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Regensburg
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Technik

Winterzeit mit Muskelkraft einstellen

Zwei Turmuhren in Regensburg werden noch mechanisch betrieben. Zwei Neuntklässler und ein Mesner sorgen für perfekten Takt.
Von Kathrin Robinson, MZ

  • Das wunderschöne Uhrwerk der Turmuhr im Prüfeninger Schloss stammt aus der Zeit um 1900. Foto: Lex
  • Die Turmuhr von St. Anton mutet von außen modern an. Doch im Inneren des Turms arbeitet ein mechanisches Uhrwerk. Lange Zeigerleitungen führen von ihm nach oben in ein Umlenkgetriebe und zu den Zeigern auf allen Seiten des Kirchturms.

Regensburg.Das Schmuckstück ist etwas versteckt. Sebastian Rose (15) und Paul Clausen (14) müssen erst über die Treppe in den dritten Stock, durch den Kunstraum, von wo aus man durch eine Tür in den Dachboden gelangt. Von dort aus geht es einen langen Gang entlang, links eine Wand, rechts der Dachstuhl, ein paar Mal muss man über Rohre und Kabel steigen, anschließend biegt man ums Eck – und dann steht es da, wie aus der Zeit gefallen. Geschützt hinter einem Glasschrank befindet sich das alte Uhrwerk, grün lackiert, mit Kurbeln und mit Zahnrädern, die ineinander greifen. Das Pendel schwingt im Hintergrund, es macht leise tack, tack, tack ...

So steht es hier seit einer gefühlten Ewigkeit und gibt der Turmuhr des Prüfeninger Schlosses den Takt vor. Alt ist die Uhr, um 1900 wurde sie gebaut. Goldenene Lettern verraten wo: in der Regensburger Turmuhrenfabrik Strobl. Seit die Montessorischule 2002 in das Schloss gezogen ist, kümmern sich Schüler um die Uhr, schließlich habe sie, so sagt Schulleiter Heribert Weinmann, „historischen Wert“. Tatsächlich ist sie eine von nur zwei Turmuhren in Regensburg, die noch mechanisch betrieben werden.

Schüler der Montessorischule kümmern sich um die Uhr. Paul (l.) und Sebastian (r.) machen dies bereits seit zwei Jahren. Ein ehemaliger Schüler half sogar bei der Restauration der Uhr im Rahmen eines Praktikums bei Turmuhren Rauscher. Foto: Lex

Zweimal in der Woche kommen Sebastian und Paul auf den Dachboden und ziehen „ihre“ alte Uhr auf – ansonsten würde die Zeit am Prüfeninger Schloss stillstehen. Sie ziehen über die Kurbeln drei kleine Gewichte nach oben. „Bis die rote Markierung einen bestimmten Punkt erreicht“, erklärt Sebastian. Wenn die Gewichte langsam nach unten wandern, setzen sie jeweils verschiedene Funktionen in Gang. Ein Gewicht treibt den Mechanismus für das Viertelstundenschlagwerk an und eines den Mechanismus für das Stundenschlagwerk.

„Der Viertelstundenschlag hat bei unserer Turmuhr einen hellen, der Stundenschlag einen dunklen Ton“, erläutert Paul. Das dritte Gewicht ist für das sogenannte Gehwerk zuständig, das die Zeiger der Uhr antreibt. Bei der Prüfeninger Schlossuhr ist das Uhrwerk mehr als zehn Meter vom Zifferblatt und den Zeigern entfernt. Sie sind über Zeigerleitungen miteinander verbunden.

Faszination für alte Technik

Das wunderschöne Uhrwerk der Turmuhr im Prüfeninger Schloss stammt aus der Zeit um 1900. Foto: Lex

Sebastian und Paul fasziniert die Technik der Uhr. Seit zwei Jahren verrichten die beiden Neuntklässler den „Uhrendienst“ bereits – nur mit einer Unterbrechung. Weil sich ein Marder im Dachstuhl des Schlosses eingenistet und diesen stark verschmutzt hatte, konnten sie mehrere Wochen lang nicht hinauf. Doch ohne Zweifel sind sie längst Nachwuchsprofis in Sachen alte Turmuhr. Sie wissen, was zu tun ist, wenn sie doch mal stehenbleibt, etwa weil die Schule während der Ferien geschlossen war. „Dann muss man nicht nur die Gewichte hochziehen, sondern auch das Pendel wieder anstoßen“, sagt Sebastian. Und das ist gar nicht so einfach. Denn die Pendelbewegung ist bestimmend für die Ganggenauigkeit der Uhr. „Je leichter man das Pendel anstößt, umso langsamer ist die Sekunde“, erklärt Paul. „Es ist ganz schön schwer, da den richtigen Rhythmus zu finden.“ Die beiden Freunde synchronisieren den Pendelschlag mit der Sekundenanzeige ihrer Handys. „Das funktioniert gut.“

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Auch für die Zeitumstellung muss man bei der alten Turmuhr noch Hand anlegen. „Im Herbst muss man die Uhren eine Stunde zurückdrehen. Aber diese Uhr kann man nicht zurückstellen“, sagt Sebastian. Deshalb müssen er und Paul die Uhr elf Stunden nach vorne drehen.

Damit die beiden mechanischen Turmuhren in Regensburg weiterhin wie geschmiert laufen, werden sie einmal im Jahr gewartet. So genau wie Funkuhren sind mechanische Uhren zwar nicht. Aber die Abweichungen sind nur minimal. Foto: Lex

Zum Glück müssen sie dafür aber nicht eigens in der Nacht von Samstag auf Sonntag aus den Federn. „Es reicht, wenn das am Montag geschieht“, schmunzelt Michael Ledermann, der als Lehrer für die Uhr zuständig und Ansprechpartner für die Schüler ist. „Von der Turmuhr ist niemand abhängig. Die Schule orientiert sich nicht nach ihr, schon allein, weil sie nicht im ganzen Gebäude zu hören ist.“ Dennoch zeigt er Schülern regelmäßig die alte Uhr, um Interesse und Faszination für die alte Technik zu wecken.

„Ein altes Uhrwerk hat schon was“

Mesner Herbert Dirrigl hält bei der Zeitumstellung von Samstag auf Sonntag das Pendel an, wartet eine Stunde und schiebt dann das Pendel wieder an. Foto: Lex

Andernorts in Regensburg ist es dann doch nicht ganz so einfach. Herbert Dirrigl ist Mesner in der Kirche St. Anton. Als solcher ist er auch für die zweite Turmuhr in Regensburg zuständig, die noch mechanisch betrieben wird. 26 Stufen führen den Turm hinauf in ein Stockwerk, in dem das Uhrwerk steht. Hinter Glasscheiben sieht man es, blau lackiert und um einiges größer als die Uhr im Schloss Prüfening. Der technische Aufbau hingegen ist ähnlich – kein Wunder, die Uhr stammt aus derselben Manufaktur und ist ebenfalls um 1900 entstanden. Weil der Blick zur Kirchturmuhr so manchem noch immer Orientierung bietet, kann Dirrigl nicht bis Montag warten, um die Uhr auf die Winterzeit umzustellen.

Offiziell werden die Uhren in der Nacht auf Sonntag um 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgedreht. „Ich komm’ ein bisschen früher rauf“, gesteht Dirrigl. Dann schaut der Mesner auf seine Armbanduhr und hält das Pendel an. Anschließend heißt es erstmal warten und sich die Zeit vertreiben, bis er mit Blick auf die Armbanduhr genau eine Stunde später das Pendel wieder anschiebt. „Die Uhr geht dann wieder ganz von alleine weiter.“ Im Frühjahr funktioniere die Zeitumstellung ein bisschen anders. „Dann muss ich an einer Kurbel drehen.“

Das wunderschöne Uhrwerk der Turmuhr im Prüfeninger Schloss stammt aus der Zeit um 1900. Foto: Lex

Anders als seine jungen Kollegen in Prüfening muss Dirrigl die Turmuhr in St. Anton allerdings nicht mehr regelmäßig aufziehen. Die Aufzugsgewichte werden mittlerweile elektronisch gesteuert. Seit 15 Jahren achtet der Regensburger darauf, dass die Turmuhr von St. Anton richtig geht – seit er Mesner ist. Ein Faible für alte Uhren hat er eigentlich nicht. „Ich bin ja zu der Uhr gekommen, wie die Jungfrau zum Kind“, sagt er. Aber ein bisschen stolz auf die Turmuhr ist er trotzdem. Im Gegensatz zu den Funkuhren sei die Uhr doch etwas Besonderes. „So ein altes Uhrwerk hat schon was.“

Er blickt auf seine Armbanduhr. „Die Turmuhr geht 15 Sekunden vor“, sagt er und fügt hinzu: „Die Abweichungen sind zu einem gewissen Grad auch temperaturabhängig.“ Tatsächlich laufen mechanische Uhren im Winter etwas schneller als im Sommer. „Das liegt an dem Holzstück, an dem die Pendel hängen. Weil Holz temperaturempfindlich ist, dehnt es sich im Sommer aus. Das Pendel wird länger, der Pendelgang dadurch langsamer“, erklärt Christine Rauscher von der Turmuhrenfabrik Rauscher in Regensburg, die die beiden verbliebenen mechanischen Turmuhren in der Domstadt einmal im Jahr wartet, reinigt und schmiert. „Aber das bewegt sich wirklich im minimalsten Bereich“, betont sie.

Die Turmuhr von Schloss Prüfening ist um 1900 konstruiert worden. Das Uhrwerk, das die Zeiger und die Schlagwerke der Uhr antreibt, steht mehr als zehn Meter entfernt vom abgebildeten Zifferblatt im Dachboden des Schlosses. Foto: Lex

Dennoch: Fast überall wurden mechanische Turmuhrenwerke mittlerweile durch Funkuhren ersetzt. Die alten Uhrwerke wurden teils verkauft, sind heute Ausstellungsstücke in Museen oder stehen vielerorts ungenutzt und vergessen in Kirchtürmen herum. In Regensburg dürfen zwei dieser mechanischen Meisterwerke weiterticken. Weder im Schloss Prüfening noch in St. Anton kann man sich erinnern, dass die Uhren je kaputt gewesen seien. Sie laufen geschmiert wie ein Uhrwerk und machen weiter leise tack, tack, tack ...

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Mechanische Turmuhren in Regensburg

  • Die Turmuhr von Schloss Prüfening

    ist um 1900 konstruiert worden. Das Uhrwerk, das die Zeiger und die Schlagwerke der Uhr antreibt, steht mehr als zehn Meter entfernt vom abgebildeten Zifferblatt im Dachboden des Schlosses.

  • Schüler der Montessorischule

    kümmern sich um die Uhr. Paul (l.) und Sebastian (r.) machen dies bereits seit zwei Jahren. Ein ehemaliger Schüler half sogar bei der Restauration der Uhr im Rahmen eines Praktikums bei Turmuhren Rauscher.

  • Die Turmuhr von St. Anton

    mutet von außen modern an. Doch im Inneren des Turms arbeitet ein mechanisches Uhrwerk. Lange Zeigerleitungen führen von ihm nach oben in ein Umlenkgetriebe und zu den Zeigern auf allen Seiten des Kirchturms.

  • Damit die beiden mechanischen Turmuhren

    in Regensburg weiterhin wie geschmiert laufen, werden sie einmal im Jahr gewartet. So genau wie Funkuhren sind mechanische Uhren zwar nicht. Aber die Abweichungen sind nur minimal.

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