspiel“ im Bereich der Einmündung der Kramgasse installieren – keine 20 Meter von dem Brunnen am Kohlenmarkt entfernt. „Die Gestaltung hat zum Ziel, sich bewusst gegenüber dem Brunnen am Kohlenmarkt zurückzunehmen, um eine Konkurrenz zu vermeiden“, heißt es in der Beschlussvorlage.

Die Wahlenstraße wird umgestaltet: Unter anderem soll dabei auf Höhe des Durchgangs zur Kramgasse ein Wasserspiel installiert werden. Foto: mt

Ungefähr auf Höhe des Durchgangs zur Tändlergasse soll außerdem ein Standort für Leihfahrräder eingerichtet werden. Der Standortwahl sei „eine übergeordnete, altstadtübergreifende Untersuchung“ und sorgfältige Abwägung vorangegangen, heißt es in der Beschlussvorlage. „Mit Blick auf den hohen stadträumlichen und denkmalpflegerischen Stellenwert des Straßenraumes“ soll die Station nicht in der Mitte, sondern am nördlichen Eingang der Wahlenstraße positioniert werden.

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