mz_logo

Regensburg
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Neubaugebiet

Brandlberg: Die Betonmasse wächst

Von 197 auf 563 Wohnungen: Der „Obstgarten-Entwurf“ ist Geschichte. Ein Architekt sagt: Das IZ hat Urheberrechte verletzt.
Von Micha Matthes, MZ

  • Ursprünglich sollten am Brandlberg 197 Wohnungen gebaut werden. Heute sehen die Planungen 563 Wohneinheiten vor. Fotos: Lex
  • Ursprünglich sollten am Brandlberg 197 Wohnungen gebaut werden. Heute sehen die Planungen 563 Wohneinheiten vor. Fotos: Lex

Regensburg.Das Zauberwort heißt Nachverdichtung. Regensburg boomt, der Wohnraum ist knapp und im Stadtgebiet gibt es kaum mehr Flächen für Baugebiete. Deshalb hat der Stadtrat 2016 eine Wohnbauoffensive gestartet. Dabei sollen auch Flächen mit Potenzial für zusätzliche Wohnungen aufgespürt werden. In Zeiten des Wohnungsmangels wird jede neue Option begrüßt. Wie weit darf eine solche Verdichtung aber gehen? Architekten sehen die Situation im Neubaugebiet Brandlberg skeptisch.

Mehrgeschossbauten dominieren

In einer Beschlussvorlage von 2013 waren dort noch 150 Einfamilienhäuser mit 197 Wohneinheiten (WE) vorgesehen, 2016 stieg die Zahl in einer weiteren Vorlage auf 275 WE. Im August 2016 sprach das Immobilienzentrum Regensburg (IZ), das das Wohngebiet entwickelt, in einer Mitteilung dann von 400 WE.

Das Immobilienzentrum feierte im November 2016 gemeinsam mit OB Joachim Wolbergs (Mitte) und Gerhard Tausendpfund (rechts daneben), der das Bauareal an das Unternehmen verkauft hatte, den Spatenstich am Brandlberg. Archivfoto: Steffen

Und beim Spatenstich am 9. November 2016 verkündeten die Verantwortlichen, dass 500 frei finanzierte und 63 öffentlich geförderte WE unterschiedlicher Größe entstehen: Einfamilien- und Doppelhäuser sowie Reihen- und Kettenhäuser, ein Investitionsvolumen von 150 Millionen Euro. Die Geschossfläche- und Geschossflächenzahl sei im Bebauungsplan festgelegt, heißt es auf Nachfrage vonseiten des IZ. Um auch Anforderungen des Marktes gerecht zu werden, seien Umplanungen vorgenommen worden: Aus den großen Häusern wurden kleinere Häuser und Wohnungen. Daraus resultiere die Mehrung von Wohneinheiten.

Ursprünglich sollten am Brandlberg 197 Wohnungen gebaut werden. Heute sehen die Planungen 563 Wohneinheiten vor. Fotos: Lex

Die Stadt gibt sich in Hinblick auf die WE-Zahl kulant. Jeder Investor könne im Rahmen der Festsetzungen eines Bebauungsplanes die prognostizierte Anzahl an WE überschreiten, wenn er beispielsweise die nötigen Stellplätze und alle sonstigen Auflagen erfülle, schreibt das Planungsamt. Nach der Stellplatz-Satzung wird sich am Brandlberg somit auch die Anzahl der Parkplätze gegenüber dem ursprünglichen Entwurf mehr als verdoppeln. Den Schwenk von einer Einfamilienhausstrategie zum Geschosswohnungsbau begründet die Stadt mit der „absehbaren Wohnungsknappheit“. Dem Bebauungsplan liege „in einigen Teilbereichen“ der planerische Ansatz sowohl für Einfamilienhaus- als auch Geschosswohnungsbau zugrunde.

Fährt man die Pilsenallee entlang, dominieren heute die mehrstöckigen Gebäude, die sich bis an die Ränder des Baugebiets erstrecken. Die Betonmasse fällt auf, zumal das Leitmotiv des ursprünglichen Entwurfs „Wohnen im Obstgarten“ lautete. 2012 hatte die Augsburger Firma Titus Bernhard Architekten den von der Stadt ausgelobten Wettbewerb gewonnen. Etwa ein Jahr später wurde das Grundstück an das IZ verkauft.

Den neuen Eigentümern wirft das Architekturbüro Urheberrechtsverletzungen vor. „Der zuständige Geschäftsführer des IZ hatte hinter unserem Rücken ohne Abstimmung weiterentwickelt, nur Informationen von uns geholt und massiv das Urheberrecht verletzt“, sagt Architekt Titus Bernhard. Auf die Vorwürfe antwortet das IZ: „Das wundert uns sehr, denn es gab zwischen den Parteien im Jahr 2015 eine einvernehmliche Einigung.“ Die Architekten erhielten damals eine Entschädigung, die sich laut Bernhard vor dem Hintergrund der nun wesentlich höheren WE-Zahl aber als „lächerlich“ erweise. Er will erneut juristische Schritte prüfen.

„Gesamte Baustruktur verändert“

Andreas Eckl, Vorsitzender des Architekturkreises Regensburg, ist der Meinung: „Dichte kann man gut organisieren und damit auch Qualität schaffen“. Am Brandlberg sieht er dennoch eine „erstaunliche WE-Erhöhung, bei der man sich ernsthaft fragen muss, mit welchen Mitteln das gut gelingt.“

Ursprünglich sollten am Brandlberg 197 Wohnungen gebaut werden. Heute sehen die Planungen 563 Wohneinheiten vor. Fotos: Lex

Landschaftsarchitekt und Stadtplaner Bernd Rohloff sieht das ähnlich. Am Brandlberg habe es von Anfang an durchaus Potenzial für eine qualitativ hochwertige, dichte Bebauung gegeben. Die Steigerung der WE sei nun jedoch so „eklatant“, dass man sie skeptisch sehen müsse. „Die Wohneinheiten fast verdreifachen – das ist schon eine sehr ungewöhnliche Angelegenheit. Es kann nur heißen, dass die gesamte Baustruktur jetzt eine andere ist.“ Problematisch sieht Roloff das Prozedere, wenn nach einem Wettbewerb ein Wechsel stattfindet: Es könne zu einer Minderung der Qualität führen. „Ohne die Bestärkung eines Wettbewerbs im Rücken sind die neuen Planer ganz stark auf ihren Auftraggeber fokussiert, der natürlich auch Profit machen will. Wie viel von der Ursprungsidee dann noch gerettet wird, steht immer in Frage.“

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

  • IT
    Inge Traublinger
    15.11.2017 20:48

    Es ist nicht so, dass es in Regensburg keinen Badarf an EFHs geben würde. Jedoch müssen diese bezahlbar sein und vom Preis-Leistungsverhätnis stimmen. Ein EFH für mehr als 1.000.000 ist für den Normalbürger eben nicht finanzierbar. Dazu sollten die Grundstücke zu familienfreundlichen Preisen an Privatleute mit Bauzwang verkauft werden statt an die großen Firmen. Die Immobilienwirtschaft in Rbg ist korrupt, wieder mal ein tolles Beispiel zur Gewinnmaximierung der Großen und die Stadt spielt mit.

    Missbrauch melden

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht