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Regensburg
Donnerstag, 29. September 2016 24° 1

Gesundheit

Beste Pflege, wenn’s ums Gehirn geht

Die neurologische Reha am Regensburger Bezirksklinikum lindert Katastrophen im Kopf: mit Finessen und sogar mit Geräuchertem.
Von Heinz Klein, MZ

Mit Bildern, Fotos, Gerüchen, Klängen und Geschmacksimpulsen versuchen Therapeuten, Menschen im Wachkoma zu erreichen. Foto: dpa-Archiv/NDR

Regensburg.Es tut kein bisschen weh und es lässt sich viel Zeit, aber am Ende ist es die gefährlichste und tödlichste Krankheit in dem Teil der Welt, der im Wohlstand lebt: Dr. Gerhard Weber spricht vom Bluthochdruck und wenn der stets freundliche, joviale Chefarzt dieses Wort in den Mund nimmt, kann er ausnahmsweise grimmig dreinschauen. Die mögliche Folge des Bluthochdrucks, Schlaganfälle oder Gehirnblutungen, versucht der Chef der neurologischen Rehaklinik am Bezirksklinikum zusammen mit einem Stab von Mitarbeitern zu lindern und deren Folgen zu minimieren.

Am Freitag wird diese vom Bezirk Oberpfalz getragene Regensburger Einrichtung, die mit dem kompletten Behandlungsnetz der neurologischen Rehabilitation einmalig in Deutschland ist, 20 Jahre alt. Viele Menschen in dieser Region wissen gar nicht, was sie da im Fall der Fälle in Regensburg für ein Schatzkästchen haben, sagen Insider.

Gerüche reichen bis in die Seele

Dr. Gerhard Weber leitet die neurologische Reha als ärztlicher Direktor seit ihrem Beginn und kann erzählen, mit welchen Finessen sein Team arbeitet, um ins Koma gefallene Patienten in den Tiefen dieser Zwischenwelt zu erreichen und wieder in die Welt des Bewussten zu lotsen. „Gerüche gehen am tiefsten ins Seeleninnere“, sagt Dr. Weber. Folglich arbeiten speziell in Aromapflege ausgebildete Mitarbeiter mit naturreinen ätherischen Ölen, die über das limbische System Einfluss auf die Gefühlswelt und Wiedererkennung haben. Patienten im Wachkoma, die zwar kauen können, aber nicht schlucken dürfen, bekommen in Gazebeutelchen gewickelte Geschmacksträger in den Mund gelegt: Aprikosenstückchen etwa oder auch fein geschnittenes Geräuchertes.

„Der stärkste Aufwachreiz ist die Gravitation“, sagt der Klinikchef. Also werden Komapatienten vertikalisiert, auf die Beine gestellt. Patienten im Wachkoma bekommen Bilder von vertrauten Menschen oder Haustieren gezeigt, Lieblingsmusik vorgespielt. Pfleger führen männlichen Patienten ihre eigene Hand mit dem Rasierapparat, um ihnen jahrelang vertraute Bewegungen und vertrautes Vibrieren nahe zu bringen. Ergotherapeuten arbeiten körperlich sehr eng mit Komapatienten, lagern sie in oder auf viele kleinen Kissen und Säckchen, verwenden Klangschalen und Trommelrhythmen. „Die Therapeuten sind unheimlich erfinderisch“, freut sich der Chef.

Manchmal hilft aber auch einfach das Glück. Als der Chefarzt neben einer Wachkomapatientin stand und in seinem leicht fränkischen Idiom einen Pfleger fragte, ob diese Patientin eine Fränkin sei, begann die Frau zur Verblüffung aller Anwesenden zu sprechen und stellte klar: „Ich bin eine waschechte Niederbayerin!“ Natürlich war die Patientin schon länger auf dem Weg aus dem Wachkoma, schmunzelte Dr. Weber, aber seine Bemerkung hatte wohl den Anstoß zum endgültigen Aufwachen gegeben. Ein fränkischer Therapieansatz, der allerdings nicht Eingang in die Schulmedizin gefunden hat.

Wieder guter Laune: die patienten Stephan Lehner (links) und Ulrike Riezler, im Hintergrund Dr. Gerhard Weber (links) und Dr. Günther Mayer. Foto: Klein

Patienten mit Schlaganfall oder Gehirnblutung (auch durch Kopfverletzungen bedingt) sind oft nur vier Tage in der Akutmedizin, aber vier Monate oder länger in der neurologischen Reha. Ulrike Riezler gehört mit zweieinhalb Jahren Verweildauer zu den absoluten Langzeitpatienten. Die damals 45-Jährige brach 2009 bewusstlos zusammen. Ein Aneurysma, also eine krankhafte Aussackung einer Schlagader im Gehirn, hatte sich geöffnet. Wenn Blut an die Gehirnhäute kommt und diese reizt, entsteht gigantisches Kopfweh. „Vernichtungskopfschmerz“ nennt Dr. Weber dieses Phänomen, dass bei kleinen Blutungen auch wieder vergehen kann. Immer ist dies aber höchste Alarmstufe für die sofortige Einlieferung in eine Stroke Unit.

Ulrike Riezler schwebte Monate im Wachkoma und in Lebensgefahr. Bei ihr ergaben sich alle Komplikationen, die man sich nur denken kann, erzählt der Klinikchef. Dass sie heute vor einem sitzt wie eine gesunde und noch dazu humorvolle Frau, ist ein „kleines Wunder“, sagt Dr. Weber. Manche hatten die Patientin schon als aussichtslosen Fall aufgegeben, doch der Oberarzt Dr. Günther Mayer ließ nicht locker. „Die Mutter Gottes und Dr. Mayer haben mich ins Leben zurückgebracht“, sagt Ulrike Riezler. Nur über die Anteile an dem Verdienst sind sich die beiden nicht einig. Der bescheidene Doktor würde den größten Teil gerne der Muttergottes zuschreiben.

Den Finger auf dem Puls haben

Auch Stephan Lehner schwebte zwischen Leben und Tod. Eine Blutung im Stammhirn ließ den Feinmechaniker zusammenbrechen. Der Hirninfarkt setzte vegetative Steuerungen und auch die Regulierung der Körpertemperatur außer Kraft. Der Patient musste mit Blutdruck 300 mit Eis gekühlt werden. Der Ausfall des Augenschließmuskels ließ die Hornhaut eintrocknen, Gesichtsnerv und Unterkiefer waren gelähmt. Stephan Lehner hat den Hirninfarkt überlebt, kann nach Pflege, Reha und Nachsorge wieder schlucken, reden und mit leichter Sprachbehinderung und feinem Humor erzählen, dass das Leben auch im Rollstuhl lebenswert ist.

20 Jahre hat Dr. Weber mit seinem Mitarbeiterstab hunderten Patienten Individualität, Sprache, Beweglichkeit und Lebensmut wiedergegeben. „Doktor Menschlichkeit“ wird der stets freundliche Chef bisweilen genannt. Nach 20 Jahren geht Gerhard Weber Ende November in den Ruhestand. Was er sich wünscht? Dass Bluthochdruckpatienten besser darauf achten, dass ihr Blutdruck gut eingestellt ist. Zudemd sollten sie immer mal einen Finger auf den Puls legen. „Kann jeder machen, nebenbei beim Fernsehen“, rät Dr. Weber. Unregelmäßiger Puls kann ein Signal für Vorhofflimmern sein – Folge von zu hohem Blutdrucks und Risikofaktor für den Schlaganfall.

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