mz_logo

Regensburg
Freitag, 24. März 2017 15° 3

Armut

Arm, aber engagiert und einfallsreich

Das Studenten-Projekt „Armut in Regensburg“ deckt auf: Viele Bedürftige versuchen sich selbst zu helfen, aber der Bürger-Einsatz ist unerlässlich.
von Susanne Scheffer, MZ

Der Strohhalm in der Keplerstraße 18 gibt jeden Tag warmes Essen und Kleidung gegen einen geringen Obolus aus. Foto: Scheffer

Regensburg. Regensburg ist eine reiche Stadt: Viele Touristen lassen tagtäglich ihr Geld hier, die Politik investiert in Stadtbau und Verschönerung und die Mieten nähern sich seit Jahren dem Münchner Luxusniveau an. Dabei ist auch die Armut allgegenwärtig. Nun will eine Studentengruppe der Universität Regensburg endlich darauf aufmerksam machen und ihre Projekte zum Thema Armut in Regensburg der Öffentlichkeit präsentieren.

Die Studenten der Vergleichenden Kulturwissenschaft haben dabei nicht nur untersucht, inwiefern Armut in Regensburg überhaupt auftritt, sondern auch, wie Betroffene damit umgehen und ihr Leben trotz fehlender finanzieller Mittel strukturieren. Stephanie Bilgram und Ramona Sußbauer haben daran teilgenommen und wollen ihre überraschenden und durchaus auch positiven Erfahrungen demnächst in einem eigenen Artikel veröffentlichen.

Das Seminar „Armutspraktiken der Bewältigung“ habe sie zunächst dafür sensibilisiert, sagt Bilgram, dass es verschiedene Arten von Armut gebe. Wer sofort an den Bettler auf der Straße oder den nur dürftig gekleideten Obdachlosen im Stadtpark denke, verbinde das mit einer finanziellen Notlage, also der ökonomischen Armut. Es gebe aber auch alleinerziehende Mütter oder Menschen, die sozial vereinsamen und damit „verarmen“.

Piet hat viele Freunde

Nur wenige dieser Menschen gehen betteln. Viele unternehmen respektable Anstrengungen, um sich dennoch ein lohnenswertes Leben zu finanzieren. So wie Piet. Piet wandert auch heute Morgen in der Altstadt von Regensburg herum, wie jeden Tag. Er ist gut gelaunt, wedelt mit einer Zeitung, und wenn jemand dankend ablehnt, grüßt er dennoch freundlich und bedankt sich. Auch wenn ihm der vorbeieilende Passant damit wieder kein Geld gebracht hat, verliert er nicht den Mut. Piet ist obdachlos, und seine Zeitung, die er für wenig Geld unter die Menschen bringen will, ist der Donaustrudl. Für das Sozialmagazin schreibt er auch mal eigene Artikel, aber meistens verkauft er ihn an einer Straßenecke der Galeria Kaufhof.

Die Studentinnen Bilgram und Sußbauer haben Piet für ihr Uni-Projekt oft getroffen und seinen Alltag begleitet. Sie zeigen sich beeindruckt von seinem freundlichen Wesen und seinem Lebensmut. „Der liebt die Freiheit“, erzählt Bilgram, „und er ist wahnsinnig engagiert. Er arbeitet oft für seine Kirchgemeinde und hat dort auch viele Freunde.“ Seine zahlreichen sozialen Kontakte könne Piet nutzen, um sich jederzeit Hilfe zu holen. Freunde bieten ihm auch dann und wann Unterschlupf an. Ab dem 1. September soll es aber mit der Obdachlosigkeit vorbei sein, dann darf der 48-Jährige eine Sozialwohnung beziehen.

Damit ist er tatsächlich noch besser gestellt als viele andere Obdachlose, die in einem Heim am Stadtrand untergebracht sind. Das Problem, sagt Bilgram, sei nicht nur die unzureichende Unterbringung der Obdachlosen. Es sei vor allem das Abdrängen dieser sozialen Schicht an den Rand der Stadt, um das Gesamterscheinungsbild nicht zu stören. Anstatt die Menschen zu integrieren, werden sie in den Hintergrund gedrängt. Das Geld für ein Busticket bringt zudem kaum einer der Bewohner auf und muss somit einen langen Fußweg in die Stadt bestreiten.

Dabei haben die Studenten der Uni Regensburg in ihrem Kurs auch erfahren, wieviele Menschen sich in der Stadt für die Belange von Obdachlosen einsetzen. Sozialarbeiter, Ehrenämtler von Donaustrudl und der Begegnungsstätte Strohhalm sowie Aktive des Transition-Vereins waren da, um von ihren täglichen Erfahrungen und Hilfsaktionen zu berichten.

Strohhalm ist erste Anlaufstelle

Der Strohhalm am Fischmarkt, der sich im Herzen der Altstadt angesiedelt hat, ist eine Art Mahnmal der Armut. „Nicht mehr frieren, nicht mehr hungern, nicht mehr schmutzig sein“ lauten die drei Säulen der Einrichtung. Durch ehrenamtliche Mitarbeiter und Regensburger Firmen, die Geld und Nahrungsmittel spenden, können hier viele Bedürftige für ein sehr geringes Entgelt unterstützt werden. Doch auch jeder einzelne Bürger kann aktiv werden und seine ärmeren Mitbürger unterstützen. Darauf versucht Transition Regensburg mit der Aktion „Pfand gehört daneben!“ aufmerksam zu machen. Sticker mit diesem Spruch finden sich auf vielen Abfalleimern in Regensburg, um Flaschensammlern so die Suche nach PET-Flaschen und Dosen im Müll zu ersparen.

Der Obdachlose Piet hingegen ist durchaus kreativ bei der Beschaffung seines geringen Lohnes. Neben dem Verkauf des Donaustrudls malt er auch Postkarten und Bilder von Regensburg und verkauft diese. Bald sollen bedruckte T-Shirts folgen, die er selber entworfen hat. An den Produktionskosten beteiligt sich ein Freund von ihm – Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht