mz_logo

Regensburg
Dienstag, 23. Mai 2017 25° 3

Jahrestag

Autismus: Diagnose war Befreiung

Christoph Kainz aus Regensburg hat das Asperger-Syndrom. Er lebt selbstständig, der Alltag fällt ihm dennoch oft schwer.
Von Katharina Eichinger, MZ

Christoph Kainz kennt seine Diagnose, seit er 16 Jahre alt ist. Bei vielen wird der Asperger-Autismus nie diagnostiziert. /DemlFotos: Eichinger

Regensburg.Christoph Kainz springt auf den Boden. In Liegestützposition überkreuzt er seine Beine. Dann kommt er wieder auf die Beine und macht Walzerschritte. „Breakdance!“, ruft ein Mann. Kainz lacht. „Richtig“, ruft er. Er spielt mit acht weiteren Teilnehmern des Asperger Stammtischs Pantomime. Später zeigt er noch „Eishockey“ und „Post sortieren“. Bevor die anderen „Puzzle“ erraten können, fängt die Uhr an zu piepsen: Die Zeit ist abgelaufen.

Kainz hat das Asperger-Syndrom, eine Störung aus dem Autismus-Spektrum. Seit er etwa 16 Jahre alt ist, kennt er seine Diagnose. Heute ist er 35. Kainz hat viele Veranstaltungen besucht, bis er selbst aktiv werden wollte. Vor neun Jahren gründete er die Selbsthilfegruppe „Asperger Kultur Regensburg“.

11 000 Autisten in der Oberpfalz

Kainz ist nur einer von vielen Asperger-Autisten. Doch wie viele sind es wirklich? Eine genaue Zahl zu bestimmen sei schwierig, sagt Heike Vogel, Diplom-Sozialpädagogin beim Netzwerk Autismus in Regensburg. Dazu gebe es bislang nur vorsichtige Schätzungen. Die Abgrenzungen der verschiedenen Formen des Autismus werde es in der Zukunft so nämlich nicht mehr geben. „Es wird nur noch von Autismus-Spektrums-Störungen gesprochen, weil die Übergänge fließend sind. Mit den Abgrenzungen wurden künstliche Grenzen geschaffen.“ Man gehe aber davon aus, dass ein Prozent der Weltbevölkerung Autisten sind. In der Oberpfalz sind es somit etwa 11 000, sagt Vogel.

„Es gibt Regeln in der Gesellschaft, die ich erst einmal verstehen musste.“

Christoph Kainz

Manche bekommen ihre Asperger-Diagnose erst im Erwachsenenalter. Das könne daran liegen, dass viele Ärzte den Autismus nicht auf dem Schirm haben, sagt Vogel. Auch sei die Diagnostik erst in den vergangenen 15 bis 20 Jahren ausgereift. „Es sind heute nicht mehr Autisten geworden, man hat einfach bessere Instrumente.“ Außerdem entwickeln Betroffene im Alltag Strategien, um nicht aufzufallen, sagt Vogel. Viele werden nie diagnostiziert. „Da gibt es mit Sicherheit eine relativ hohe Dunkelziffer – vor allem im Asperger-Autismus, weil die Menschen oft nicht so auffallen.“

Eine Lehrerin von Kainz hat sich damals an das BKH gewandt und die Vermutung geäußert, dass er Autist ist. Die Diagnose war für Kainz „eine totale Befreiung. Endlich wusste ich, was mir fehlt.“ Er glaubt, dass es seinen Eltern genauso ging. Kainz hat schon immer gewusst, dass er anders ist als die anderen. „Es gibt Regeln in der Gesellschaft, die ich erst einmal verstehen musste.“ Für andere sei das selbstverständlich gewesen.

Gemeinsam mit seinen Eltern hat er Veranstaltungen besucht und sich Hilfe geholt. Kainz hat auch mit einer Ergo-Therapeutin gearbeitet. Sie hat ihm geholfen, Mimik und Gestik zu erkennen, Small Talk zu führen und zu entscheiden: Wem gebe ich bei einer Begrüßung die Hand und wem nicht? Solche Dinge erschließen sich ihm nicht intuitiv.

Blickkontakt ist schwierig

Small Talk ist für Kainz nicht selbstverständlich. „Eigentlich ist mir das zu oberflächlich.“ Immer wieder schweift sein Blick ab, er schaut auf seinen beigen Strickpulli mit den dunkelbraunen Holzknöpfen oder fährt sich über sein lichtes, dunkles Haar. Wenn er nachdenkt, bildet sich eine Falte auf seiner Stirn. Anderen in die Augen zu schauen, fällt Autisten schwer.

Kainz spricht offen über seinen Autismus. Dafür hat er sich ganz bewusst entschieden. „Die meisten Menschen gehen dann ganz positiv damit um“, sagt er. „Außerdem wissen sie dann, dass sie keine Angst haben müssen, Autisten zu begegnen.“ Denn viele hätten gewisse Erwartungen. „Nicht alle sind gleich, nicht jeder ist so, wie der Mann in Rain Man.“

Mittlerweile lebt Kainz alleine in Regensburg in einer Eigentumswohnung. Seit vier Jahren hat er eine Freundin. Seine Selbstständigkeit habe er seinen Eltern zu verdanken, sagt er. Sie haben ihn sehr unterstützt. Seit Anfang des Jahres arbeitet er bei einer Catering-Firma, die Kantinen und Küchen betreibt, und erledigt dort Reinigungsarbeiten. Zuvor war er sechs Jahre lang in einem Unternehmen tätig – bis es Konkurs angemeldet hat. Die Arbeit in der neuen Firma gefällt ihm. „Ich mache oft die gleichen Sachen, aber mir macht das Spaß“, sagt er.

Sara W. (Name der Redaktion bekannt) kennt das Gefühl. Sie ist selbst Asperger-Autistin. „Wir langweilen uns nicht so schnell“, sagt sie. Ihr ist es wichtig, die positiven Seiten des Autismus hervorzuheben. „Detailgenauigkeit und Konzentration – das hat jeder. Nur wir sind eben besser darin.“ In ihrer Stimme schwingt Stolz mit.

Er kocht leidenschaftlich gerne

Seinen Job bei der Catering-Firma hat Kainz ohne Hilfe gefunden. Weil er ein leidenschaftlicher Koch ist, erschien ihm das Stellenangebot so passend. „Am liebsten koche ich mediterran und asiatisch. Aber eigentlich probiere ich alles aus“, sagt er. Seine Freundin hat vorgeschlagen, dass er seine Rezepte niederschreiben soll, denn: Sie sind ungewöhnlich. „Manchmal mache ich Kartoffelsalat mit Melone oder karamellisierten Äpfeln, das schmeckt wirklich gut. Einmal habe ich auch Zucker und Salz beim Kochen verwechselt – und dann ist der Krautsalat echt lecker geworden.“

Lesen Sie auch: Autisten haben oft Probleme, einen Job zu finden. Lukas Wild aus Hemau ist ein Paradebeispiel für berufliche Inklusion.

Kainz wäre gerne Koch. „Aber ich wäre wohl zu langsam, um in einer Küche zu arbeiten“, sagt er. In seiner Freizeit spielt er Fußball oder guckt „Die Simpsons“. Seit etwa sechs Jahren ist er Mitglied der neo-buddhistischen Won-Gemeinde in Regensburg. „Ich glaube seit Jahren an Wiedergeburt und bin schon mein Leben lang überzeugter Pazifist“, sagt Kainz. „Ich habe mich immer für meine Mitmenschen eingesetzt und da bin ich stolz drauf.“ Wenn in der Schule Stärkere auf Schwächere losgegangen sind, ist Kainz dazwischengegangen. „Da bin ich heute noch stolz drauf, und ich würde das jederzeit wieder tun.“

Im kommenden Jahr feiert die Selbsthilfegruppe „Asperger Kultur Regensburg“ ihr zehnjähriges Bestehen. Kainz kümmert sich schon um die Feier. Sara W. erklärt seinen Aktionismus: „Termine machen wir immer schon lange im Voraus fest – wenn sie abgesagt werden, verunsichert uns das.“

Diagnosearten des Autismus

  • Autismus-Spektrum-Störung

    In der Praxis fällt die Unterscheidung aufgrund von Schnittmengen und unterschiedlichen Schweregraden immer schwerer. Deswegen werden die Ausprägungen unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst.

  • Frühkindlicher Autismus:

    Er beginnt vor dem dritten Lebensjahr. Deswegen kann die Sprachentwicklung stark eingeschränkt sein. Diese Form von Autismus erschwert die Möglichkeit, selbstständig zu sein und sich an die soziale Umgebung anzupassen. Er ist bei Jungen stärker ausgeprägt. Auf fünf Jungen käme ein Mädchen, sagt Heike Vogel vom Netzwerk Autismus.

  • Atypischer Autismus:

    Betroffene zeigen die gleichen Symptome des frühkindlichen Autismus. Sie zeigen sich aber erst nach dem dritten Lebensjahr. Der atypische Autismus kann auch dann vorliegen, wenn die betroffene Person nicht alle Merkmale von Autismus aufweist.

  • Asperger-Syndrom:

    Diese Form von Autismus ist nicht nur mit Beeinträchtigungen, sondern auch mit Stärken verbunden, zum Beispiel in den Bereichen Wahrnehmung, Genauigkeit und Konzentration. Das Asperger-Syndrom wird in der Regel erst nach dem dritten Lebensjahr sichtbar. Auch hier sind Jungen stärker betroffen als Mädchen. Auf neun Jungen käme ein Mädchen, sagt Vogel. „Es gibt aber Hinweise, dass die Zahlen sich langfristig verändern.“ Die Dunkelziffer der insgesamt Betroffenen sei hoch.

Weitere Nachrichten aus Regensburg lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht