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Jahntribüne

„Auf dem Fresko ist mein Vater“

Während Restauratoren das Gründerväter-Deckengemälde sichern, erlebt Elisabeth Schrems beim Zeitunglesen eine Sensation.
Von Helmut Wanner, MZ

„Mal wieder etwas Besonderes“: Restauratoren vor dem Wandgemälde mit den Gründervätern. Georg Zeller ist der entspannte Herr rechts außen. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Restaurator Rudolf Rappenegger stand auf dem fahrbaren Gerüst in der Jahntribüne und sinnierte, „wer denn wohl der Mann rechts außen ist, der so total entspannt am Tisch der Jahn-Gründerväter sitzt…“

„1930/1932 erwarb sich Zeller große Verdienste beim Bau der Tribüne des Jahnstadions. Man könnte es ebenso gut Zeller-Stadion nennen.“

Zeitungsbericht 1959

Das Rätsel ist gelöst. Elisabeth Schrems (91) schlug die Zeitung auf und entdeckte auf dem Foto vom freigelegten Wandgemälde zweifelsfrei ihren verstorbenen Vater wieder, den Stadion-Erbauer Georg Zeller.

400 Meter zum Jahnstadion

Die Beweise liegen in einer Villa an der Prüfeninger Straße, kaum 400 Meter vom Stadion, das gerade abgerissen wird. Die rüstige alte Dame empfängt in einem Biedermeier-Zimmer mit fast deckenhohem Porzellan-Kachelofen, ihre rechte Hand ist auf einen Stock mit Silberknauf gestützt. An den hohen Wänden hängen ringsum gerahmte Drucke aus alten Pflanzenbüchern. Elisabeth Schrems erklärt, warum sie hier wohnt: „Das Haus gehörte einmal dem fürstlichen Domänendirektor. Mein Vater hat es gekauft.“

Der Blick geht in einen alt eingewachsenen Garten. Diesen Anblick schätzte nach dem Krieg auch der Town-Manager von Regensburg, Lt. Col. Wayland Rhoads. „Er liebte deutsche Volkslieder, die Königskinder, den Lindenbaum, im schönen Wiesengrunde und am Ende sang er mit meinem Vater bei geöffnetem Fenster aus voller Kehle die Wacht am Rhein. Trotz Polizeistunde.“

Schleierträgerin für Jakobs Braut

Auf den runden Tisch mit blauer Decke hat sie ein kiloschweres Album gepackt. In den Ledereinband ist graviert: „Meine Familie.“ Die ehemalige Sonderschullehrerin hat es vor Jahren angelegt. Die Schrift ist schön, beinahe kalligraphisch. „Für meine Enkel,“ sagt sie. Die alte Dame erwähnt mit einem spitzbübischen Lächeln, dass sie als „Ilschen Zeller“ bei der Hochzeit von Torhüter-Legende, Nationalkeeper Hans Jakob (1908 bis 1994), seiner Braut den Schleier gehalten habe. Sie sei zwar auf den Namen Elisabeth getauft, „aber alle nannten mich Ilse“.

Fasching in der Jahntribüne: Elisabeth „Ilse“ Schrems zeigt MZ-Autor Helmut Wanner Beweisstücke Foto: altrofoto.de

Sie zeigt auf ein Faschings-Foto, das zeigt sie, das „Zeller Ilschen“, als Wäschermädchen vor der Jahntribüne. Frühe Kindheitserinnerungen knüpfen sich an den SSV Jahn Regensburg. „Ich mochte keinen Spinat. Mein Vater wollte ihn mir schmackhaft machen, indem er den Teller wie das Jahnstadion gestaltete, mit echten Toren. Auf den Anstoßpunkt legte er eine Kartoffel.“ Der SSV Jahn war für Georg Zeller einfach alles. Der BayWa-Direktor habe sogar einen Karrieresprung nach München abgelehnt. „Dann kann ich ja nicht mehr zum Jahn und in den Dom. Mein Vater liebte die Rothosen und die Domspatzen.“

Die Gründerväter. Rechts sitzt ganz entspannt Georg Zeller. Foto: Rehbach

Jahrzehntelang setzte sich der am 1. April 1885 Geborene für den Regensburger Sport ein, als langjähriger geschäftsführender Vorstand und Leiter der Abteilung Stadionbau des SSV Jahn. Als einer der bekanntesten Männer der Stadt versäumte er kein Heimspiel seiner Rothosen. Die Zeitung nannte ihn einen Sport-Pionier. Im Heimatblatt wird er als der eigentliche Erbauer des Stadions bezeichnet. 1959 war in der Rubrik „Porträt des Tages“ zu lesen: „1930/1932 erwarb sich Zeller große Verdienste beim Bau der Tribüne des Jahnstadions. Man könnte es ebenso gut Zeller-Stadion nennen.“

Wie war dieser Zeller? Seine Tochter sagt: „Aus dem Haus ging er nur mit Stock, Mantel und Hut. Er hielt höfliche Distanz.“ Von seinem Büro in der Drei-Kronen-Gasse 2 dirigierte der in Freystadt Geborene 70 Lagerhäuser mit insgesamt 2500 Mitarbeitern in der Oberpfalz und Niederbayern.

Über den heute weitgehend vergessenen bayerischen Bauernführer, Georg Heim („Bauerndoktor“), war er 1919 in die 1901 gegründete genossenschaftliche Warenzentrale des Bayerischen Bauernverbandes (Gewa) eingetreten. Sie wurde 1933 zerschlagen und 1934 in BayWa umbenannt. 1955 wurde Zeller Direktor der Regensburger BayWa-Filiale. 1930/1932 war er der Ideengeber und die Triebfeder des Jahntribünen-Bauvereins.

Haas, Zeller, Braun (stehend von li.) und Hornauer und Stumpf auf einem Foto von 1927. Es zeigt einen Teil der Führungsriege des damaligen Sportbund Jahn. Foto: Jahn-Archiv

„Er war es auch“, so ist in dem Bericht aus dem Jahr 1959 zu lesen, „der sich Zweiten Weltkrieg tatkräftig für den Wiederaufbau des Vereins und seiner Sportanlagen einsetzte. In seiner Zeit erlebte die Jahnelf nach dem Krieg ihre schönsten sportlichen Erfolge.“ 30 000 Zuschauer sahen am 5. Februar 1950 beim Oberliga-Heimspiel einen 4:3-Sieg des Jahn gegen die SpVgg Fürth. Jeder dritte Regensburger fand damals den Weg ins Jahn-Stadion an die Prüfeninger Straße.

Ruhm verblasst, die Namen wären vergessen, wären jetzt nicht bei den Abbrucharbeiten des Jahnstadions die Fresken aufgetaucht. „Mal wieder etwas Besonderes“, freute sich Restaurator Rudolf Rappenegger. Zwei Deckengemälde (Gründerväter und Baumeister) wurden geborgen und in der Werkstätte in der Obermünsterstraße eingelagert.

Sieben Deckengemälde geborgen

Nach einem Besuch Klemens Ungers auf der Baustelle erhielt Rappenegger den Auftrag zur Bergung von fünf weiteren Gemälden mit Sportszenen. Der Kulturreferent erkannte sofort den Wert der Deckengemälde und startete die Notaktion Fresken-Sicherung. Gegenüber unserem Medienhaus begründete er den Einsatz: „Ich bin ein Verehrer der Wissner-Kunst. Die Bilder sind nicht nur ein Stück Malerei, sie sind auch ein Stück Regensburger Kulturgeschichte.“

Die Frage, was aus den Fresken wird, kann Unger noch nicht beantworten. Er verweist auf den Verwaltungsweg. „Es müssen nun die Kosten für die Restaurierung ermittelt werden. Bislang ist hier im Haushalt kein Geld vorhanden.“ Ob die Wandmalereien demnächst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, womöglich in der Schule am Jahnplatz? Darüber entscheidet auch die Diskussion im Arbeitskreis Kunst am Bau.

Inzwischen ist die Bergung abgeschlossen. Langsam lüften die Gründerväter ihr Incognito. Jetzt weiß man schon mal, wer in der Runde der Gründerväter des Jahn der legere Mann rechts außen ist.

Der Motor des Bauvereins

  • Seit Mitte

    der Zwanzigerjahre war der Sportbund Jahn Ostbayerns führender Sportverein.

  • 1927 wurde

    ein dreizehnköpfiger Vorstand gebildet. Georg Zeller erwies sich darin als Motor und Ideengeber, er ist für den Bau der der Tribüne im Jahre 1931 hauptverantwortlich.

  • Dadurch wurde

    aus dem Jahnplatz an der Prüfeninger Straße ein richtiges Stadion.

  • Seit 1926

    hatte der Jahn Regensburg dort seine Spiele ausgetragen. Die vorhergehenden Spielstätten der Rot-Weißen waren der Stadtpark, der Sportplatz an der Dechbettener Straße, der Obere Wöhrd und der TV-Platz an der Oberrealschule.

  • Als die Tribüne

    am 6. September 1931 eingeweiht wurde, waren Fürst Albert und seine Gemahlin k.u. k. Hohheit Margarete von Thurn und Taxis die Ehrengäste.

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