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Regensburg
Montag, 18. Dezember 2017 3

Umwelt

1700-mal Protest von Naturschützern

Ein Biotop am Gelände der früheren Zuckerfabrik Regensburg soll bebaut werden. OB Wolbergs bietet ein Umweltforum an.
Von Heinz Klein, MZ

  • In den Schlämmteichen nördlich der Kremser Straße bleibt vorerst alles beim Alten. Manche Teichkassetten bieten noch offene Wasserflächen, andere verlanden zunehmend. Foto: Klein
  • In den verlandeten Teichkassetten 11 und 12 wurde vergangene Woche gerodet. Hier soll bereits Ende des Jahres eine große Industriehalle stehen. Foto: Bund Naturschutz

Regensburg.„Nachtigall, ick hör dir trapsen“, sagen die Berliner, wenn was im Busch ist. Nun ist in den Büschen an den Schlämmteichen der ehemaligen Zuckerfabrik in Regensburgs „nahem Osten“ tatsächlich die Nachtigall zu Hause und der Bund Naturschutz (BN) hört sie trapsen. Scheibchenweise werde hier ein einmaliges Vogelparadies zerstört, klagten BN und Landesbund für Vogelschutz (LBV) und starteten eine Petition, die inzwischen 1700 Bürger unterzeichnet haben – doppelt so viele wie bei der Petition zur Schillerwiese.

Die ersten beiden der zunehmend verlandenden Schlämmteiche zwischen der Autobahn A 3 und der Straubinger Straße sind bereits mit einer großen Industriehalle bebaut, auf den nächsten beiden Teichkassetten soll bis Ende des Jahres die nächste Halle stehen. Die Stadt hat einem Bauantrag auf Rodung und Verfüllung von rund 22 000 Quadratmeter Eingriffsfläche stattgegeben. Am Montag musste der Harvester mit dem Roden der Büsche und Hecken fertig sein, denn ab 1. März verbietet der Vogelschutz weiteres Holzen in der beginnenden Brutzeit.

Umweltforum tagt zweimal im Jahr

Am Montag trafen sich nun auch die Stadtspitze und Vertreter von BN und LBV. Die Naturschützzer befürchten, dass die Stadt in Salamitaktik mit Einzelbaugenehmigungen nach und nach die Schlämmteiche in ein großes Gewerbegebiet verwandelt und fordern eine großräumige Bauleitplanung, bei der Vertreter der öffentlichen Belange mitreden. „Es war ein reinigendes Gewitter und danach ein konstruktives Gespräch“, sagte Raimund Schoberer, der Vorsitzende der Kreisgruppe des Bund Naturschutz. Ähnlich sah es Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, der folgende Resultate des Treffens nannte. Es werde nach dem Bau der zweiten Halle keine weiteren Einzelbaugenehmigungen mehr geben, bis im Rahmen einer Bauleitplanung ein Konzept zur weiteren Nutzung des Areals vorliege. Gespräche dazu unter Einbeziehung der Naturschutzverbände werde die Leiterin des Stadtplanungsamt, Ute Hick-Weber, organisieren. Diese Gespräche sollen ergebnisoffen geführt werden. Zudem will Wolbergs im Rahmen eines Umweltforums zweimal jährlich die Umweltverbände zu einem Treffen einladen, bei dem über umweltrelevante Themen gesprochen werden soll. Und ganz prinzipiell gab der OB die Order aus, dass sich Regensburg weiter entwickeln müsse – unter Berücksichtigung ökonomischer und ökologischer Interessen. „Wachstum unter gleichzeitiger Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen“ heißt die Devise.

Industriehallen in Blaukehlchens guter Stube

Als vorgezogene Ausgleichsmaßnahme wurde eine der Teichkassetten wieder mit wasser geflutet. Foto. Klein

Das kann naturgemäß zu Interessenskonflikten führen. Und einer dieser Konflikte ist das Areal der Schlämmteiche. Blaukehlchen, Flussregenpfeifer, Waldwasserläufer und eine Hundertschaft anderer, teils bedrohter Vogelarten sind hier zu Hause, wie eine artenschutzrechtliche Prüfung, die Immobilienentwickler Ferdinand Schmack in Auftrag gab, zutage förderte. Deshalb spricht der BN von einem Vogelparadies und einem „ökologischen Hotspot“. Das Areal ist aber auch ein ökonomischer Hotspot. „Es ist die letzte Chance, ein großes zusammenhängendes Gewerbegebiet im Osten der Stadt zu realisieren“, sagte Ferdinand Schmack gegenüber unserer Zeitung. Auf den Flächen nahe BMW, Osram, Starkstrom und Continental sollen sich Firmen mit bis zu 1000 Arbeitsplätzen ansiedeln.

Allerdings wurden vor der Erteilung der Genehmigung zur Rodung und Auffüllung der zwei Schlämmteiche südlich der Kremser Straße bereits vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen zum Artenschutz realisiert, die Rudolf Gruber, der Leiter des Umweltamts, skizziert. Da mangels fehlendem Wassernachschub – die Zuckerfabrik pumpte in Zeiten der Kampagne täglich bis zu 40 000 Kubikmeter mit Rübenschlamm versetztem Donauwasser in die Schlämmteiche – ein Teil der Teiche bereits trockengefallen und verlandet ist, wird nun in zwei Teichkassetten (Nummer 15 und 16) durch Hinzupumpen von Regenwasser ein konstanter Wasserpegel geschaffen. Ferner wurden nährstoffreiche Bodenschichten teilweise abgetragen und ein Teil der Hecken und Sträucher gerodet, wobei der Holzschnitt am Ufer belassen wurde. Hier sollen Röhrichte, Feuchthochstaudenfluren und Sumpfgebüsch entstehen. Diese vorgezogene artenschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahme erfolgte bereits Ende 2015, um nun mit einem Hallenbau bestehende Biotope vernichten zu dürfen. Laut einem von der Firma Schmack in Auftrag gegebenem artenschutzrechtlichem Gutachten sollen ferner zwei Intensivackerflächen am Aubach und bei Moosham in artenreiches Extensivgrünland umgewandelt werden und für Offenland- und Sumpfbrüter Entwicklungsräume bieten.

„Straßenbankett als Ausgleichsflächen“

Die Kritik von BN und LBV entzündete sich an der bisherigen Konzeption zur Entwicklung der Flächen zwischen Autobahn und Straubinger Straße. Hier sollen als ein Teil des Ausgleich zur Versiegelung der Feuchtbiotope landwirtschaftliche Intensivflächen zu extensiven Grünflächen umgebaut werden. Diese bisher geplanten Ausgleichsflächen sind schmale Streifen entlang der noch zu bauenden neuen Straßen, die das künftige Industriegebiet erschließen sollen. „„Straßenbankett als Ausgleichsfläche“, grummelte BN-Vorsitzender Raimund Schoberer.

Kommentar

Fleckerlheimat

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